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Marburg "Radio Universe" feiert Premiere am HLTM
Marburg "Radio Universe" feiert Premiere am HLTM
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00:19 01.10.2018
Ausdrucksstarke Schauspieler machen „Radio Universe“ zu ­einem fesselnden Theatererlebnis. Quelle: Katrin Schander
Marburg

„Ich könnte jetzt erzählen …“ Von den Bomben, die vom Himmel fallen, vom Krieg in einem kleinen Land in Osteuropa. Doch in dieser Augustnacht vor zehn Jahren kommt Radiomoderator Jo immer wieder auf den Schnee, der in Deutschland vom Himmel fällt, auf Baby­füße und darauf, Hörerwünsche ­entgegenzunehmen. Zwischen seinem als Radio­moderator angenehmen Sprechduktus überfällt Jo (von ­Daniel Sempf fesselnd dargestellt) ­murmelnd seine ­eigene Einsamkeit, seine Schwärmerei für den Schnee, für eine gewisse Frau namens Adel und für den Jazz.

In der deutsch-georgischen Koproduktion „Radio ­Universe“, mit der das Hessische Landestheater Marburg am Samstag seine dritte Premiere feierte, begleitet die preisgekrönte Autorin und Regisseurin Nino Haratischwili neben Jo fünf weitere Figuren, die inmitten einer Wirklichkeit aus Schrecken am fernen Ort und vernarbten Biografien im Hier alle ihr ganz privates Glück suchen. Sie sind Fotografin, Barfrau, Geliebter, vergessene Tochter und deren Hund. Bühnenbildnerin Julia B. Nowikowa platziert sie spektakulär auf drei schiefe Ebenen mit je einer Drehachse in der Mitte, was während des Spiels einen Wippeneffekt schafft.

Monologe stechen mit sprachlicher Schönheit hervor

Am Rand ist die Fotografin Adel in ihrer Wohnung, die sie schon lange nicht mehr verlassen hat. Adel ist verlassen, von ihrem jüngeren Mann Ilja. Und so bleibt der Fotografin lediglich das Bildschirmgeriesel ihres Fernsehers und Jos Radiosendung als Kontakt zur Außenwelt. Die Fotografin badet sich in ihrer Wut, ihrem Selbstmitleid und driftet, auch mit Halluzinogenen, immer weiter von der Wirklichkeit ab: „Wer war da, als ich auf den Knien kroch? Mein Leid zählt wohl nicht, weil ich im Supermarkt zwischen Schwarz- und Weissbrot aussuchen kann.“ ­Schauspielerin Nino Burduli schafft die immer tiefer werdende Abgründigkeit von Adels Seelenleben bravourös. Auch die sprachliche Schönheit Haratischwilis in ihren Monologen sticht hervor: „Er ging und hinterließ Rechnungen, hinterließ einen Eimer voller Fragen … hinterließ Lieblingsfilme, einen vertrockneten Kaktus, hinterließ fünf gemeinsame Jahre und hinterließ mich.“

Derweil sitzt Ilja in der Bar von Zoe: „Man kann so wenig miteinander teilen und wenn wir es doch tun, entgleiten wir uns.“ So trifft Ilja (klasse gespielt vom georgischen Schauspieler Erekle Getsadze) eines der Kernthemen der sechs Figuren in dieser Nacht, deren Abgründe irgendwie alle von allen trennen. Er ist auf der Suche nach Lile, die nach einer gemeinsamen Nacht schwanger ist. Lile ist wegen ihres kranken Vaters in das kleine Land nach Osteuropa gereist und tauschte eben noch E-Mails mit ihrer festen Freundin, der Barfrau Zoe, aus. „Die Bilder kriechen aus dem Fernseher und werden echt. Ich will, dass sie im Fernseher bleiben. Scheiße. Zoe.“ Lile (eindrucksvoll: Natia Parjanadze) und Zoe (Lisa Grosche, zeigt die innere Zerrissenheit toll) tauschen mit den E-Mails ihre Angst aus, doch bleiben sich fremd.

Stammkneipe und Lieblingsradiosender

Nino Haratischwili setzt passend immer wieder Kontrapunkte, wenn etwa der Hund Giorgy (lebendig und stark dargestellt von Valentina Schüler), wankend zwischen Wut und Abwarten – er darf wegen komplizierter EU-Quarantänebestimmungen nicht mitreisen – in knallgelbem Outfit mit Goldkette (Kostüme: Gunna Meyer) von Osteuropa rappt. Oder wenn in einer Zwischenszene alle Figuren zu Stroboskoplicht und Discomusik tanzen. Ergreifend stechen Dynamik und Ästhetik der Inszenierung hervor, die nicht zuletzt von einer spektakulären Lichtkulisse untermalt wird. Am Ende reist Lile in ihre neue Heimat zurück, sieht ihre Freundin, ihren Geliebten und ihren Hund wieder. Der Krieg scheint nun weit weg. Aber, welch’ Glück! Stammkneipe und Lieblingsradiosender sind wieder da. Und am Ende hören alle Radio und tanzen zu Leonard Cohen (Musik: Giorgi Khositashvili): „Give me back my broken night, my mirrored room, my secret life. It’s lonely here.“ Einsam also.

von Beatrix Achinger