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Marburg Es ist nicht immer die Ohrfeige
Marburg Es ist nicht immer die Ohrfeige
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00:17 31.12.2018
Neben physischer Gewalt sind Frauen auch immer mehr psychischer und ökonomischer Gewalt in der Partnerschaft ausgesetzt. Quelle: Thorsten Richter / Themenfoto
Marburg

Geschlagen hat er sie nie. Irgendwann hat es Anna K.* aber nicht mehr ausgehalten. Diese Beschimpfungen, Unterstellungen, Demütigungen, dieses Anschreien und drohen – stundenlang, tagelang, wochenlang, jahrelang, immer wieder. Mit aufgerissenen Augen stand ihr Ehemann vor ihr, baute sich auf, brüllte sie an, beleidigte sie. Anna K. rief die Polizei, hatte große Angst, wusste sich nicht mehr anders zu helfen. Die Beamten brachten die 50-Jährige ins Frauenhaus, in Sicherheit, weg von ihrem Ehemann.

„Es ist nicht immer die Ohrfeige oder das blaue Auge. Neben der körperlichen und sexuellen Gewalt, ist es sehr oft die permanente psychische oder ökonomische Gewalt. Und das durch alle Bevölkerungsschichten“, erklärt Monika Galuschka. Die Diplom-Psychologin berät, zusammen mit Claudia Bergelt, von häuslicher Gewalt betroffene Frauen. Der Verein „Frauen helfen Frauen“ betreibt das Frauenhaus sowie die Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt am Alten Kirchhainer Weg.

Frauenhaus Marburg

Das Frauenhaus bietet Frauen, die in ihrer Ehe oder Partnerschaft körperlich, seelisch und/oder sexuell misshandelt oder bedroht werden und deren Kindern Unterstützung und eine geschützte Unterkunft. Sie erhalten psychosoziale Beratung, Informationen zu Fragen bei Trennung und Existenzsicherung. Außerdem können Lösungswege und Perspektiven für die Zukunft entwickelt werden. Insgesamt verfügt das Frauenhaus über 20 Plätze und vier Notplätze.

Im Jahr 2017 fanden 97 Personen (46 Frauen und 51 Kinder) Schutz, Unterkunft und Beratung im Marburger Frauenhaus. 41,7 Prozent stammten direkt aus Marburg beziehungsweise dem Landkreis, 45 Prozent kamen aus Hessen, 13,3 Prozent aus dem übrigen Bundesgebiet. 30 Prozent der Bewohnerinnen stammten aus Deutschland, fast 22 Prozent aus Osteuropa und Russland. Die meisten von ihnen waren zwischen 20 und 25 sowie zwischen 40 und 50 Jahre alt. Pro Tag kostet der Aufenthalt pro Person 11,50 Euro.     

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert treffen die beiden professionellen Beraterinnen immer wieder auf Frauen, die in unvorstellbaren Verhältnissen leben oder nach der Trennung von ihrem Ex-Partner tyrannisiert, verfolgt, kaputt gemacht werden.

„Permanente Gewalt zerstört und ist eine ständige Bedrohung“, sagt Claudia Bergelt und fügt noch etwas für sie ganz Wichtiges hinzu: „Es ist viel, was die Frauen und Kinder ertragen müssen.“ Denn neben den Frauen leiden auch die Kinder unter der Gewalt, auch wenn ihnen selbst nichts angetan wird. Oft wachsen sie in der angespannten Atmosphäre auf, hören, wie der Partner die Mutter nieder macht.

Die Tochter von Anna K. war schon ausgezogen. Ihre Mutter hat all das allein hinter verschlossenen Türen erleben müssen. Nach außen wurde der Schein bewahrt. Niemand konnte sich auch nur im Ansatz vorstellen, was die Pflegefachkraft täglich ertragen musste. Ihr Mann gab ihr unzählige Kosenamen in der Öffentlichkeit, überschüttete sie mit Zuneigung und netten Worten. Zuhause prügelte er verbal auf sie ein. Beschimpfte sie, unterstellte ihr einen Liebhaber, erpresste sie.

Anna K. stammt aus Kasachstan, lernte ihren Mann über Freunde kennen, wanderte nach der Hochzeit nach Deutschland aus. Sie lernte die fremde Sprache und kümmerte sich, dass ihr Abschluss als Pflegefachkraft in ihrer neuen Heimat anerkannt wird. Die toughe Frau findet einen Job, Freunde, Anerkennung – und ihr einstmals liebevoller Ehemann entwickelt sich immer mehr zu einem Tyrann. Er erträgt es nicht, dass seine Frau sich so gut integriert, er wird eifersüchtig und spielt seine Macht aus. Denn drei Jahre muss Anna K. verheiratet sein, damit sie im Falle einer Scheidung in Deutschland bleiben darf. Nach anderthalb Jahren rief sie das erste Mal die Polizei.

Das Frauenhaus bietet Schutz vor der Gewalt. Alle Frauen haben mit ihren Kindern ein eigenes Zimmer, zusätzlich gibt es für alleinstehende Frauen zwei Einzelzimmer. Küche und Bad sind Gemeinschaftsräume. Claudia Bergelt (Foto: Katja Peters; von links), Monika Galuschka und ihre Kollegen kümmern sich um die Bewohnerinnen und die Kinder.

Oft gibt es neben den Gewalterfahrungen noch andere Probleme. „Schulden, Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen“, zählen die Betreuerinnen auf. Ihr Job verlangt ein hohes Maß an Empathie, aber auch Abgrenzung. „Ich denke oft, dass ich schon alles erlebt habe und dann kommt ein neues Schicksal, dass mich sprachlos macht“, schildert Monika Galuschka. Die Betreuerinnen kümmern sich oft um zwei Frauen gleichzeitig und entwickeln mit ihnen gemeinsam Perspektiven.

„Frauen nehmen den Mann in Schutz“

Anna K. wurde von der Polizei ins Frauenhaus gebracht. Monika Galuschka hatte an diesem Abend Bereitschaft und nahm die völlig aufgelöste Frau in Empfang. Sie redete beruhigend auf sie ein, zeigte ihr das Zimmer. Die misshandelte Frau war froh, dass sie dem Martyrium erst einmal entflohen war. Sie fand Ruhe, in Gesprächen arbeitete sie das Erlebte auf, fasste neuen Mut und wieder Vertrauen zu ihrem Ehemann. Der entschuldigte sich mit Versprechungen, drohte mit Selbstmord, wenn sie nicht zurück kommt. Gemeinsame Freunde schlugen vor, ihm noch eine zweite Chance zu geben. Nach zehn Wochen im Frauenhaus ging Anna K. wieder zurück zu ihrem Mann.

„Das ist nichts Ungewöhnliches“, berichtet Monika Galuschka. Viele Frauen sind emotional trotz allem sehr abhängig von ihrem Partner und hoffen einfach auf eine Verbesserung. Die beiden Beraterinnen haben erlebt, dass Betroffene gar keine Anzeige erstattet haben, weil der Ehemann in der Führungsriege eines großen Unternehmens tätig war oder anderweitig in der Öffentlichkeit stand. „Frauen nehmen den Mann in Schutz, aus Angst alles zu verlieren. Dabei geht es um sozialen Status, um finanzielle Sicherheit, um Freunde“, erklärt Claudia Bergelt die Beweggründe.

Anna K. filmte Ausbrüche ihres Mannes

Die ersten zwei Monate nach ihrer Rückkehr erlebte Anna K. einen liebevollen Ehemann, der sich offenbar wirklich geändert hatte. Sie genossen die gemeinsame Zeit, redeten viel, auch über das, was passiert war. Unterschwellig fingen die Vorwürfe wieder an. Anna K. registrierte sie anfangs gar nicht. Über Monate baute sich die Gewaltspirale wieder auf. Die Abstände zwischen Liebkosen und Beschimpfen wurden Monat für Monat kürzer und fanden ihren Höhepunkt im Sommer dieses Jahres.

Stundenlang wurde Anna K. von ihrem Ehemann verbal attackiert. Er schrie sie an, er beleidigte sie. Die Schimpfwörter prasselten nur so auf sie nieder, brannten sich in ihr Gedächtnis ein. Er wurde immer aggressiver, schnaubte, bei jedem Wort spuckte er sie an, brüllte, drohte, baute sich vor ihr auf. Anna K. filmte die Attacke mit ihrem Handy – heimlich. Sie ließ alles über sich ergehen. Bis ihr Mann das Filmen bemerkte. Er entfernte die Sim-Karte, in der Hoffnung, dass er damit auch das Filmmaterial zerstört.

Anna K. rief die Polizei, hatte Angst um ihr Leben. Wieder kam sie ins Frauenhaus zu Monika Galuschka. Sie reichte die Scheidung ein, konnte nicht mehr, wollte nicht mehr. Mit Hilfe des Vereins und eines Rechtsanwaltes gelangte das Filmmaterial an die Ausländerbehörde. Die erkannte die „besondere Härte“ im Sinne des Paragrafen 31 Abs. 2 Aufenthaltsgesetz an. Anna K. durfte bleiben. Viele Frauen brauchen zwei Anläufe, ehe sie den Absprung schaffen. Manche schaffen ihn nie.

  • *Der Name wurde geändert, ist der Redaktion aber bekannt.

von Katja Peters

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