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Marburg Uni Marburg löscht unseriöse Quellen nicht
Marburg Uni Marburg löscht unseriöse Quellen nicht
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20:00 15.12.2018
Quellen müssen grundsätzlich kritisch hinterfragt werden, sagen die einen. Markierungen in Bibliotheksdatenbanken können beim Einordnen helfen, sagen die anderen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Als ich Literatur für meine Hausarbeiten recherchiert habe, habe ich nicht hinterfragt, ob sie seriös ist. Ich ­habe einfach angenommen, dass das richtig ist“, sagt eine Marburger Studentin des Fachs Sprache und Kommunikation auf Nachfrage der OP im Café Colibri in der Unibibliothek.

Journalisten des NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung (SZ) haben im Juli vergangenen Jahres aufgedeckt, dass es Zeitschriftenverlage gibt, die nur scheinbar wissenschaftlich sind. In den vergangenen Jahren haben bundesweit 5 000 Wissenschaftler dort publiziert. Wie geht die Uni Marburg damit um, dass solche Veröffentlichungen auch in ihren Datenbanken gelandet sind? Wie werden Studierende über das Thema ,Unseriöse Quellen‘ informiert? Die OP hat nachgefragt.

In den scheinwissenschaftlichen Verlagen werden eingereichte Texte ohne die anonyme Prüfung durch Fachkollegen (Peer Review) veröffentlicht. Teilweise wurde das Peer Review aber vorab angekündigt, um seriös zu wirken. So sind Wissenschaftler auf die Machenschaften hereingefallen.

Ideologie, Verschwörungstheorie, Lügen zum Klimawandel

Den Autoren ist es auch möglich absichtlich beispielsweise­ fragwürdige Studien zu veröffentlichen, um umstrittene­ Themen wissenschaftlich zu untermauern. Andere Motivationen für gefälschte Artikel können die Verbreitung von politischen Ideologien, Verschwörungstheorien oder Lügen­ über den Klimawandel sein. Solche Veröffentlichungen werden ­„Fake Science“ genannt. Entsprechende Verlage, die vom NDR genannt werden, sind „Waset“, „Omics“, „Science ­Domain“ und „IOSR Journals“.

Die Marburger Unibibliothek hat nach den Medienberichten eine Art Merkblatt veröffentlicht, sagt Christina Mühlenkamp von der Pressestelle. Es informiert darüber, wie eine ­seriöse Zeitschrift zum Publizieren gefunden werden kann. ­Eines der genannten Kriterien ist: „Finden Sie die Artikel der Zeitschrift in den Fachdatenbanken, die Sie benutzen?“.

Damit macht die Unibibliothek das Erscheinen von Literatur in ihren Datenbanken zu einem Qualitätskriterium. Gleichzeitig heißt es aber von der Pressestelle der Uni, dass Artikel und Zeitschriften aus den Raubverlagen aus den Datenbanken der Universität nicht verschwinden sollen.

Christina Mühlenkamp schreibt dazu: „Was veröffentlicht ist, bleibt veröffentlicht.“ Denn: „Eine nachträgliche Tilgung käme einer Verfälschung beziehungsweise Zensur nahe.“­ Nicht jede Publikation in einem entsprechenden Verlag sei per se qualitativ weniger gut oder schlecht. Zudem könne jeder Fachkollege die Publikation selbst prüfen.

Transparente Aushandlung statt autoritärer Löschung

Anders sieht das der Deutsche Hochschulbund. Pressesprecher Dr. Matthias Jaroch erklärt: „Die regelmäßige Aussortierung von Publikationen aus pseudowissenschaftlichen Verlagen, die nachweislich keinerlei wissenschaftlichen Wert haben, ist wünschenswert.“ Universitätsbibliotheken seien dabei auf das Urteil von Experten angewiesen. Angesichts einer „Publikationsflut“ könnten die vielen Veröffentlichungen kaum noch alle gelesen werden und das Aussortieren sei für die Bibliotheken eine Sisyphusaufgabe.

Der Marburger Doktorand Malte Albrecht, der selbst als Lehrbeauftragter im Fach Politik schon das Thema wissenschaftliche Quellen behandelt hat, ist da anderer Meinung. Seiner Auffassung nach sollte es Aufgabe eines jeden, der wissenschaftlich arbeitet, sein, Publikationen zu prüfen. Weil Kritik und Hinterfragen in der Wissenschaft zum Grundkonsens gehörten,­ so der Politikwissenschaftler. Wer pauschal lösche, schaffe­ ein „Einfallstor für autoritäre­ Strukturen.“ „Dabei wird eine Schwelle der demokratischen Verfasstheit von Wissenschaft überschritten, und das sollte man auf jeden Fall vermeiden.“ Es sei normal, dass auch widersprüchliche Veröffentlichungen erschienen, zum Beispiel in Bezug auf den Klimawandel. Aber diese würden eben nicht von einer Hand kontrolliert, sondern transparent ausgehandelt.

Eine Marburger Lehramtsstudentin mit dem Fach Geschichte, die im siebten Semester ­studiert, erklärt, dass man sich auch auf qualitätsgeprüfte Sekundärliteratur nicht pauschal verlassen könne. Denn wie geschichtliche Ereignisse bewertet würden, ändere sich im Laufe der Zeit. Und so stünden, in jeweils zu ihrer Zeit angesehenen wissenschaftlichen Werken, ganz unterschiedliche Dinge.

Die Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB) bietet den Nutzern fast aller Bibliotheken im deutschsprachigen Raum Zugang, so auch der Philipps-Universität.

Artikel in Datenbank mit Qualitätskriterien versehen

Die EZB arbeitet derzeit daran, Publikationen mit Qualitätskriterien zu versehen. In einem Feld soll sich bald eine kurze Notiz finden, die auf eine seriöse Zeitschrift schließen lässt. Als Merkmal dafür dient, ob die Publikation im Directory of Open Access Journals (DOAJ) enthalten ist. In dieses Verzeichnis werden nur Zeitschriften mit Qualitätskontrolle aufgenommen.

Die Initiative für diesen Schritt sei von Forschern gekommen, sagt der Direktor der EZB, Dr. André Schüller-Zwierlein: „Aufgrund der wachsenden Anzahl an Zeitschriften, insbesondere Open-Access-Zeitschriften, wünschen sich viele Forschende zusätzliche Informationen zur Qualitätsbewertung von Zeitschriften.“ Einige Zeitschriften der Raubverlage (englisch Predator Journals) wurden mit „Predator“ gekennzeichnet. Löschen möchte die EZB keine Artikel.

An der Marburger Uni sind damit aber nicht alle elektronischen Zeitschriften markiert, da es auch welche gibt, die nicht über die EZB, sondern über die Datenbank „OPAC“ direkt zugänglich sind.
Eine Marburger Studentin aus dem Fach „Deutsch als Fremdsprache“ sagt, dass sie sich bei der Recherche oft nicht sicher ist, wie sie die besten Quellen, das „zitierfähigste Material“ finden soll. Über die Klassifizierung durch die EZB sagt sie: „Das würde mir mehr Sicherheit geben, wenn ich wüsste, dass die Quelle schon mal geprüft wurde“, so die 27-Jährige.

Die Aufnahme einer Publikation in die Uni-Datenbank versteht sie als Qualitätsmerkmal: „Wenn ich eine Quelle über die Unibibliothek finde, gehe ich ­eigentlich schon davon aus, dass sie seriös ist.“
Das Thema seriöse Quellen streifen laut Pressestelle der Marburger Uni freiwillige Schulungen der Universitätsbibliothek sowie verpflichtende Lehrveranstaltungen zum wissenschaftlichen Arbeiten.

Fachbereiche sollten fragwürdige Verlage listen

Dr. Matthias Jaroch, Pressesprecher des Deutschen Hochschulverbandes, der die Lehrenden vertritt, sagt, bei wissenschaftlichen Arbeiten von Studierenden sei es deren Aufgabe, „im Rahmen ihrer Möglichkeiten Veröffentlichungen auf Stichhaltigkeit und Seriosität zu prüfen“. Auch in die Bewertung müsse das einfließen: „Ob und inwieweit ihnen das gelingt, sollte sich auch in der Notengebung der Dozenten widerspiegeln.“ Dafür müssten letztere die Quellen natürlich auch selbst prüfen.

Bezüglich Publikationen bei Raubverlagen müsse „die Wissenschaft, deren Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht, selbstverständlich alles daran setzen, um dieses Unwesen einzudämmen“, so Jaroch. In der Pflicht sieht er dabei vor allem die Wissenschaftler selbst, die eigenständig über den Publikationsort entscheiden. Jaroch schlägt vor, dass universitäre Fachbereiche oder Fachgesellschaften fragwürdige Zeitschriften auflisten – „auch wenn sie niemals vollständig und aktuell sein können“.

von Freya Altmüller