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Ideen und Ideale, Wurzeln und Wahn

OP-Buchtipp Ideen und Ideale, Wurzeln und Wahn

Ein junger Amerikaner versucht 1945 herauszufinden, was hinter den Ideen zur Rassenhygiene der Nazis steckt. Dafür reist er ins kriegszerstörte Deutschland. Und macht dort irritierende Erfah­rungen.

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Uwe Timm wird in „Ikarien“ persönlich. Sein neuer Roman handelt von Utopien und ihr böses Ende.

Quelle: Rolf Vennenbernd, Kiepenheuer & Witsch

Rassenwahn und Wissenschaft sind nur scheinbar ein Widerspruch. Bei den Nazis ging das mühelos zusammen. Für den Mord an Behinderten oder psychisch Kranken lieferten Wissenschaftler die ­Begründungen, für den Judenhass sowieso. ­Eugenik galt als modern.

Alfred Ploetz war einer ihrer prominenten Vertreter, eine schillernde Figur, die Uwe Timm in den Mittelpunkt seines eindrucksvollen, mehr als 500 Seiten dicken Romans „Ikarien“ stellt. Das Buch ist auch der Versuch, die Frage zu beantworten, mit der er sich jahrelang beschäftigt hat: Wie konnte es so weit kommen, dass ein kluger, gebildeter, idealistischer Mensch wie Ploetz schließlich zum Antisemiten und Vordenker der Rassenhygiene wurde?

„Für Dagmar“ hat Timm dem Roman als Widmung vorangestellt, gemeint ist seine Frau, die Übersetzerin Dagmar 
Ploetz. Sie ist die Enkeltochter des Rassenhygienikers. Und noch einen persönlichen Bezugspunkt gibt es: Ploetz ist 1940 gestorben, in dem Jahr, in dem Uwe Timm in Hamburg zur Welt gekommen ist.

Anknüpfungspunkte an frühere Werke

Timms erste Erinnerungen reichen in die Zeit während des Krieges und kurz danach zurück. Sein berühmtes Buch „Die Erfindung der Currywurst“ spielt in diesen Jahren, „Am Beispiel meines Bruders“ erzählt von seiner Familiengeschichte – sein 16 Jahre älterer Bruder meldete sich freiwillig zur Waffen-SS und starb nach einer schweren Verwundung, als Uwe Timm noch ein Kleinkind war.

In „Ikarien“ gibt es zu beiden Büchern Anknüpfungspunkte. Und trotzdem ist der neue Roman ganz anders. Er blickt weit zurück ins 19. Jahrhundert. Denn Timm will nicht nur erzählen, wie es in einem Land nach zwölf Jahren Diktatur und fast sechs Jahren Krieg aussieht. Timm geht es auch darum, die ideen- und geistesgeschichtlichen Wurzeln freizulegen für den Wahn vom Herrenmenschen, den Glauben an die Überlegenheit der germanischen Rasse und an das Recht, all die zu töten, die die Rasse vermeintlich schwächen. Und so schickt er seinen Protagonisten, den in Hamburg geborenen US-Offizier Michael Hansen, als Mitglied einer Psychological Warfare Division nach Deutschland, um mehr über Alfred 
Ploetz, dessen Forschungen und Ideen herauszufinden.

Anlehung an Frühsozialisten Étienne Cabet

Hansen, ein sympathischer Typ, der Nazis verachtet, aber den Kontakt zu den Deutschen sucht, macht schnell Fortschritte. In Herrsching am Ammersee, wo Ploetz zuletzt gelebt hat, beschlagnahmt er eine Villa und beginnt mit seinen Untersuchungen. Sein wichtigster Zeuge ist ein 81-jähriger Anti­quar, ein Pazifist und Kommunist, der in Dachau im KZ war und sich danach im Keller einer Buchhandlung versteckt hielt. Er erzählt von ­seinem langjährigen Freund Alfred ­Ploetz, der in jungen Jahren von einer ­sozialistischen Gesellschaft der Gleichen träumte – und später von Rassenhygiene.

„Ikarien“ ist ein denkbar knapper Titel. Er stammt aus einem Buch des französischen Frühsozialisten Étienne Cabet – Ikarien ist bei ihm ein Utopia, eine Welt, die nach sozialistischen Idealen funktioniert. Der junge Ploetz hat an sie geglaubt und sie pervertiert. Uwe Timm hat sich mit der Geschichte der Ikarier intensiv beschäftigt. Und er lässt viel davon in seinen Roman einfließen, der ins Jahr 1945 zurückführt, aber auch in die Jahrzehnte davor, in denen sich die Ideen entwickelten, die die Euthanasie und den Holocaust gedanklich vorzubereiten halfen.

  • Uwe Timm: „Ikarien“, Kiepenheuer & Witsch, 505 Seiten, 24 Euro.

von Andreas Heimann

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