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Nieder mit Eitelkeit und Schmeicheleien!

Theater Nieder mit Eitelkeit und Schmeicheleien!

Eindrucksvoll und mit vollem Einsatz von Körpersprache und Stimmbändern inszenierten die Zwölftklässler der Freien Waldorfschule Marburg Elias Canettis „Komödie der Eitelkeit“ in der Schulaula.

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Szene aus der Aufführung der Waldorf-Schüler.

Quelle: Krämer

Marburg. Eitel ist der Mensch. Täglich betrachtet er sich im Spiegel, lässt sich fotografieren oder malen und überprüft sein Äußeres in nahezu jedem Schaufenster. Doch was, wenn auf einmal jegliche Abbildungen von Personen verboten werden: ein Spiegel, Foto oder Gemälde zum Teufelswerk wird, auf dessen Besitz die Todesstrafe verhängt ist? Gegenstand von Canettis 1934 entstandenem Drama ist das von einem autoritären Regime verhängte Verbot jeglicher Abbildungen des Menschen.

Zu Beginn noch im Rahmen von volksfestartigen Bilderverbrennungen gefeiert, zu denen ein jeder, und sei er noch so arm und besitzlos, begierig etwas beisteuern möchte, schreitet langsam, aber sicher der Verlust der Identität voran. Fanatismus und diktatorische Grundzüge, mit kritischen Anspielungen auf den Nationalsozialismus, zeichnen zunehmend die „spiegellose Gesellschaft“ aus. Profit aus dem Abbildungsverbot schlägt dabei nicht nur der Staat, auch der Schwarzmarkt beginnt zu florieren. Um noch einmal einen letzten Blick aufs Spiegelbild zu erhaschen, ist vor allem die diesbezüglich äußerst kreative Damenwelt bereit, alles zu geben. So halten auch schon mal die Augen der Freundin als Spiegel her.

Doch Wehe dem, der von den Regimeherren mit ihren schwarzen Sonnenbrillen erwischt wird. Denn zur Durchsetzung des Verbots schrecken jene Gestalten vor keinem Mittel zurück. Schließlich reicht die „Konformitäts-Diktatur“ so weit, dass selbst Schmeicheleien mit dem Tode bestraft werden. Zwar scheitert die gänzliche Auslöschung des Individuums letzten Endes am menschlichen Drang nach Ich-geprägter Selbstbestätigung, das Selbstbewusstsein des Menschen jedoch ist zerstört. Obwohl sich die insgesamt 26 Schülerinnen und Schüler ein durchaus anspruchsvolles Stück ausgesucht hatten, überzeugten sie während der gut zweistündigen Aufführung durch Sicherheit in Auftritt und Text.

Ein Ass im Ärmel hatten die jungen Akteure zudem dank einer multifunktionalen Bühne, mithilfe derer das Geschehen nicht nur auf oder vor, sondern auch in und unter der Kulisse stattfinden konnte. So sprangen die unheimlichen Sonnenbrillen-Herren mitunter aus den Bühnenschubladen, um eine ihrer „Sitzungen“ abzuhalten. Inmitten von ihnen stets der diktatorische Oberlehrer Fritz Schackerl, eine nahezu personifizierte Hitler-Parodie, die Darsteller Philip Nebe so laut- und einsatzstark verkörperte, dass es durch Mark und Bein fährt. Ebenso ausdrucksvoll zeugte auch Halil Unzun als Ausrufer Wenzel Wondrak von vollem Körpereinsatz, bei dem im Zuge eines cholerischen Anfalls auch mal ein Plastikbecher seinen Weg ins Publikum fand. Hätte Canetti der Aufführung beigewohnt, er hätte den Becher vermutlich begeistert aufgefangen.

von Karolin Krämer

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