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Im Zeitalter der Alchimisten

OP-Interview: Michael Sagmeister Im Zeitalter der Alchimisten

Er bezeichnet sich selbst als akribischen Arbeiter – Kritiker und Publikum sehen in ihm einen der weltweit profiliertesten Jazzgitarristen: Michael Sagmeister plant derzeit für 2018, dann steht er seit 40 Jahren auf der Bühne. Die OP sprach mit dem in Marburg-Biedenkopf lebenden Künstler über seine Karriere.

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Michael Sagmeister: "Mein erstes großes Vorbild war Jimi Hendrix".

Quelle: Privatfoto

Marburg. OP: Wann ging es für dich mit der Gitarre los?
Michael Sagmeister: Mit zwölf. Und dann war alles andere vorbei. Ich habe als Autodidakt angefangen und damals habe ich gedacht, ich dürfte immer nur einen Ton auf einer Saite spielen und muss dann auf die nächste Saite wechseln. Dass es Akkorde gibt, konnte ich mir nicht vorstellen. Dadurch konnte ich mich schnell sehr frei auf dem Griffbrett bewegen – auch weil ich bis zu zwölf Stunden täglich geübt habe.

OP: Wer war dein Idol?
Sagmeister: Mein erstes großes Vorbild war Jimi Hendrix.

OP: Zwölf Stunden üben – blieb da noch Zeit für die Schule?
Sagmeister: Nein. Ich fehlte 165 Tage im Jahr unentschuldigt. Aber ich hatte einen sehr netten Klassenlehrer, der mich unterstützt hat. Durch mein Interesse für die Gitarre war ich auch von der Straße weg – sonst wäre ich wahrscheinlich einer dieser Frankfurter Straßengang-Typen geworden.

OP: Stattdessen wurdest du Virtuose und Professor …
Sagmeister: Na ja, das mit dem Professor lassen wir mal lieber weg … Eigentlich hat sich nicht viel geändert, ich bin immer noch das selbe neugierige Kind. Ich arbeite sehr viel und habe ja den Ruf des Super-
Virtuosen weg. Aber dass ich in einem Atemzug mit George Benson oder Pat Martino erwähnt werde, ist nicht der Grund, warum ich das mache.

OP: Was treibt dich dann?
Sagmeister: Eine innere Notwendigkeit, dazusitzen und mir seit 40 Jahren die Finger auf dem Griffbrett zu verbiegen.

OP: Was hört jemand wie du um sich herum, was denkst du, während du spielst?
Sagmeister: Meistens denke ich an gar nichts, wenn ich spiele. Ich übe zuhause viel, weil ich keine Lust habe, auf der Bühne zu denken. Wir arbeiten ja sehr viel improvisatorisch. Dafür brauche ich ein hohes Vokabular, um Leute mit Instrumental­musik zwei Stunden lang bei der Stange zu halten. Aber zurück zur Ausgangsfrage: Ich höre wirklich sehr viel. Bei rhythmischen Sachen stellt man sich bestimmte Percussionsmuster vor. Leute, die zu unseren Konzerten kommen, fragen mich manchmal: Was kannst du eigentlich noch lernen? Nun, ich suche immer noch neue Herausforderungen. Manchmal bejubeln Kritiker oder dein Publikum ein Solo, während du dich darüber ärgerst, was du für einen Mist gespielt hast.

OP: Das ist für Zuhörer bei dieser komplexen Musik auch nur schwer zu beurteilen.
Sagmeister: Ja klar. Aber man muss seine Zuhörer energetisch erreichen. Es ist so wie bei einem Pfarrer, der predigt. Da sagst du: Ich weiß nicht, ob ich das alles so teilen kann, aber die Inbrunst, mit der der Mann da spricht, die fasziniert mich. Man muss im besten Sinne missionieren. Nicht weichgebügelt mit Registrierkassengeklimper, so wie wir es mit Bohlen oder Raab erlebt haben. Diese Leute waren für die Musik eine absolute Katastrophe. Vielen jungen Menschen ist nicht mehr klar, dass man erst mal sein Instrument beherrschen muss. Das ganze Popgeschäft ist nur noch damit beschäftigt, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das bedeutet nicht, dass ich irgendetwas dagegen habe, wenn jemand Erfolg hat, aber ich fände es schöner, wenn der dann ehrlich sagt: Ich mache das wegen der Kohle. Ich bekomme auch Gage und ich habe meinen Preis, aber die erste Zielsetzung ist definitiv die Musik.

OP: Wo fühlst du dich am wohlsten? Auf der Bühne? Im Studio? Zuhause beim Komponieren?
Sagmeister: Ich stehe un­heimlich gern auf der Bühne. Ich treffe Leute, fahre in der Gegend rum, mache Witze mit meinen Kumpels auf Tour. Auf der anderen Seite komponiere und schreibe ich total gern. Ich kann dir auch sagen, was mir Unwohlsein bereitet: Trump und andere Populisten. Dass ich im Jahr 2017 mit fast 58 Jahren wieder Menschen um mich sehe, die aus der Vergangenheit nichts gelernt haben. Damit haben wir auch in der Musikbranche große Probleme.

OP: Inwiefern?
Sagmeister: Die Musik, die wir täglich hören, ist verarmt. Es gibt keine Songs mehr, in denen es wenigstens acht Takte Solo gibt. Stattdessen grölt irgendein Anfang Zwanzigjähriger, dass er eben mal die Welt retten muss. Wir leben im Zeitalter der Alchimisten: Aus Scheiße wird Gold gemacht. Das ist eine Kriegserklärung gegen kulturelle Vielfalt. Es gibt in diesem Land so viele Talente, und immer wenn ich im Ausland unterwegs bin, sehe ich mich als eine Art Botschafter deutscher Kultur. Die wird im eigenen Land leider nicht genug wahrgenommen. Wahrgenommen werden hier stattdessen Leute, die in Show-Jurys sitzen, obwohl sie selbst eigentlich noch 25 Jahre Unterricht nehmen müssten, bevor sie eine halbwegs richtig intonierte Phrase singen könnten.

OP: Was kannst du all dem entgegenhalten?
Sagmeister: Mit denen keine gemeinsame Sache machen. Das ist die einzige Möglich­keit, die ich habe. Eine Ausbildung als Jazzmusiker zu haben, ist grandios. Improvisation ist so wichtig in der Ausbildung junger Musiker, aber das kommt kaum vor. In der Ausbildung ist es eher so, wie heute in eine Autowerkstatt zu kommen. Dort sagst du: Mein Wagen zieht nicht mehr richtig. Und dann sagt der Mechaniker: Ok, dann ziehen wir mal neue Reifen auf. Nicht, weil das das Problem ist, sondern weil es das einzige ist, was sie dort können. So werden auch Musiklehrer mittlerweile ausgebildet.

OP: Wenn du es dir aussuchen könntest – mit wem würdest du gern mal arbeiten?
Sagmeister: Ich mag Herbie Hancock sehr gern. Oder Joni Mitchell – das hätte ich gern mal gemacht. Ich muss eine Affinität zu den Leuten haben. Ich bin manchmal sogar während einer Tournee ausgestiegen, weil es menschlich einfach nicht geklappt hat mit den anderen.

OP: 2018 feierst du 40. Bühnenjubiläum – was erwartet uns?
Sagmeister: Wir haben Sachen mit verschiedenen Besetzungen geplant, die mir wichtig sind. Antonella D’Orio und ich werden zu zweit etwas machen, ich werde mit meinem Stamm-Trio mit Michael Küttner und Stephan Engelmann spielen und dann wohl mit dem Trio plus Antonella.

OP: Vielleicht irgendein Gast?
Sagmeister: Ja, warum nicht? Aber weil es für den oder die schwer sein wird, in so einer eingefleischten Gruppe Fuß zu fassen, muss man da aufpassen. Und wir werden nichts machen in diesem Trio, wo wir uns zurücknehmen müssten. Außer­dem werden ich das Jubiläum zum Anlass nehmen, öffentlich zu verkünden, dass es Minimum noch 25 Jahre weitergeht. Ich bin an einem Punkt, an dem ich das Gefühl habe: Jetzt geht es erst richtig los.

von Luzia Link und Carsten Beckmann

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