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Marburg Kanufahren ab dem Grüner Wehr ist möglich
Marburg Kanufahren ab dem Grüner Wehr ist möglich
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00:16 28.08.2018
OP-Praxistest: Kann man unterhalb des Grüner Wehrs Kanu fahren? Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Das Kajak im Schlepptau, Paddel in der einen, Zollstock in der anderen Hand. So geht es der Sicherheit halber zunächst zu Fuß auf die Suche nach der Fahrrinne im sogenannten Unterwasser des Grüner Wehrs. Autsch. Beim Waten sollte man die Füße extra hoch anheben, sonst stößt man sich den dicken Zeh. An dieser Stelle der Lahn sind vor allem Natursteine, aber auch andere Hindernisse unter der Wasserfläche verborgen und die Tiefe variiert sehr.

Auf der – in Fließrichtung – linken Seite der Lahn soll im Zuge der Sanierung des Wehrs neben einer Fischtreppe auch eine Kanurutsche entstehen, um den Fluss durchgängig befahrbar zu machen. Am Tag des Praxistests steht das Wasser hier an manchen Stellen nur 20 Zentimeter hoch. Selbst ohne Insassen bleibt da nur eine Handbreit Wasser unter dem Zweierkajak. Zudem versperrt eine Reihe großer Steine den Weg auf dieser Seite. Ein paar Meter weiter in Richtung Wehr ist die Lahn wenigstens 40 Zentimeter tief. Auf der anderen Seite ist das Wasser stellenweise knietief, dort lässt es sich sicher gut fahren.

Also los, rein ins Boot. Parallel zum Wehr geht es mit dem Kajak vorbei an einigen großen Steinen. Mehrere Male berührt das Paddel den Grund, die Untiefen und Hindernisse sind im aufgewirbelten Wasser nicht immer gut auszumachen.

In der Nähe der Fahrrinne angekommen, wird die Strömung stärker und lenkt das Boot automatisch in die richtige Richtung. Nach dem Zickzack-Kurs im Unterwasser des Wehrs nimmt das Kajak Fahrt auf und man treibt entspannt in Richtung Hirsefeldsteg.

So wie die Lahn aktuell unterhalb des „Grüner Wehrs“ fließt, können Kanu- und Kajakfahrer dort vorsichtig und mit viel Augenmaß fahren. Vorausgesetzt, ihr Boot hat nicht allzu viel Tiefgang und der Wasserstand ist nicht niedriger als am Tag des OP-Praxistests. Ob die Wassertiefe im Unterwasser – im aktuellen Zustand – unterhalb der geplanten Kanurutsche ausreicht, damit Boote dort mit erhöhter Geschwindigkeit von der Rutsche aus ungefährdet einfahren können, ist fraglich.

Die Strecke unter der Weidenhäuser Brücke hindurch, über die geplante Kanurutsche, vorbei an der idyllischen Fachwerkkulisse am Grün, weiter in Richtung Gießen hätte für Kanufahrer durchaus ihren Reiz. Wenn die Stadt für den Tourismus auf dem Wasser wirklich attraktiver werden soll, ist es mit einer Kanurutsche allein wahrscheinlich nicht getan. Ein Eingriff in das Flussbett im Unterwasser wäre wohl nötig, damit diese auch
sinnvoll genutzt werden kann.

BI und Marburger Angler lehnen Rutschenbau ab

Neben dem am Trojedamm-Ufer geplanten Betonpodest sowie vorgesehenen Baumfällungen ist die Kanurutsche der umstrittenste Teil der vom Magistrat geplanten Wehr-Sanierung. Grund: Weidenhäuser schildern Beobachtungen, wonach der Wasserstand der Lahn unterhalb der Wehranlage in Sommern – also dann, wenn Kanutourismus angesagt wäre – zu niedrig sei, um auf dem Fluss Kanu fahren zu können. Und so niedrig wie in diesem Jahr während des Hitzesommers war der Lahn-Wasserstand selten.

Während Kanuvereine und Touristiker für den Bau einer Kanurutsche werben, eine Steigerung des Freizeitwerts und einen Ausbau der touristischen Infrastruktur im Blick haben, stellte sich zuletzt neben der Weidenhäuser Bürgerinitiative auch der Marburger Anglerverein gegen einen Rutschenbau. Auch eine Bürgerinformationsversammlung, bei der sowohl Kanuvereins- als auch Tourismusvertreter die Rutschen-Pläne erläuterten, änderte wenig an der ablehnenden Haltung im Stadtteil.

Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) kündigte bereits vor Monaten an, dass – im Gegensatz zum gesetzlich vorgeschriebenen Bau einer Fischtreppe – die Kanurutsche ein „verzichtbares Element“ sei. Zuletzt war geplant, Fischtreppe und Kanurutsche in ein Bauwerk zu integrieren. Aktuell ist vor allem durch den anhaltenden Protest einer Bürgerinitiative und der Kritik aus dem Ortsbeirat Weidenhausen eine Neu-Begutachtung des Bauwerks geplant. Auch die Errichtung der Kanurutsche und des Betonpodests, das als Wartungsplattform für den Fisch-Kanu-Pass dienen soll, liegt somit auf unbestimmte Zeit auf Eis.

von Philipp Lauer und Björn Wisker