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Marburg Stürmischer Applaus für riesigen Chor
Marburg Stürmischer Applaus für riesigen Chor
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00:17 17.03.2019
Ein imposantes Bild: Dirigent Daniel Sans breitet vor den 130 Sängerinnen und Sängern der Chöre Klangforum Marburg, des Liederkranz Germania Ober-Erlenbach und des Collegium marburgensis sowie des kleinen Orchesters die Arme aus.  Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Zu keinem anderen Werk der Musikgeschichte hat es wohl so starken Anlass zu Spekulationen gegeben wie über Wolfgang Amadeus Mozarts „Requiem“. Besonders der anonyme Auftraggeber regte hierbei die Fantasie an. Selbst viele Leute, die Mozarts „Requiem“ noch nie gehört haben, kennen die Szene aus Milos Formans Film Amadeus, wo Mozart im Angesicht seines eigenen Todes seinem Schüler das Requiem in die Feder diktiert, während ein geisterhafter Bote, gleichsam der Steinerne Gast aus dem Don Giovanni, an die Tür klopfend zur Eile mahnt, damit das Requiem auch sein eigenes werde.

Heute weiß man, dass ein gewisser Graf Walsegg der Auftraggeber war. Der hatte die Angewohnheit, bei bekannten Komponisten anonym gegen reichlich Honorar Werke in Auftrag zu geben, um sie bei Privatkonzerten in eigener Abschrift zu präsentieren und als seine eigenen auszugeben. Mozart konnte vor seinem Tod allerdings nur den ersten Satz vollständig komponieren; weitere acht Sätze sind skizziert.

130-köpfiger Chor und Orchester

In Marburg präsentierte die Musikschule nun am Sonntag vor mehr als 700 Zuhörern in der ausverkauften Pfarrkirche eine imposante Aufführung des Meisterwerks. Der 130-köpfige Chor unter der Leitung von Daniel Sans, bestehend aus dem Klangforum Marburg der Musikschule, dem SV Liederkranz Germania 1842 Ober-Erlenbach und dem Ensemble Sansible führte das Werk zusammen mit dem Orchester Collegium marburgensis in der üblichen Vervollständigung von Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayer auf.

Dass die Spekulationen über die Entstehung des Werkes einiges zu seiner Beliebtheit beigetragen haben, sah man auch hier wieder, denn der Andrang an Zuhörern war so groß, dass der Konzertbeginn nach hinten verschoben werden musste, um noch ausreichend Stühle herbeizuschaffen. Das Konzert wurde dann allerdings mit dem Eingangssatz und dem Choral aus der Kantate „Herr Jesu Christ, mehr Mensch und Gott“ von Johann Sebastian Bach eröffnet, die die Musiker mit viel Klarheit interpretierten, ehe das Hauptwerk des Abends erklang.

Unmittelbar an dessen letzten Satz (Agnus dei) angeschlossen wurde noch die Fron­leichnamsmotette „Ave verum corpus“, ­Mozarts letztes vollendetes Kirchenwerk, das das unklare Ende des Werks eindeutiger gestalten sollte, wie der Dirigent in seinem Ein­führungsvortrag erläuterte.

Dirigent Daniel Sans überzeugt als Solist

Der enorm große Chor erreichte eine beeindruckende Stimmgewalt, ohne dass der Ton allzu monumental oder undeutlich geworden wäre. Das kurzfristig aus Marburger Musikern zusammengestellte 23-köpfige Orchester, das wegen seiner knappen Besetzung konsequenterweise manchmal in dem Chorklang etwas unterging, spielte seinen Part der Musik gemäß mit fein artikulierter deklamatorischer Ausgestaltung – so wie sie Mozart am meisten gerecht wird.

Der Dirigent Daniel Sans überzeugte auch als Solist mit seinem warmen klagenden Tenor, der sich in den Gesamtklang hervorragend einpasste. Leider kann man das nicht in gleicher Weise von den anderen Solisten sagen, die neben stärkeren Passagen nicht selten Unsicherheiten erkennen ließen und bisweilen den richtigen Ton verfehlten.

Das darf allerdings über die große Gesamtleistung dieses Konzertes nicht hinwegtäuschen, sodass der starke Beifall am Ende des Konzertes in der überfüllten Pfarrkirche, – auch wenn man den enormen Aufwand bedenkt, mit dem so ein Konzert auf die Beine gestellt werden muss – völlig berechtigt war.

von Oliver Tadjbach