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Ausbruch aus dem Mief der 50er-Jahre

OP- Buchtipp: „Halali“ Ausbruch aus dem Mief der 50er-Jahre

Zwei junge Frauen sind auf Männerjagd. Sie geraten ihrerseits ins Visier der Männerwelt. Ingrid Noll schlägt in ihrem neuen schwarzhumorigen Krimi „Halali“ eine Brücke zwischen den 50er Jahren und der Gegenwart.

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Ingrid Noll hat wieder einen amüsanten Krimi rund um zwei aufmüpfige Frauen geschrieben.

Quelle: Uwe Anspach, Diogenes Verlag

Ingrid Noll hat zum „Halali“ geblasen. Was das bedeutet, ist wohl jedem Fan der bekannten Krimi-Autorin („Die Apothekerin“) klar: Tou­ghe Frauen hat das Jagdfieber gepackt. Und natürlich haben sie Männer im Visier. Doch im Unterschied zu früheren Romanen spielt die neue Geschichte mit dem Signal-Titel nicht hier und heute, sondern überwiegend in der Vergangenheit. Genauer gesagt: in den 50er Jahren. Und in der früheren bundesdeutschen Hauptstadt Bonn.

Holda, eine ältere Dame, erzählt ihrer Enkelin Laura im Stil von 1001 Nacht von ihrer wahrlich nicht langweiligen Jugend. Hübsch, wie sich Holda, genannt Holle, im kurzweiligen Dialog mit Laura über neu- und altmodische Begriffe, Lebensbedingungen, Gepflogenheiten, Anstand und Sitte der jeweiligen Generation und deren moralische Grenzen austauscht. Noch besser, mit welcher Leichtigkeit – oder Skrupellosigkeit – Holda und ihre Freundin Karin genau diese seinerzeit überschritten haben. Einmal mehr ein Beweis dafür, dass die 81-jährige Noll nichts von ihrem schwarzen Humor verloren hat und ihren Traum von aufregenden Abenteuern, Ausbrüchen aus der Normalität und Verletzungen von Tabus weiterhin 
literarisch auslebt.

Mann finden, heiraten und Kinder kriegen

So also lässt die Autorin, deren Werke bisher in 27 Sprachen übersetzt wurden, Holda und Karin Dinge erleben, die keiner den beiden jungen Damen, die als Sekretärinnen im Innenministerium arbeiten, zutrauen würde. Denn die Mädchen – kaum volljährig – haben eigentlich dasselbe Ziel wie fast alle 
Altersgenossinnen ihrer Zeit: 
einen guten, möglichst betuchten Mann finden, heiraten und Kinder kriegen. Wenn es auch bei der aus einer blaublütigen 
Familie stammenden Karin möglichst schon ein Botschafter sein sollte.

Im Innenministerium erhoffen sich beide die richtigen Kontakte, was leider ein Trugschluss ist. In den Nachkriegsjahren sind ledige Männer, wenn nicht gerade kriegsversehrt und traumatisiert, doch ziemlich rar. Und der eine, der verfügbar wäre, ist das männliche Pendant zu einer grauen Maus: der Jäger.

Zumindest heißt er so, bei Laura und Karin auch „der Jäger aus Kurpfalz“, denn er stammt tatsächlich aus der Pfalz. Und ist Objekt der täglichen Lästereien. 
Zu allem Überfluss zieht er auch noch als Untermieter bei der Gräfin ein, Karins Tante, bei der auch sie ein Zimmer hat. Wider Willen laufen die Mädchen dem Jäger nun noch öfter über den Weg, als ihnen – und sicher auch ihm – lieb ist. Der Jäger ist ein Einzelgänger und menschenscheu. Und so trifft es die Mädchen wie ein Blitz, als sie ihn mit einem seltsamen Mann beobachten, der kurze Zeit später tot aus dem Rhein gefischt wird.

Die Moral wird locker 
über Bord geworfen

Das ist der eigentliche Beginn einer haarsträubenden Geschichte, die man durchweg lächelnd liest, obwohl es außer diesem Toten noch weitere gibt und immer wieder die Moral über Bord geworfen und auch mal die große Politik gestreift wird. Im gewohnt unschuldig-lässigen Plauderton berichtet Noll alias Holda von Ausbrüchen aus der Bürgerlichkeit, die man ganz unverbrämt auch als Verbrechen bezeichnen kann, die teilweise auch durchaus nachvollziehbar sind, aber weder damals noch heute als Kavaliers­delikte durchgehen würden.

Doch gerade das macht die Noll-Krimis aus: die scheinbare Zwangsläufigkeit einer strafbaren Handlung und eine bei den Lesern geweckte Empathie dafür. Sie wolle weder moralisieren noch eine Ideologie vertreten, sondern einfach nur gut unterhalten, rechtfertigt die in Baden-Württemberg lebende Autorin die meist ungesühnten Taten ihrer Protagonisten. Außerdem sei Verständnis vielleicht ein erster Schritt, nicht allzu unbarmherzig zu urteilen. Ihre Bücher seien Menschengeschichten mit kriminellen Überraschungen, „schließlich will ich beim Schreiben auch Spaß haben“.

Den wird Noll, die hier sicher ein Stück eigene Vergangenheit mit eingearbeitet hat, auch bei „Halali“ gehabt haben. Vom Leser ganz zu schweigen: Junge Frauen, die der Spießig­keit der 50er Jahre zu entfliehen suchen, sich über Konventionen und Gesetze hinwegsetzen, ein Handlungsrahmen, der eine Brücke von den Anfängen des deutschen Wirtschaftswunders bis zum digitalen Zeitalter schlägt, und schräger Humor in allen Schattierungen sind eine gut bekömmliche Mischung und sorgen ganz einfach für gute Laune.

  • Ingrid Noll: „Halali“, Diogenes Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

von Frauke Kaberka

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