Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Sammler klagen über „lausiges Pilzjahr“
Marburg Sammler klagen über „lausiges Pilzjahr“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 25.11.2018
Wenige Pilze gibt es im Wald bei Mengsberg. Das Wetter in diesem hat Pilzsammlern einen Streich gespielt. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die andauernde Dürre würde auch bei der Pilz­ernte ihre negativen Folgen haben, prophezeite er im Spätsommer. 2003 gab es zwar einen noch wärmeren Sommer, doch habe es im Vergleich zu 2018 anschließend mehr geregnet. Dieser Regen fehlt dieses Jahr“, erzählte der Pilzfachmann beim Rundgang auf den Lahnbergen.

Selbst hitzerobuste Pilzarten wie der Perlpilz würden nur vereinzelt wachsen. Das Pilzgeflecht, das sogenannte Myzel, also der eigentliche Pilz, sei zwar im Boden oder im Holz vorhanden, es fehle aber das Wasser zum Wachsen. Mit Pilzen beschäftigt sich Grzybowski indes schon seit mehr als 40 Jahren. Seit über 20 Jahren leitet er die herbstlichen Pilzkurse in der Marburger Volkshochschule.

Pilzvergiftung

Bei einem Pilzvergiftungsverdacht empfiehlt sich zunächst der Anruf bei der Giftnotruf-Zentrale für Hessen unter der Telefonnummer 06131/19240. Auch der Marburger Pilzexperte Grzybowski ist für eine erste Beratung unter 06421/809160 erreichbar. Klappt beides nicht, sollte umgehend ein Arzt verständigt oder ein Krankenhaus aufgesucht werden.

Fans der modernen Technik werden bei der Pilzsuche (noch) enttäuscht. Wolfgang Prüfert hat für die Deutsche Gesellschaft für Mykologie einige Apps getestet. Sein Urteil: Pilzsammler, die bei der Suche nur auf eine App vertrauten, spielten mit ihrem Leben.     

„Es sollte mindestens eine Woche ausreichend regnen, dass man noch auf eine halbwegs gute Pilzernte 2018 hoffen kann“, sagte er während des Rundgangs im Spätsommer. Für die meisten Pilzsorten kamen die jüngsten Regenfälle zu spät. Wer hoffte, sich einen Vorrat anlegen zu können, wurde dieses Jahr bitter enttäuscht.

Allgemein habe die Artenvielfalt das ganze Jahr über gelitten. „Es gab nicht viele Pilze“, resümiert er nun. Deshalb fielen auch viele Wanderungen aus, auch andere Veranstaltungen wie eine in Marburg vom Pilzverein geplante Ausstellung. Wegen der Erfahrungen nach dem Hitzejahr 2003 schließen die Fachleute nicht aus, dass sich das trockene Jahr 2018 ebenfalls auf die nächste Pilzsaison auswirken wird, denn das Myzel wurde womöglich geschädigt.

Wolfgang Grzybowski kann selbst einer schlechten Saison noch Positives abgewinnen. „Es kann das beste Pilzjahr sein. Wenn es keine Steinpilze gab, dann war es für die meisten Leute ein lausiges Pilzjahr“, sagt er schmunzelnd. „Jetzt, da es geregnet hat, aber auch schon vorher in zarten Versuchen, haben die Pilze versucht, sich zu vermehren“, berichtet der Experte.

Vorkommen variieren von Standort zu Standort

So gab es nach seinen Worten eine Schwemme an Hallimasch. Schon vorher zeigten sich sehr viele sternschuppige Riesenschirmlinge, „allerdings im Wuchs meistens stark verkümmert“. Bereits vor zwei Wochen waren die Austernseitlinge sehr kräftig am wachsen. „Alles Pilze, die auf Holz gedeihen, in dem die Feuchtigkeit besser gespeichert wird als im Boden“, erläutert er. Auch im Spätherbst, ja sogar im Winter könne man Pilze sammeln. „Es kommt ganz darauf an, was man in seinem Sammelspektrum hat“, sagt der Marburger.

Partiell gab es – überraschenderweise – sogar starke Vorkommen an Steinpilzen. Andere Steinpilzstandorte seien leer gewesen, so seine Beobachtungen. Sammeln könne man, solange es Pilze gebe. Das sei eine Frage der Witterung sagt er und berichtet: „Ich habe an Heiligabend im Schnee Krause Glucken gefunden, die durchaus noch essbar waren.“ Wenn es zum Frost komme, seien die Fruchtkörper zum großen Teil nicht mehr verwertbar, erklärt er, weist aber darauf hin, dass es einige kälteresistente Pilzarten gibt.

von Jan-Patrick Wismar
 und Hartmut Berge