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Marburg Ruhm fällt aus – wegen Fall der Mauer
Marburg Ruhm fällt aus – wegen Fall der Mauer
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14:40 27.04.2017
„Sonnenallee“-Autor Thomas Brussig hat einen neuen Roman rund um den Fall der Mauer geschrieben. Quelle: Jens Kalaene
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In spätestens zweieinhalb Jahren, zum 30. Jahrestag, werden sie wieder überall laufen: die Bilder vom Ende der DDR und vom Mauerfall 1989. Dazu die „Wahnsinn, Wahnsinn“-Rufe der überglücklichen Deutschen. Oder die Szene, wie der Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag seinen berühmten, vom Jubel der DDR-Bürger 
übertönten Satz zur Ausreise sagt. Viele Geschichten aus dieser Zeit sind schon erzählt worden. Zu viele? Manche haben genug von der Endlos-Schleife 
der Erinnerung: Wo warst du, damals, als die Mauer fiel?

Man muss sich einiges einfallen lassen, wenn es um dieses schöne, aber etwas durchgefledderte Kapitel der deutschen Geschichte geht. Thomas Brussig, geboren 1964 im Osten Berlins, schafft das. Er hat das Buch zum Kinohit „Sonnenallee“ geschrieben, auch das Musical „Hinterm Horizont“ mit Udo Lindenbergs Musik mochten viele. Mit DDR-Geschichten unterhalten, ohne 
 die Schattenseiten zu vergessen, das kann Brussig. Der Wessi 
lernt in seinen Büchern: In der DDR konnte man auch gute Laune haben und sich verlieben. Es war nicht alles Stasi.

Liebevoll-absurde Geschichte à la Hornby

In seinem neuen Roman 
„Beste Absichten“ erzählt Brussig die Geschichte einer Band namens „Die Seuche“. Die wäre fast, aber auch nur fast, berühmt geworden: Leider war der 10. November 1989 kein guter Tag, um in einem Ost-Berliner 
Club aufzutreten. Der Ruhm fällt aus – wegen Mauerfalls. Vorher versucht sich die Band in einer „Fresswürfel“ genannten Gaststätte, wo sie in der Rangordnung noch hinter den Kellnern rangiert. Sängerin Silke trägt kein Make-up: „Lichtenberg ist nicht Las Vegas.“ Später macht die Band etwas dubiose Geschäfte mit Autos, die DDR-Bürger auf der Flucht zurücklassen.

Erzählt wird die Geschichte 
aus der Perspektive des Managers, den die Musiker „Äppstiehn“ nennen, eine Anspielung auf den Beatles-Manager Brian Epstein. Dazu spielt Brussig mit echten DDR-Geschichten und Legenden. Vielleicht hat es eine solche Ost-Band wirklich mal gegeben, zu der sogar Yoko Ono zu einem Auftritt in New York kam? Und vielleicht gab es wirklich mal ein Mädchen, das bei der Ausreise über die Botschaft in Prag ein Meerschweinchen namens Schnüffi im Trabi zurücklassen musste?

Wer Popkultur und liebevoll-absurde Geschichten mag oder beim Buchhändler sonst nach Büchern von Nick Hornby und Sven Regener greift, kann sich auch den neuen Brussig notieren. Eine Verfilmung wäre keine Überraschung. Wahrscheinlich pünktlich zum nächsten Mauer­fall-Jubiläum.

  • Thomas Brussig: „Beste Absichten“, S. Fischer-Verlag, 192 Seiten, 18 Euro.

von Caroline Bock

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