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Marburg Zwischen Partys und Polit-Debatten
Marburg Zwischen Partys und Polit-Debatten
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11:33 25.09.2018
Die kämpferische Faust als Kunstmotiv hat es Michael Buckmiller (links) und Harry Hecker angetan. Quelle: Manfred Hitzeroth
Marburg

1966 wohnte der damalige Marburger Theologie-Student Michael Buckmiller noch in einer Studentenbude Am Grün. „Es war direkt über dem Kuhstall“, erinnert sich Buckmiller an die exklusive Wohnadresse. Dort waren mehrere Einzelzimmer als studentische Wohnungen eingerichtet.

Es war die Bekanntschaft mit einem Kommilitonen, die ihm im darauffolgenden Jahr eine wohnliche Veränderung bescherte. Buckmiller zog ein in eine Vierzimmer-Wohnung in der Wettergasse 43, in der zuvor zwei Pärchen wohnten. Es war eine „getarnte Wohngemeinschaft“, bei der den Eltern bei einem Besuch vorgespiegelt wurden, dass jeweils die Frauen und die Männer zusammenwohnten.

Über kurz oder lang zogen dann alle ursprünglichen Bewohner der Wohnung aus. Neben Buckmiller und seiner Freundin war schließlich der Politikstudent Wolfgang „Harry“ Hecker der Dritte im Bunde.

Neue Formen des Zusammenlebens

Was heute Alltag in Marburg ist (siehe HINTERGRUND), war damals eine teils misstrauisch beäugte Neuerung. „Es war wohl eine der ersten studentischen Wohngemeinschaften in Marburg“ erinnert sich Hecker im Gespräch mit der OP.

Denn anders als sonst noch Ende der 60er-Jahre weithin üblich kümmerte sich der damalige Hausverwalter nicht darum, dass dort ein junges Paar zusammenwohnte, das nicht per Trauschein liiert war, was eigentlich unter den „Kuppelei“-Paragraphen fiel. „Das hat den nicht interessiert“, erinnert sich Hecker.

Wie bei anderen studentischen Wohnexperimenten wie den Kommunen in München oder Berlin ging es dabei auch darum, mit neuen Formen des Zusammenlebens zu experimentieren.

Einerseits sei die Wohnung in der Wettergasse 43 auch ein Treff der Studentenorganisation SDS gewesen, der somit auch als Treff für politische Debatten gedient habe.

Andererseits erinnert sich Buckmiller auch an bohemehafte Feiern, bei denen seine Freundin mit der klassischen Gitarre ein Konzert gegeben habe, bei der ihr Stuhl auf dem Tisch als Podium gedient habe.

Beim Besuch einer studentischen Kommune in der Großstadt – im damaligen Westberlin – seien ihm allerdings auch die Unterschiede ins Auge gesprungen, betont Buckmiller.

Diese Wohnungen seien alleine von den räumlichen Dimensionen her deutlich großzügiger gestaltet gewesen. „Was wir da gesehen haben, waren die organisierte Unordnung und der Hedonismus im Quadrat“, erzählt Buckmiller zudem.
Demgegenüber habe es in der Marburger Wohngemeinschaft andere klare Zielvorstellungen gegeben: mit viel Kampfbereitschaft die sozialistische Opposition zu leben.

Dazu kam aber natürlich auch der ganz normale WG-Alltag. Die WG-Genossen von damals erinnern sich noch an den Kühlschrank, ein echtes Status-Symbol, der auf jeden Fall immer mindestens mit einer Wochenration Wurst gefüllt war. Mittags wurde zwar meistens in der Mensa gegessen.

Beim Kochen am Wochenende gab es aber Lernprozesse. Das fing an mit Spaghetti Miracoli mit Soße aus dem Beutel und ging bis hin zu einem besonders exquisiten Gericht mit Muscheln, die eine Woche im Voraus beim Fischgeschäft „Nordsee“ bestellt werden mussten.

Das erste WG-Jahr – das Jahr 1967 – sei vor allem im Zeichen von Parties gestanden, erinnert sich Harry Hecker. Im Jahr 1968 sei es in der WG dann aber vorwiegend um Politik gegangen.

„Ein Termin jagte den anderen“, erzählt Hecker. So habe sich die Wohngemeinschaft an Demos und an Teach-Ins in Marburg beteiligt. Ein Foto von damals zeigt das Trio auch eingereiht bei der großen Demonstration gegen die Notstandsgesetze in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn.

Buckmiller wechselte nach München

„Es ist damals in der Wettergasse 43 viel diskutiert worden“, berichtet Buckmiller. Auch habe er damals einige Reden vorbereitet, unter anderem im Audimax. So beschäftigte er sich beispielsweise mit der NS-Vergangenheit eines Professoren, der zu den Unterzeichnern des „Manifests der 23“ zählte.

Auch eine satirische Aktion,­ die gegen die katholische ­
Kirche gerichtet war, bereitete Buckmiller generalstabsmäßig vor. Da hatte er sich schon vom Theologie-Studium abgewendet und sich dem Studium der Philosophie und Soziologie zugewendet.

Buckmiller wechselte dann an die Universität nach München, um noch einmal ein ganz anderes Denkmilieu kennenzulernen. Später machte er Karriere­ an der Uni Hannover, wo er zuletzt außerordentlicher Professor war. Derzeit erarbeitet er ­eine Gesamtausgabe der Schriften von Professor Wolfgang Abendroth.

Hecker zog bald in eine andere WG in Marburg. Er war jahrzehntelang wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaften der Philipps-Universität und lebt bis heute in Marburg.

Im Laufe von 50 Jahren trafen sie sich immer wieder. „Unsere Freundschaft ist nie zerbrochen“, erläutert Buckmiller. Jedoch drifteten im Laufe der 70er Jahre die politischen Richtungen auseinander, was für eine gewisse Abkühlung der Beziehung sorgte. „Wenn wir uns getroffen haben, dann war ich nach dem dritten Bier der Verräter der Arbeiterklasse“, schmunzelt Buckmiller.

Er selber habe sich aber als ultralinks angesehen, und zwar eher links von der DKP angesiedelt. Der linke politische Richtungsstreit der Jahrzehnte­ nach 1968 ist längst vorbei. Und gemeinsam haben Buckmiller und Hecker im Jahr 2018 mit viel Spaß die 68er-Revue 50 Jahre nach dem revolutionären ­Datum der Studentenbewegung angeschaut. Derzeit eint sie die Sorge vor einem Erstarken der Rechtspartei AfD.

von Manfred Hitzeroth

Hintergrund

Im Zuge der 68er-Studentenbewegung wurde eine neue Form des Zusammenlebens in den Wohngemeinschaften (WGs) erprobt. Die WG-Bewohner teilten Küche, Bad und auch das Wohnzimmer. Die Privatsphäre wurde bewusst durch ausgehängte Zimmertüren klein gehalten.

Eine ausgeprägte Diskussionskultur war typisch für die WG‘s. Sie waren ebenfalls ein Gegenmodell zum bürgerlichen Rollenbild der Kleinfamilie.
Marburg ist seit einigen Jahren die deutsche WG-Hauptstadt. Wohngemeinschaften sind ein echtes Markenzeichen Marburgs.

Große Unterschiede zum Bundestrend gibt es bei der studentischen Wohnsituation: So leben laut einer Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks 49,2 Prozent der Marburger Studierenden in einer Wohngemeinschaft.

Diese Wohnform ist bei den Studierenden auch bundesweit mit Abstand am beliebtesten, liegt jedoch dort im Durchschnitt nur bei einer Quote von 29 Prozent. Besonders viele studentische Wohngemeinschaften gibt es in Marburg in der Oberstadt. Aber auch in anderen Stadtteilen wie in Weidenhausen oder im Südviertel ist die WG-Dichte besonders hoch.

Bei mehr als 26 000 an der Uni Marburg eingeschriebenen Studierenden (Stand: Wintersemester 2017/2018) bestimmen die Formen des ­Zusammenlebens mittlerweile auch einen Großteil des Wohnungsmarktes in der Universitätsstadt Marburg.