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"Paradies: Liebe" schockiert die Zuschauer

Kino "Paradies: Liebe" schockiert die Zuschauer

Die deutschsprachigen Kritiker schätzen die oft verstörenden Filme des Österreichers Ulrich Seidl. In der Sneak-Preview am Neujahrstag jedoch wollten sich Besucher aber lieber „die Augen auskratzen“, als diesen Film zu sehen.

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Trügerisches Paradies: Teresa (Margarethe Tiesel) sucht in „Paradies: Liebe“ ihr Glück bei den Beachboys am Strand von Kenia. Der neue Film von Regisseur Ulrich Seidl zeigt drastisch den Sextourismus von Frauen in Ostafrika.

Quelle: Neue Visionen Filmverleih

Marburg. Es gibt Filme, die polarisieren. Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“ gehört ganz bestimmt in diese Kategorie - vor allem dann, wenn er auf ein nicht vorgewarntes Überraschungsfilm-Publikum trifft, das vermutlich eher irgendeine geglättete Hollywood-Produktion erwartet: „Bitte, bitte zeigt diesen Film nie wieder. Niemals, niemandem. Nie. Das Jahr ist einen Tag alt und ruiniert“, schrieb Dominik Reitz (28) schockiert auf seine Wertungskarte - einer von 323 Besuchern der Sneak-Preview am Neujahrsabend im Cineplex.

Ulrich Seidls Filme sind alles andere als geglättet. Sie laufen normalerweise in Filmkunsttheatern - das galt auch für „Hundstage“, den bislang erfolgreichsten Film des Wieners, der 2001 bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde.

Erster Teil: Frustierte Sextouristin

Nun kommt mit „Paradies: Liebe“ der Auftaktfilm einer geplanten Trilogie in die deutschen Kinos. Seidl erzählt in drei aufeinander folgenden Filmen von drei Frauen einer Familie, die getrennt voneinander ihre Urlaube verbringen. Im ersten Teil „Paradies Liebe“ ist Margarethe Tiesel als dicke, frustrierte Sextouristin zu sehen, die von Österreich nach Kenia reist, um dort die Liebe von jungen schwarzen Männern zu kaufen. Die weiteren Teile sollen von einer missionierenden Katholikin (Paradies: Glaube) und einer Jugendlichen in einem Diät-Camp (Paradies: Hoffnung) handeln.

Die Feuilletons der überregionalen Zeitungen widmeten „Paradies: Liebe“ großen Raum. Die „FAZ“ attestiert ihm „drastische Bilder der menschlichen Hinfälligkeit und Unvollkommenheit“. Der Sextourismus in Kenia werde bei Seidl zu einem „Sinnbild globaler Machtverhältnisse“, schreibt die FAZ weiter: „Frauen holen nach, was Männer sich immer schon geholt haben“. Die „Frankfurter Rundschau“ nennt „Paradies: Liebe“ einen „ungeheuer starken Film“, der „das traurige Geschäft aus Macht, Sex und Gefühlen (...) als eine demütigend brutale Orgie kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse demaskiert“. Als „boshaft, witzigen“ Film, der ins Grausame abdriftet, beschreibt der Kritiker der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ Seidls radikale Abrechnung mit Neokolonialismus, Sex, Liebe und Einsamkeit.

Marburger Vorschau-Publikum schockiert

Doch was passiert, wenn ein Film des skandalumwitterten Regisseurs, wie ihn Filmkunstbetreiber Hubert Hetsch in seiner Ankündigung nennt, nicht auf analytische, mit dem Werk des Regisseurs vertraute Kritiker sondern auf ein gänzlich unvorbereitetes Publikum trifft? Dann wird es hart - für einen Großteil des Publikums. „Dass dieser gesellschaftskritische Film allerdings in einem menschenverachtenden Pornoverschnitt mit deutschen Untertiteln münden würde, schockierte sicherlich 95 Prozent der Besucher“, schrieb OP-Leserin Lara Hoyer in einer Zuschrift. Für Nina Schröder war der Film schlicht „eine Zumutung“ und Tobias Peters hofft auf ein „Ich überlebte Paradies-T-Shirt“. Anja Paulick bekam „viel zu viele Eindrücke, die ich niemals haben wollte“.

Der Marburger Kinobetreiber Gerhard Closmann hat die Reaktionen des Publikum sehr aufmerksam registriert: „Wir zeigen in den Sneaks die gesamte Palette des Filmangebots, auch wenn wir den Schwerpunkt eher auf Unterhaltung legen. Die Reaktionen helfen uns, noch mehr auf den Publikumsgeschmack zu achten.“

  • „Paradies: Liebe“ ist in Marburg im Filmkunsttheater am Steinweg gestartet.

von Uwe Badouin

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