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Marburg Alles besser als Liebe nur von Weitem
Marburg Alles besser als Liebe nur von Weitem
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19:45 23.05.2018
Wenn die Liebe weh tut, hilft manchmal nur eine stützende Hand: Nisse Kreysing (links) und Rolf Michenfelder spüren mit einem Theaterabend in vier Teilen den ganz großen Gefühlen nach. Quelle: Heike Döhn
Marburg

Es geht um gebrochene Herzen und Sehnsucht, Einsamkeit, Männer in Kneipen und gescheiterte Beziehungen. Dennoch – oder deswegen? – wird viel gelacht bei „Kommt denn auch Liebe vor? Kommt vor“. Nicht wenig, was Rolf Michenfelder – der auch den Text geschrieben und Regie geführt hat – und Nisse Kreysing auf die Bühne bringen. Und zwar mit einer Lakonie, die schon etwas von Slapstick hat.

Vier Szenen sind es, die sich um das eine, das große Thema ranken. Zwei davon hat man im G-Werk schon gesehen, denn sie waren Bestandteil der Themenabende, die sich um die theatrale Umsetzung von drei Songs und drei Filmen drehten. Wer sie da gesehen hat, freut sich über das Wiedersehen.

Ums traurigste Lied dreht sich die erste Szene

Wer nicht, kann sich zum ersten Mal berühren lassen von einem Understatement, das direkt ans Herz geht – und dabei erstaunlich unterhaltend ist, angesichts der Tatsache, dass eigentlich nicht allzu viel passiert auf der Bühne. Um das traurigste Lied, das je geschrieben wurde, dreht sich die erste Szene.

Zwei Männer im gereiften Alter, offensichtlich sehr miteinander vertraut, verfolgen ihre Rituale. Sie haben wohl schon einiges an Desillusion und Herzschmerz hinter sich und können doch nicht aufhören, sich diesem allertraurigsten Lied hinzugeben – es ist übrigens „For no one“ von den Beatles – wie ein Junkie der Droge.

Ohne das große Gefühl 
ist das Leben leer und schal

Denn ohne das große Gefühl ist das Leben leer und schal, auch wenn’s immer wieder weh tut, davon überzeugen Michenfelder und Kreysing den Zuschauer ohne viele Worte.

Und man möchte diese sanften Männer in ihren 80er-Jahre-Musik-T-Shirts in den Arm nehmen, aber die beiden tun das schon gegenseitig. Man könnte ihnen stundenlang zusehen, selbst wenn sie nur auf einen Espressokocher starren und warten, bis das Wasser kocht.

Zusehen, bis Wasser in einem Wasserkocher zu sieden beginnt, kann man derzeit auch am Bochumer Schauspielhaus in einer Inszenierung, die einen Film des finnischen Regisseur Aki Kaurismäki auf drei bezaubernde Stunden ausdehnt, in denen eigentlich nichts passiert.

Und Kaurismäkis Film „Ariel“ gibt den Hintergrund zu einer anderen Szene der Premiere, die dem Zuschauer auch Geduld abfordert, denn es dauert ziemlich lange, bis Kreysing den ersten Satz sagt. Da hat er schon nach finnischem Tango getanzt, akribisch auf einen Teller und immer wieder ins Leere geschaut.

Liebe kommt andauernd vor

Und dann erzählt er von der Liebe, die ganz still daher kommt, ohne großes Tamtam, die aber geprägt ist von Beständigkeit und Loyalität: „Wenn ich nochmal … Also, dann so.“

Dass Liebe mit Sehnsucht und Träumen zu tun hat, macht auch der kleine Film, der zwischen den Szenen gezeigt wird, klar. Und dass nicht jeder vom Selben träumt – für den einen müsste es Catherine Deneuve sein, dem anderen reicht France Gall.

Ob Sehnsucht besser ist als Liebe, oder ob gelebte, aber unglückliche Liebe nicht immer noch besser ist als Liebe von Weitem – darum geht es auch in der letzten Szene, in der zwei melancholische Cowboys und der Roman „Land der Freien“ von Cormac McCarthy eine Rolle spielen.

Man wartet darauf, dass etwas Großes passiert, und dann ist es plötzlich zu Ende – und man merkt, dass das Große schon längst da war. So ist das in der Liebe, und so ist es auch in diesem Stück. Kommt auch Liebe vor? Andauernd. Gottseidank.

  • Zu sehen ist „Kommt denn auch Liebe vor? Kommt vor“ am 25. und 26. Mai jeweils ab 20 Uhr im Theater im G-Werk.

von Heike Döhn