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Marburg Pohlheims Parlamentarier pro Outlet-Center
Marburg Pohlheims Parlamentarier pro Outlet-Center
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00:17 03.10.2018
Auf dieser Fläche in Garbenteich von Pohlheim könnte das Factory-Outlet-Center entstehen. Vergangene Woche stimmte das Pohl­heimer Parlament erneut für das Projekt. Quelle: Oliver Schepp
Marburg

Die Debatte um das geplante Factory-Outlet-Center (FOC) in Pohlheim geht in die nächste Runde. Die Stadt Marburg erneuert ihre ablehnende Haltung zu dem Schnäppchen-Laden-Projekt.

Vergangene Woche hatten die Pohlheimer Stadtverordneten noch einmal mehrheitlich für das Outlet-Projekt in Garbenteich gestimmt. Nun soll die Zeit der Gutachten beginnen. Noch in diesem Jahr werde damit begonnen, sagte Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann. Ein konkretes Datum nannte er nicht, „zunächst müssen wir die Gutachter auswählen“. Dazu werde eine Art Ausschreibung gestartet, um die geplanten Gutachten zur Verträglichkeit eines FOC für die Bereiche Einzelhandel, Umwelt und Verkehr anzugehen. Mit Ergebnissen sei indes nicht vor Ostern 2019 zu rechnen, erklärte Schöffmann.

Das Outlet-Projekt ist unter den Pohlheimern umstritten, ebenso das Ergebnis des zuletzt gescheiterten Bürgerentscheids von August, das viel Interpretationsspielraum beinhalte:. „Die Mehrheit der Bevölkerung will kein Outlet-Center“, sagte Horst Biadala von der SPD-Fraktion, während der CDU-Abgeordnete Reiner Leidich betonte: „Das Quorum wurde nicht erreicht. Punkt.“ Der Ausgang des Bürgerentscheids müsse die Konsequenz haben, die Outlet-Pläne zu beenden, erklärte Sabine Scheele-Brenne (SPD).

Nachbarn erklärten Ablehnung gegen Outlet

„Geben Sie sich einen Ruck“, wandte sich Scheele-Brenne an den Bürgermeister und die Koalition. „Ersparen Sie der Stadt weitere Auseinandersetzungen und Rechtsstreitigkeiten“.
Sie verwies zudem auf vergangene Resolutionen und Erklärungen gegen das Outlet-Projekt aus Gießen, Marburg, Grünberg, Langgöns, Hungen und vom Kreistag.

Andere befürworten dagegen das Center. Wie Leidich betonte, habe man sich lange genug, eineinhalb Jahre lang, mit dem Thema auseinandergesetzt. Neben dem FOC wolle man auf zwei Dritteln der Fläche in Garbenteich auch Gewerbe entwickeln. „Die Leute warten darauf“, sagte er. Mehrere Firmen seien in den vergangenen Jahren abgewandert, nun müssten neue Gewerbefläche her. CDU, Freie Wähler und FDP stimmten am Ende – wie beim Aufstellungsbeschluss – für das Großprojekt, SPD und Grüne dagegen. 

Während sich vor allem die Befürworter von dem Vorhaben eine Belebung des Einzelhandels versprechen, zittert so manche Nachbarstadt um die eigene Wirtschaftskraft. Mehrere Städte in der Umgebung, darunter auch Marburg, bangen angesichts der möglichen Konkurrenz des geplanten Schnäppchen-Ladens um die eigenen Kommunen. Denn sollte das Center tatsächlich in Pohlheim gebaut werden, dürfte es einen Teil der Kaufkraft aus der Region abziehen und zum Problem für den stellenweise sowieso schon geschwächten Einzelhandel in den Innenstädten werden, so zumindest die Befürchtung.

Stadt glaubt nicht an Erfolg des Pohlheimer Projekts

Nach dem Beschluss des Pohlheimers Parlament erneuerte die Stadt Marburg auf Nachfrage ihre Haltung, sprach sich gegen das Outlet-Projekt aus. Daran ändere auch der gescheiterte Bürgerentscheid nichts. Dabei trete die Universitätsstadt „geschlossen“ mit Gießen und Wetzlar auf. Alle drei Oberzentren hätten sich „gegen Planung und Bau eines FOC in Pohlheim mehrfach ausgesprochen“, teilte die Pressestelle mit.

Die Stadt glaube auch nach wie vor nicht an den Erfolg des Vorhabens. Man gehe davon aus, „dass Pohlheim die erforderliche Abweichung vom Regionalplan für ein FOC nicht erreichen wird“. Mögliche rechtliche Schritte erwäge die Stadt derzeit noch keine, da das eigentliche Vorhaben noch nicht begonnen habe.

Auch die IHK Kassel-Marburg erkennt in dem Aufbau eines mittelhessischen Outlets eine gewisse Gefahr für lokale Händler: „Ein nahe gelegenes Outlet-Center birgt selbstverständlich das Risiko, dass Kaufkraft aus der Region abgezogen und so der lokale Einzelhandel und in der Folge die Innenstadt geschwächt wird“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Oskar Edelmann.

IHK sieht schlechte Erreichbarkeit als "große Gefahr"

Über das mögliche Ausmaß lasse sich dabei nur spekulieren. Generell appelliere die IHK jetzt erst recht an die Stadt, als Reaktion auf das Projekt Marburg für Kunden attraktiver zu gestalten. Neben einem sinkenden Konsum oder dem Onlinehandel leide der stationäre Einzelhandel unter „der eingeschränkten Erreichbarkeit der Marburger Innenstadt“ – die sei „eine ebenso große Gefahr“, spricht sich Edelmann für mehr Parkraum aus, aber auch für die Schaffung eines „Erlebnisraums“ für die Kunden.

Würden diese durch weitere Anreize angelockt, entfalle zu einem Teil die Anziehung eines viele Kilometer entfernten Outlets. „Sporadische Shoppingausflüge dorthin sind dann für Marburg eher verkraftbar und der Löwenanteil der regionalen Kaufkraft sollte weiterhin hier verbleiben“, schätzt Edelmann. Die IHK plant, in Abstimmung mit den benachbarten Kammern, die Positionen der heimischen Wirtschaft im Rahmen der Bauleitplanung des Pohl­heimer Projekts einzubringen.

Dieses ist indes nicht das einzige derzeit in Hessen: Im August hatte sich die Stadt Gelnhausen im Main-Kinzig-Kreis für ein innerstädtisches Outlet-Center ausgesprochen. Wie die Hessenschau berichtet, erteilte das Parlament am Mittwoch dem Projektentwickler GRK aus Leipzig den Zuschlag. Damit könnte das hessenweit erste innerstädtische Outlet-Center Ende 2020 eröffnen.

von Stefan Schaal und Ina Tannert