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Marburg „Mitleid ist nicht angebracht“
Marburg „Mitleid ist nicht angebracht“
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20:33 19.03.2018
Wäre im Nachhinein gern Richter geworden: Nikolaus Petri (70), Schöffe am Amtsgericht Marburg. Quelle: Friederike Heitz
Neustadt

Etwa zwölf Mal im Jahr fährt Petri (70) nach Marburg ins Gericht. Dort sitzt er neben dem Richter – als Schöffe. Er hört Aussagen, stellt Fragen und entscheidet über Schuld und Strafmaß.

OP: Herr Petri, Sie sind seit neun Jahren Schöffe, Sie haben über 100 Verhandlungen miterlebt. Geht es gerecht zu im Gerichtssaal?
Nikolaus Petri: Ja, grundsätzlich schon. Bisher war ich immer der Meinung, dass das gefällte Urteil gerecht war, obwohl ich in wenigen Fällen durchaus dachte, man hätte etwas mehr Nachsicht walten lassen können.

OP: In was für Fällen?
Petri: Zum Beispiel wenn ein Angeklagter wegen Drogenab­hängigkeit mit dem Gesetz in Konflikt gerät, wenn er ­Dinge tut, die er ohne die Abhängigkeit wahrscheinlich nie tun würde. Dann ist die Frage, ob man so streng urteilen muss, wie es das Gesetz zulässt, oder ob man ihm die Möglichkeit gibt, sich durch therapeutische Unterstützung zurück auf den rechten Weg zu begeben.

OP:  Haben Sie manchmal Mitleid mit Angeklagten?
Petri: Nein. Das wäre auch nicht angebracht.

Steckbrief

Name: Nikolaus Petri
Alter: 70
Wohnort: Neustadt
Familie: verheiratet, 2 Kinder, 2 Enkelkinder
Beruf: Verwaltungsbeamter im Ruhestand
Schöffe: von 2009 bis 2013 am Landgericht, seit 2014 am Amtsgericht Marburg

OP: Mit was für Fällen hatten Sie es als Schöffe zu tun?
Petri: Ich erinnere mich noch gut an einen extremen Fall aus meiner Zeit am Landgericht. Es ging um häusliche Gewalt. Der Fall ist mir an die Nieren gegangen, er hat mich noch abends ­beschäftigt. Da habe ich gelernt, dass es nichts gibt, was es nicht gibt.

OP: Was war damals passiert?
Petri: Ein Ehepaar lebte in Scheidung, der Ehemann suchte die Aussprache und besuchte seine Ehefrau zuhause. In der Küche kam es dann zu dem Vorfall. Er schlug und vergewaltigte sie. Dieses Ausmaß an Gewalt konnte ich mir bis dahin gar nicht vorstellen. Man wird als Schöffe mit Fällen konfrontiert, mit denen man nicht rechnet. Man kommt in der Wirklichkeit an.

OP: War das eines der härtesten Urteile, die Sie gefällt haben?
Petri: Ja, es war eine mehrjährige Haftstrafe.

OP: Hat schon mal ein Angeklagter versucht, Sie einzuschüchtern?
Petri: Es kommt schon mal vor, dass einen ein Angeklagter während der Verhandlung so anstarrt, dass man sich fragt: „Na, merkt der sich jetzt dein Gesicht für den Fall einer Verurteilung?” Aber wirklich bedroht habe ich mich noch nicht gefühlt.

OP: Wie oft stimmt der erste Eindruck, den Sie von einem Angeklagten haben?
Petri: Ich lasse mich nicht vom ersten Eindruck leiten. Das muss man unterdrücken. Man muss Zeugen und Gutachter 
hören. Nur dann kann man sich eine objektive und unparteiliche Meinung bilden.

OP: Am Richtertisch sitzen Sie stets zusammen mit einem zweiten Schöffen, der genau wie Sie der Verhandlung zugelost wurde. Was für Menschen machen dieses Ehrenamt?
Petri: Da trifft man Menschen der unterschiedlichsten Berufsgruppen, Männer wie Frauen. Junge Menschen trifft man allerdings eher selten. Die meisten Schöffen haben schon eine gewisse Lebenserfahrung, was ich für richtig halte. Grundsätzlich kann man ab 25 Jahren Schöffe werden. Ein paar Ausnahmen gibt es. Ausgeschlossen sind beispielsweise Menschen mit finanziellen Problemen, weil man ausschließen möchte, dass Entscheidungen durch finanzielle Angebote beeinflusst werden.

OP: Wie sind Sie Schöffe geworden?
Petri: Ich wurde von einem Mitarbeiter der Stadt Neustadt ­angesprochen. Ich interessierte mich für das Ehrenamt. Ich war damals schon Schiedsmann in Neustadt.

OP: Mussten Sie vor Ihrem ersten Fall das Strafgesetzbuch lesen?
Petri: Nein. Juristische Kenntnisse sind nicht notwendig. Wenn sich Richter und Schöffen zurückziehen, um den Fall zu besprechen, ist es der Richter, der die rechtliche Seite des Falls darlegt. Der Schöffe soll seine Lebenserfahrung einbringen, ­eine neue Perspektive auf den Fall eröffnen, weniger aus den Büchern, mehr aus dem Leben.

OP: Theoretisch können zwei Schöffen gegen einen Berufsrichter entscheiden. Haben Sie schon mal einen Richter überstimmt?
Petri: Nein. Bisher haben wir ­alle Urteile einstimmig gefällt.

OP: Was hat Sie an der Juristerei am meisten überrascht?
Petri: Der Spielraum beim Strafmaß. Das macht die Urteilsfindung manchmal sehr schwer, insbesondere wenn es um junge Menschen geht oder um Ersttäter, wenn eine Haftstrafe möglich, aber Bewährung vielleicht besser wäre, um demjenigen die Möglichkeit zu geben, sein Leben zu ordnen.

OP: Ein ungeordnetes Leben – trifft das auf viele Angeklagte zu?
Petri: Ja. Arbeitslosigkeit, kein geordnetes Zuhause und Geldmangel spielen oft eine Rolle.

OP: Wären Sie im Nachhinein gern Richter geworden?
Petri: Ja. Wenn ich heute noch mal vorm Studium stehen würde, würde ich mich vielleicht für Jura entscheiden. Die Arbeit eines Richters ist sehr interessant. Man sieht viel vom Leben, das man sonst nie mitbekommen würde.

von Friederike Heitz

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