Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Menschen, die auf Ampeln starren
Marburg Menschen, die auf Ampeln starren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 05.12.2018
Lange Autoschlangen auf der Bahnhofstraße – zu Stoßzeiten Alltag in Marburg.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Ich kann sie nicht mehr sehen, diese Stoßstange. Seit ungezählten Minuten starre ich darauf. Kenne mittlerweile jede kleinste Delle, jeden Dreckfleck auf diesem Stück Blech. Grau, so grau wie dieser trübe Herbstnachmittag in der Nordstadt.

Das einzig Erhellende in der schummrigen Dämmerung sind die beleuchteten Schaufenster der Geschäfte in der Bahnhofstraße. An diesen rolle ich vorbei, im Schneckentempo. So wie Dutzende andere Autofahrer. Oder versuche es zumindest. Ich befinde mich im Stau.

Um mein Auto herum nur Blech, brummende Motoren, Abgase. Das Ende der Autoschlange verschwindet irgendwo in Richtung 
E-Kirche. Ich habe es bis zur Ampel geschafft. Die ist rot. Mal wieder.

Wie bin ich hier nur gelandet? Ich mime heute die ortsfremde Touristin. Die wurde von einer Freundin in diese hübsche kleine Stadt an der Lahn eingeladen. Gemeinsam etwas 
essen, quatschen und dann noch eine späte Shoppingtour – das ist der Plan. Ob ich das wohl schaffe?

Ist das viel beschriene Marburger Stau-Debakel wirklich so dramatisch? Woran kann das liegen? Zu viele Autos? Zu enge Straßen? Gesperrte Brücken?

Bisschen Feierabendverkehr

Es sollte doch eigentlich ganz einfach sein. Von der Stadtautobahn abfahren und dann rechts in die Bahnhofstraße. Elisabethstraße, Deutschhausstraße, Biegenstraße, fertig. Das war der Tipp der Freundin, so weit weg wohnt sie nicht.

Kann ja nicht so schwer sein, dachte ich in meinem touristischen Leichtsinn. Google Maps sagt ja auch, dauert nur acht Minuten. Locker zu schaffen. Das bisschen Feierabendverkehr!

Ich lag so gut in der Zeit, war auch kulinarisch bestens vorbereitet. Noch ofenwarm war der duftende Pizzakarton neben mir auf dem Beifahrersitz. Herrlicher Käseduft, so kann das Abendprogramm beginnen. Dachte ich. Das war vor 20 Minuten.

Die Ampel wird grün. Anfahren. Stoppen. Da vorne geht nichts mehr. Wieder rotes Licht. Man lernt, es zu hassen. Irgendwo wird laut gehupt, der Laut kommt wohl aus der Nebenstraße. In die will die graue Stoßstange vor mir abbiegen.

Ja! Einer weniger!, denke ich schon fast automatisch. Das Abbiegen nach rechts klappt erst nach vielen weiteren Momenten und vielen Fußgängern, die Vorrang haben. Mach‘s gut, grauer Toyota. Hallo, blauer Golf. Endlich mal ein neues Heck vor Augen. Schmutzig-graue Reste eines Aufklebers hängen noch daran. Was da wohl mal stand? „Stau ist nur für die hinteren doof – vorne geht‘s“ vielleicht?

Eine Kurve weiter ist wieder Warten angesagt. Zur Abwechslung starre ich mal nach links, bewundere die majestätische E-Kirche. Eine Frau mit Rollkoffer ist auch interessant, die zieht rechts ratternd an mir vorbei, viel schneller als ich. Ein junger Mann mit gesenktem Blick kommt ihr entgegen. Ein gebeugter „Smombie“ in seiner natürlichen Umgebung.

Durchatmen, aushalten!

Er starrt auf das Smartphone in seiner Hand. Ist ja fast schon spannend, wie sich beide einander annähern. Noch ein paar Schritte. Das Rattern wird immer lauter. Drei, zwei, eins. Kollision? Nein, doch noch knapp ausgewichen.

Die nächste Kreuzung ist geschafft. Willkommen auf der Deutschhausstraße, hier kannst du entschleunigen – das scheinen die vielen Rücklichter in der Dämmerung zu verkünden. Wieder warten. Die nächsten Ampeln leuchten schon lockend in der Ferne, eine für links, eine geradeaus.

Da will ich hin, doch rechts stehen zwei Busse. Einer blinkt schon fordernd. Eine Warnung an all jene, die weniger Blech um sich herum haben. „Achtung, jetzt komme ich! Lasst mich vorbei, ich bin Bus!“, scheint das orangene Licht zu verkünden. Das Gesetz der Straße. Quälend langsam zieht er links rüber, in die Schlange blinkender Lichter hinein.

Die Fahrer, gefangen in ihren Wagen, warten, haben das Nachsehen. Ist ja die Regel. Mach hinne, Mann!, denke ich dennoch. Durchatmen, aushalten! Die Straßenhierarchie aussitzen. Das schafft nicht jeder.

Ein weißer Audi zwängt sich in die enge Lücke, will rechts vorbei. Zur Not über den Radweg. Man tritt schließlich immer nach unten. Vier Räder gegen zwei. Eine Frau auf einem Drahtesel bremst gerade noch ab, wird blockiert. Ein Klopfen auf das Autodach, wildes Gestikulieren. Beim Brummen des Busses ist die Schimpftirade gar nicht zu hören. Der Audi-Fahrer verzieht keine Miene.

Die Radlerin zieht dafür rüber, über den Bordstein. Dann wird eben auf dem Fußweg weitergefahren. Die Frau mit Kinderwagen muss eben warten. Tritt nach unten. Aber wo tritt die Fußgängerin hin?

Wartezeit zwischen
 Ampelphasen

Wieder ein paar Meter geschafft. Endlich an der Ampel. Ihr rotes Licht begrüßt mich. Was ist denn hinten eigentlich so los? Auch eine lange Schlange. Die junge Frau im Wagen hinter mir vertreibt sich die Zeit mit Kämmen, verrät mir mein Rückspiegel. Immer wieder fährt ihre Hand durch die langen blonden Haare. Sieht gut aus. Ja immer noch gut. Jetzt ist aber mal gut, denke ich. Der Nervfaktor steigt. Aus anderen Autos leuchten verräterische Lichter in der Dunkelheit, auf die gesenkten Köpfe der Fahrer.

Konzentriert wird auf Handybildschirmen herumgetippt. Beschäftigungstherapie. Aber wehe, einer verpasst deswegen die Grünphase. Wie lange stehe ich hier? Eine knappe Dreiviertelstunde? Unglaublich. Der Ladenschluss rückt auch näher. Das Abendprogramm droht zu kippen. Das Handy piept zum wiederholten Male. „Wo bleibst du???“ bekomme ich zu lesen. Gleich drei Fragezeichen, das ist schlecht. Ein wütendes Smiley noch dazu! Oje.

Pizza-Check. Die traurige Schachtel neben mir wird langsam kalt. Und mir auch. Die Beine zittern. Vor allem das linke. Das macht Überstunden. Kupplung treten, Muskeln anspannen, halten. Das nächste Auto wird eins mit Automatik.

Ich male mir aus, wie es wäre, mich hier jeden Tag hindurchquälen zu müssen. Gruselige Vorstellung. Anfahren. Anhalten. Immer wieder. Man fühlt sich eingeengt, klein in der Blechlawine, machtlos vor der Masse.

Wieso ist die Ampel schon wieder rot? Geht doch gar keiner rüber. Ich kann einfach keine Bremslichter mehr sehen.
Auf der Gegenspur begegnen mir wieder verkniffene Gesichter. Fahrer starren stumpf geradeaus. Auf Ampeln, auf Stoßstangen. Was die wohl gerade denken?

Touristenschreck

Was gibt es heute zum Abendessen? Habe ich das Licht im Büro ausgemacht? Wieso habe ich nicht die Spätschicht übernommen? Dann würde ich wenigstens nicht sinnlos Lebenszeit an eine brummende Schlange verschwenden.

Ein blauer Roller knattert vorbei, kurvt wankend um die stehenden Autos herum. Der behelmte Fahrer sitzt steif da. Ja toll, du hast ein Zweirad, hau doch ab, denke ich. Warum musst du nur so nach Diesel stinken?

Weg ist er, der Gestank bleibt. Vor einer gefühlten Ewigkeit war es noch Pizzaduft, der durch den Wagen schwebte. Der ist passé. So wie der ganze Abendplan. Die Zeit reicht längst nicht mehr für eine Tour durch die Stadt. Die letzte wütende Handy-Nachricht der Freundin besiegelt das endgültig. Danke, Stau!

Der Marburger Stau-Horror scheint so viele Gründe zu haben, die sich zu Stoßzeiten eben bündeln, von Sperrungen und Baustellen mal ganz abgesehen. Die gehen vorüber. Es bleiben die vielen Autos, die Kurven, enge Straßen, Nadelöhre, Wirtschaftsstandorte, die zwangsläufig Verkehrsströme auf bestimmte Ecken konzentrieren.

Vorerst kann ich wieder umdrehen. Der Schlange, diesem Touristenschreck, vorerst den Auspuff zeigen. Vielleicht beim nächsten Mal.

von Ina Tannert