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Hirnschrittmacher reduziert Spielsucht

Parkinson-Therapie Hirnschrittmacher reduziert Spielsucht

Neurologie-Professor Lars Timmermann will mit seinen Forschungen Parkinson-Patienten helfen, ihre Krankheit besser in den Griff zu bekommen.

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Ein "Stern", der seinen Namen trägt

Professor Lars Timmermann, Direktor der Uni-Klinik für Neurologie, programmiert eine Patientin.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Bereits seit dem Ende seines Medizinstudiums ist der Neurologe Lars Timmermann auf der Spur der Parkinson-Erkrankung. Er will wissen, wie diese tückische neurologische Bewegungsstörung funktioniert. „Die Patienten sind geistig völlig klar im Kopf, aber ohne Behandlung sind ihre Bewegungen absurd verlangsamt“, berichtet Timmermann. Besonders interessieren ihn die Mechanismen der Funktion von Bewegungen sowie die Rolle, die konkurrierende ­Hirnareale dabei spielen.

„Dieses Wechselspiel zwischen den Hirnarealen kann durch Medikamente umgeschaltet werden“, macht Timmermann deutlich. Einen Durchbruch in der Parkinson-Therapie gab es Ende der 60er Jahre durch die Anwendung des Medikaments L-Dopa, das den Dopaminmangel der Erkrankten im Gehirn bekämpfte.

Durch weiterentwickelte moderne Medikamente seien die Bewegungs-Probleme der Parkinson-Kranken zwar prinzipiell in den Griff zu bekommen, erläutert Timmermann. Die Arzneimittel wie zum Beispiel Dopamin-Antagonisten ahmen die Wirkung von L-Dopa nach – sie bewirkten jedoch oftmals schwerwiegende Verhaltensstörungen, gerade bei jüngeren Patienten. Der Neurologe nennt Spielsucht, zu viel Lust auf Sex (Hypersexualität), Fressattacken oder krankhaften ­Kaufrausch als Beispiele. So habe beispielsweise ein junger ­Akademiker weit über 100 000 Euro verspielt. Es gebe andere Patienten, die permanent Sex-Hotlines anriefen. Die Folge: viele zerrüttete Ehen. Parkinsonkranke ­zeigten jedoch eine bessere Impuls­kontrolle, wenn die Therapie ­eine Hirn­stimulation mit Hilfe eines „Hirnschrittmachers“ ­umfasse, als wenn sie sich nur auf die Medikamenten-Verabreichung beschränke. Zu diesem Ergebnis kommt ein deutsch-französisches Konsortium in einer umfangreichen Studie, an der auch Timmermann und ein Team der Uni Marburg beteiligt sind. Die Forscher berichten über die neuerlichen Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Lancet Neurology“.

Weniger Auffälligkeiten im Patientenverhalten

Ein Hirnschrittmacher erlaube es, die Medikamentenverabreichung erheblich zu reduzieren. Ziel der Studie war es, herausfinden, ob die ­Tiefe Hirnstimulation auch Verhaltensstörungen verringere. Das Ergebnis: Verhaltensauffälligkeiten der Patienten verringern sich, ohne dass diese vermehrt ein gegengerichtetes Verhalten wie Apathie oder Ängstlichkeit zeigten. „Unsere Befunde erlauben einen Kurswechsel in der Behandlung“, meint Timmermann: Während bislang jede Form von Verhaltensstörung als Hindernis für chirurgische Eingriffe gegolten habe, ­sollte nunmehr ein Kontrollverlust mit negativen Folgen wie Spielsucht oder Kaufrausch eher dazu führen, Parkinsonpatienten mit einer Tiefenstimulation zu behandeln.

Die Ergebnisse der Studie legten nahe, dass die Tiefe Hirnstimulation selbst nicht zu Verhaltensstörungen führe, erläuterten die Neurowissenschaftler Angelo Antonini und Jose Obeso in einem Kommentar zur Studie. Die 2012 abgeschlossene „­Earlystim“-Studie schloss 251 Patienten ein, die über einen Zeitraum von zwei Jahren beobachtet wurden. Die Teilnehmer waren im Schnitt knapp acht Jahre lang an Parkinson erkrankt. Schon 2013 hatte das Team der „Earlystim“-Studie in einer ersten Auswertung berichtet, dass sich die Lebensqualität von Parkinsonpatienten verbessere, wenn sie zusätzlich zu Medikamenten frühzeitig Hirnstimulationen erhielten.

Die Forschungsgruppe nahm sich die Vielzahl der Daten erneut vor, um die Verhaltensänderungen bei den Patienten zu messen: Eigens dafür wurde von Forschern in Frankreich ein neuer psychiatrischer Bewertungsmaßstab entwickelt. „Der Erfolg einer Hirnschrittmacher-Behandlung ist immer abhängig von einer optimalen Operation“, erläutert Professor Christopher Nimsky, Leiter der Neurochirurgie am Uni-Klinikum Marburg, an der solche Eingriffe vorgenommen werden.

„Diese Technik ist ein scharfes Schwert“

Timmermann fügt hinzu, dass danach die Einstellung des Hirnschrittmachers in der Hand von Spezialisten liegen müsse. „Diese Technik ist ein scharfes Schwert“, so Timmermann. „Sie stellt aber in den ­richtigen Händen ein phantastisches ­therapeutisches Werkzeug dar“, bilanziert Timmermann.

Es sei klar, dass mit dieser Form der Neuromodulation das Gehirn auf Knopfdruck von außen steuerbar werde und auch eine Entwicklung denkbar sei, in der beispielsweise die Aggressivität gezielt verstärkt werden könne. Auf jeden Fall steige die ethische Verantwortung der Forscher.

Mitbeteiligt an der Studie war das von Carmen Schade-Brittinger geleitete Koordinierungszentrum für Klinische Studien (KKS) der Universität Marburg. Das KKS ist ein akademisches Studienzentrum, das die komplette Studiendurchführung übernommen hat. Unter anderem wurde die zentrale Datenbank für das Projekt in Marburg aufgebaut. Für die Studie schlossen sich Arbeitsgruppen aus 18 Universitäten aus Deutschland und Frankreich zusammen.

Das Bundesforschungsministerium, ein französisches Förderprogramm sowie der Medizintechnik-Konzern und „THS“-Entwickler Medtronic förderten die Studie finanziell. Timmermann sagte auf OP-Anfrage, dass „Medtronic“ keinerlei Einfluss auf das Studiendesign oder das Protokoll der Studie genommen habe.

von Manfred Hitzeroth

Dünne Elektroden im Hirn stimulieren Zielregion

Die „Tiefe Hirnstimula­tion“ ist seit 1998 für die Behandlung von Parkinson-Kranken zugelassen.
Typische Auswirkungen der Parkinson-Krankheit wie Zittern, verlangsamte Bewegung oder Muskelsteifigkeit beruhen auf einer veränderten ­Aktivität der Nervenzellen in tiefliegenden Regionen des Gehirns, erläutert der Marburger Neurologie-Professor Lars Timmermann.

Daher könne die Behandlung auch direkt an tiefen Hirnkernen ansetzen: Bei einer Hirnstimulation pflanzt man dem Patienten oder der Patientin dünne Elektroden ins Gehirn ein. Sie geben elektrische Impulse an die Zielregion ab, die dadurch deaktiviert oder stimuliert wird, je nach Stromfrequenz. Als Steuerelement dient ein kleiner batteriegetriebener und chipgesteuerter Impulsgeber, der unter der Haut der Brustmuskulatur oder am Oberbauch eingesetzt wird.

Bereits Ende der 90er ­Jahre war Timmermann mit dabei, als die ersten Parkinson-Patienten mit Hilfe des zehn Jahre vorher entwickelten Medizinproduktes behandelt wurden. Pionier der Tiefen ­Hirnstimulation in Deutschland war Timmermanns akademischer Lehrer, der Kieler Neurologie-Professor Günther Deuschl. Er habe die Auswirkungen der Tiefen Hirn­stimulation auf die Patienten damals als sehr beeindruckend empfunden, berichtet Timmermann im Gespräch mit der OP: Patienten, die zuvor zwischen totaler Steifheit und wilden Bewegungen hin- und hergependelt seien, hätten es geschafft, zu einem gleichmäßigen Bewegungsablauf zu gelangen.

Die neue Medizin-Technik, bei der mit Hilfe eines Bohrlochs Elektroden ins Gehirn implantiert werden und bei der zusätzlich ein Steuerungsgerät auf Höhe des Brustkorbs unter die Haut verpflanzt wird, galt damals als Hochrisiko-Technologie. In einer ersten Studie wurde überprüft, ob sich die Lebensqualität der Patienten dank des Eingriffs signifikant verbessere. Im Vergleich zu der konventionellen Behandlung mit Medikamenten wurde eine erhebliche Verbesserung in der Lebensqualität bei gleichzeitiger Reduktion der Medikamente festgestellt. Bei dieser ersten Studie ging es vor allem um Patienten im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung, also um das 12. Krankheitsjahr.

Aufgrund des großen ­Erfolges hätten dann auch ­Patienten nachgefragt, ob man die ­Tiefe Hirnstimulation nicht schon früher einsetzen könne. Das Ziel sei es gewesen, den neurochirurgischen Eingriff zu dem Zeitpunkt anzuwenden, an dem die ersten gravierenden Probleme mit der Erkrankung auftreten.

In diesem Stadium gebe es zwar noch stärker als im späteren Verlauf medikamentöse Optionen. Die „Earlystim“-Studie (siehe Artikel oben), die über einen Zeitraum von 2005 bis 2012 lief, habe aber einen deutlichen Vorteil der THS-Methode nachgewiesen. Demnach sei es zwar gelungen, bei den Patienten mit der bestmöglichen medikamentösen Behandlung die Erkrankung stabil zu halten. Bei den „THS-Patienten“ hingegen habe sich im Vergleich dazu eine dramatische Verbesserung der Lebensqualität gezeigt. Zwar stelle die bei „Early­stim“ in den Fokus genommene Gruppe von jüngeren Patienten unter 61 Jahren nur 5 Prozent aller Parkinson-Kranken dar. Eine weitere Studie habe jetzt aber auch die Übertragbarkeit dieser Ergebnisse auf ältere Patienten nachgewiesen, sagt Timmermann.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund

Mehr als vier Millionen Menschen weltweit leiden an der Parkinson-Krankheit, die eine der häufigsten neurologischen Störungen ist. „Aufgrund des zunehmenden ­Altersdurchschnitts ist ­damit zu rechnen, dass die Zahl der Betroffenen sich bis zum Jahr 2030 auf weltweit 8,7 Millionen verdoppelt“, sagt der Marburger Neurologe Professor Lars Timmermann. Wichtigstes Prinzip einer medikamentösen Parkinson-Therapie ist der Ausgleich des Dopaminmangels bei Parkinson-Patienten.

Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff im menschlichen Nervensystem. Im Gehirn sorgt Dopamin für die Signalübertragung zwischen den Gehirnzellen und steuert unter anderem die Bewegungsabläufe des Körpers. Bei der Parkinson-Krankheit ist die Bildung des Botenstoffs Dopamin im Gehirn gestört. Mit der Zeit wird immer weniger Dopamin produziert. Dopaminmangel entsteht und stört die „Nachrichtenübermittlung“ der Gehirnzellen. Die Folge: Das Gehirn kann die Muskelbewegungen des Körpers nicht mehr richtig steuern und parkinsontypische Bewegungsstörungen wie langsamere Bewegungen, Zittern oder Gehstörungen treten auf. Medikamente sollen den Dopaminmangel im Gehirn ausgleichen und die Parkinson-Beschwerden lindern.

 
Zur Person
Professor Lars Timmermann (45,  Foto: Tobias Hirsch) ist Professor für Neurologie an der Uni Marburg und Direktor der Klinik für Neurologie am Uni-Klinikum in Marburg. Seit kurzem leitet er darüber hinaus auch das Marburger Zentrum für Notfallmedizin. Der gebürtige Hamburger studierte von 1992 bis 1997 Medizin an der Universität Kiel, mit Studienaufenthalten an mehreren amerikanischen Universitäten. Nach der Assistenzzeit an der Uni-Klinik in Düsseldorf wechselte er an die Uni-Klinik in Köln, wo er ab 2008 die neu eingerichtete Professur für Neurologische ­Bewegungsstörungen innehatte. Im Jahr 2016 wechselte er nach Marburg. Timmermann ist Experte für die Behandlung von neurologischen Bewegungsstörungen wie der Parkinson-Krankheit und hat besonders die Wirkung der „Tiefen Hirnstimulation“ bei Parkinson-Erkrankten erforscht.
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