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Marburg Süßer, böser Waschbär
Marburg Süßer, böser Waschbär
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00:15 16.01.2019
Auch dieser Waschbär wird eigentlich erst ab der Dämmerung munter. Wenn man sie gewähren lässt, treiben manche Exemplare auch am helllichten Tag Unsinn. Quelle: Jochen Lübke
Marburg

Sie haben keine ernstzunehmenden natürlichen Feinde und sind mehr oder weniger auf dem Durchmarsch durch Europa. Die englische Presse bezeichnet sie zuweilen als „Nazi-Waschbären“, nicht wegen Invasionsabsichten, sondern deren Geschichte auf dem europäischen Kontinent. Der spätere Reichsmarschall Hermann Göring ordnete 1934 an, dass zwei Waschbärpaare am Edersee ausgesetzt werden sollten. Der begeisterte Jäger wollte mit den in Nordamerika beheimateten Tieren die Fauna des Reichs bereichern, vor allem Jagd auf sie machen.
Die Kleinbären überlebten die Nazigröße und vermehrten sich prächtig. Nach dem Krieg lebten ein paar Dutzend Waschbären in Deutschland, 25 Jahre später schon 20 000. Heute sind es vermutlich viele Hunderttausende. Aber niemand weiß das genau.

„Waschbären kamen 2017 in mehr als der Hälfte der Reviere in Deutschland vor – eine Verdopplung in elf Jahren“, berichtete der Deutsche Jagdverband (DJV) Ende Dezember. Die strukturierte Beobachtung (Monitoring) brachte zutage, dass  – wie bei Marderhund und Mink – der Verbreitungsschwerpunkt im Nordosten liegt.
Der DJV fordert ein Bekenntnis zur Fallenjagd, um die EU-Vorgaben für invasive Arten zu erfüllen.

Wildtierschützer für „Laissez-faire“

Dem scheint nun auch die schwarz-grüne Landesregierung Folge zu leisten: Die Schonzeit für Jungwaschbären könnte aufgehoben werden. Sie beginnt  am 1. März und endet am 31. Juli. Wildtierschützer sehen diese Absichtserklärung als Kniefall vor der Jäger-Lobby. Sie argumentieren, eine Studie habe zutage gebracht, dass vom Waschbär keine Gefahr für bedrohte Arten ausgehe. Der Landesjagdverband Hessen hält dem entgegen: Für den Allesfresser seien Jungvögel und Vogeleier ein Leckerbissen. Er mache auch vor Junghasen und Haushühnern nicht Halt. In der Jagdsaison 2006/2007 wurden in Hessen 7 853 Waschbären zur Strecke gebracht, 2017/2018 waren es 28 089 Tiere.   

Der Kleinbär hat längst die Stadt als Rückzugsraum erobert, findet dort Wasser und Nahrung im Überfluss. Jeder Rasen ist ein gedeckter Tisch – mit Regenwürmern und Schnecken im Überangebot. Jeder Komposthaufen und jede Biotonne sind beliebte Speisekammern. Viele Mitmenschen erfreuen sich an seinem putzigen Aussehen und füttern ihn regelmäßig. Und wie sehen das die heimischen Jäger? Ernst Ludwig Müller, Vorsitzender der Jägervereinigung Hinterland, berichtet von „vielen Mitmenschen draußen auf den Dörfern, die sich beschweren, weil die Waschbären beispielsweise auf den Dachböden oder in den Gärten ihr Unwesen treiben“.

„Die Kleinbären sind bei uns sehr aktiv und stark vertreten“, sagt er und berichtet, in seinem Revier in Gladenbach-Friebertshausen würden Wildwechsel  mit Kameras überwacht, auch Schwarzwildkirrungen, festgelegte Plätze, wo Nahrung in kleinen Mengen ausgelegt wird. Diese dienen der bessern Bejagung der Wildschweine, gerade in Hinblick auf die Eindämmung der Schweinepest.

Waschbären freuten sich sichtlich über das Futter, vier bis fünf zur selben Zeit seien dort keine Seltenheit. „Die sind schwer zu bejagen“, sagt Müller, bedauert die gegenwärtige Gesetzeslage und erklärt: „In den Zeiten, in denen wir sie leichter bejagen können, ist die Jagd verboten.“ Im Grunde sei lediglich die Bejagung mit Fallen möglich. „Das ist aufwendig.“ In Hinblick auf den ländlichen Raum sei deshalb die Änderung der Gesetze sinnvoll, sagt der Vorsitzende der Hinterländer Jäger. Wer in Frankfurt im neunten Stock wohne, der werde sagen: „Das arme, schöne Tier.“

Die Landbevölkerung sehe das zum Teil anders. Müller nennt als Beispiele umgeknickte Äste an Obstbäumen, Schäden an Photovoltaikanlagen, unter denen man sich so schön verstecken kann. „Sie sind auch Nesträuber, zum Speiseplan gehören  auch Junghasen, kleine Kitze und Vögel. Bis zu einer gewissen Größe gibt es fast nichts, was vor dem Waschbären sicher ist“, sagt der Gladenbacher. Nicht die Bejagung, sondern die Fuchsräude habe dazu geführt, dass vor ein paar Jahren die Population der Waschbären vorübergehend zurückgegangen sei, vermutet er. „Der Waschbär gehört nicht hierher“, sagt der Fachmann und begründet dies mit den fehlenden natürlichen Feinden. Allenfalls sehr starke Füchse und der Uhu schnappten sich den einen oder anderen schwachen Waschbären.

Kleinbär macht zuweilen viel Unsinn

Und wie sehen das die Jäger im Marburger Land? Dr. Gerhard Willmund, Vorsitzender der Jägervereinigung Marburg, wohnt seit vielen Jahren in der Gemeinde Wohratal, am Rande eines Dorfes. „Wir leben mit Waschbären zusammen“, sagt er und berichtet: „Mit Einbruch der Dämmerung kommen sie aus landwirtschaftlich genutzten Gebäuden, laufen meist in geschlossener Ordnung – solange die Jungtiere noch sehr klein sind – der Bärin hinterher.“ Dann löse sich der Verband. „Und sie beginnen, auf den Grundstücken ein wenig Unsinn zu machen“, beschreibt er. Unter den Bedingungen des dörflichen Lebens sei die Lage recht entspannt, so seine Einschätzung. Wer Obstbäume im Garten habe, der schimpfe gelegentlich, „weil die Waschbären in das Obst gehen“. Ansonsten höre man nichts Dramatisches. Das seien seine privaten Erfahrungen. Als Vorsitzender der Jägervereinigung sei er gewissermaßen die Klagemauer der städtischen Bevölkerung, erzählt er. Er bekomme regelmäßig Anrufe. Die Klagen würden mit Sorge vorgetragen, gleichwohl sei die Last teilweise kurios. Etwa wenn sich ein Waschbär in einer Mülltonne selbst eingeschlossen habe.

Dann werde er durchaus gebeten, den Bären aus der Tonne zu holen. Seiner Empfehlung, die Tonne hinzulegen und den Deckel zu öffnen, wird schon mal erwidert, auf diese Weise falle der Müll aus der Tonne. Erfolgreicher war ein Tipp an einen anderen Anrufer: Der beklagte, im Holzschuppen habe sich ein Waschbär eingenistet und reagiere mit Fauchen beim Anblick eines zweibeinigen Gegenübers. Willmund kündigte an: Die Bärin werde mit ihren Jungen verschwinden, wenn der Nachwuchs groß genug sei. Der Vorsitzende resümiert, dass sich die Landbevölkerung mit dem Kleinbären weitgehend arrangiert hat. Hingegen kultiviere die Stadtbevölkerung ein wenig ihre Bedenken. Die Zunahme der Waschbärenpopulation lasse sich akademisch gut diskutieren, sagt Willmund.

Schwierig könnte es nach seiner Auffassung werden, wenn man tatsächlich statistisch diese Sorgen untermauern müsste. Zuweilen hat der Jäger das Empfinden, dass herumstreunenden Katzen mehr Verständnis entgegengebracht wird als Waschbären. Wie sein Kollege im Hinterland betont auch er, dass der Waschbär schwer zu bejagen sei. Und er vermutet zudem, dass mancher Jäger, der sich stark mache für die Lockerung des Alttierschutzes und gegen die Bejagungsauflagen, noch nie einen Waschbären geschossen habe.

von Hartmut Berge