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Marburg Eine Virtuosin mit viel Sinn für Poesie
Marburg Eine Virtuosin mit viel Sinn für Poesie
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12:45 11.03.2018
Versunken in die Musik: die Pianistin Hisako Kawamura im Audimax. Quelle: Michael Hoffsteter
Marburg

Ihr „sehr deutsches Programm“, wie sie selbst sagte, eröffnete Hisako Kawamura am Sonntagabend im Audimax mit Johann Sebastian Bachs B-Dur-Partita BMW 825, in der sie als Virtuosin brillieren durfte – 
 besonders in den Ecksätzen. Mit gestochen klarer Artikulation ließ sie den Steinway fast wie ein Cembalo klingen. Und gestaltete eindringlich phrasierend, ganz nach innen gewendet die Sarabande mit ihrer reich ausgezierten Diskantmelodie.

Das setzte sich fort in 4 der insgesamt 20 Klavierstücke, die Johannes Brahms am Ende seines Lebens, quasi ein Fazit ziehend, komponiert hat – allesamt Monologe eines „freien, aber einsamen“ Menschen, wie er sich selbst charakterisiert hat. Die drei Intermezzi op. 117 nannte er gar „Wiegenlieder meiner Schmerzen“.

Zwischen Heiterkeit und Wehmut

Und sehr viel von dieser Stimmung ist auch enthalten in den Werkgruppen 116, 118 und 119. Allerdings nicht im A-Dur-Intermezzo op. 118/2, dessen Innigkeit und Herzlichkeit Kawamura in feinen Schattierungen Klang werden ließ, um sich dann mit der gebotenen kämpferischen Attacke der g-Moll-Ballade op. 118/3 zu widmen.

In starkem Kontrast dazu gestaltete sie anschließend das hoch poetische E-Dur-Intermezzo op. 116/4, wo sich bei aller Heiterkeit auch Wehmut Bahn bricht. Aus Versenkung und Entrückung befreite sich die Pianistin mit dem stürmisch bewegten g-Moll-Capriccio op. 116/3, in dessen ­
inbrünstigem Es-Dur-Mittelteil sie den Flügel wie ein Orchester klingen ließ.

Unendlich feine Abstufungen

In den schnellen Ecksätzen von Ludwig van Beethovens c-Moll-Sonate op. 13 „Pathetique“ und im Finale seiner cis-Moll-Sonate op. 27/2 betonte Kawamura mit furiosem Zugriff und technisch bravourös den rastlos-getriebenen Charakter, der auch von Auflehnung und Wut spricht, im Fall der „Pathetique“ nur kurz zur Ruhe kommt, einem Atemholen vor dem nächsten Spurt gleichend.

Mit unendlich feinen Abstufungen „sang“ sie die herrliche Liedmelodie des „Pathetique“-Adagios und ließ im einleitenden Adagio sostenuto der cis-Moll-Sonate­ ­deutlich werden, warum der Dichter Ludwig Rellstab dem gesamten Werk den Titel „Mondschein-Sonate“ gegeben hat. Einen anderen Mond brachte Kawamura in ihrer ersten Zugabe zum Leuchten: „Clair de lune“ von Claude Debussy. Und weil das Publikum weiter applaudierte und „Bravo“ rief, spielte sie noch Egon Petris Klaviertranskription der Arie „Schafe können sicher weiden“ aus Bachs „Jagdkantate“.

Umzug klappt reibungslos

Zuvor hatte Kawamura dem Publikum für sein Kommen ins Audimax gedankt und mit einem Augenzwinkern hinzugefügt „anstelle der Elb-, Entschuldigung: Lahnphilharmonie“. Warum eigentlich nicht? Angesichts der Kostensteigerung ­gegenüber den ursprünglichen Plänen sowohl in Hamburg als auch in Marburg hätte das von Grund auf sanierte Erwin-Piscator-Haus (EPH) durchaus diesen Namen verdient.

Der wegen der defekten Vorbühne im EPH kurzfristig notwendig gewordene Umzug ins Audimax klappte übrigens reibungslos – dank einer logistischen Meisterleistung einiger Konzertverein-Vorstandsmitglieder: Im Foyer des Hörsaalgebäudes waren Listen aufgehängt, aus denen jeder der 650 Besucher seine adäquat zur Stadthallenbestuhlung verteilten Plätze ersehen konnte. Und an den Eingängen gaben EPH-Mitarbeiter Hilfestellung. So begann das Konzert mit einer nur zehnminütigen Verspätung.     

von Michael Arndt