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Marburg Neue Studie zu Tram soll neues Ergebnis liefern
Marburg Neue Studie zu Tram soll neues Ergebnis liefern
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14:17 22.02.2018
Mindestens 36,5 Millionen Euro nur für Baukosten – und keine Chance auf Fördermittel durch Land und Bund: das ist das Ergebnis der Kosten-Nutzen-Analyse für die Tram vom Südbahnhof auf die Lahnberge. Quelle: Fotomontage: OP
Marburg

Die Kosten-Nutzen-Analyse der Gutachter liefere „ein bedauerliches Ergebnis“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD). Die Studie hält die Kosten für einen Bau einer Straßenbahn vom Südbahnhof bis zum Uni-Klinikum auf den Lahnbergen im Vergleich zu dem Nutzen für „unverhältnismäßig“. Der ermittelte Kosten-Nutzen-Wert einer Tram liegt laut Gutachter „weit unterhalb“ des für ein positives Bewertungsergebnisses von 1,0 – laut Stadtwerke liege es rechnerisch gar im Negativbereich, bei minus 1,4 Punkten.

Vom Land Hessen und dem Bund sei demnach eine finanzielle Förderung des Vorhabens „nicht zu erwarten“. Resultat: Kommune und Stadtwerke müssten sämtliche Kosten – laut Gutachter mindestens 36,5 Millionen Euro nur für Bau- und ohne weitere Infrastrukturkosten – selbst stemmen. „Das ist undenkbar, der Bau lohnt sich nur mit einer bei solchen als machbar eingestuften Projekten üblichen 90-prozentigen Förderung“, sagt Spies.

Spies sieht "Korrekturbedarf" in der Studie

Der Magistrat hält ein Einsacken von Fördermitteln aber weiterhin für möglich, da es „grundlegende Fehlannahmen“ in der Wirtschaftlichkeitsuntersuchung und somit „Korrekturbedarf“ gebe, sagt Spies. Die Problempunkte:

  • Der anstehende Südbahnhof-Umbau samt einer damit einhergehenden Umsteigezeit-Verkürzung der Reisenden sei in der Studie nicht berücksichtigt worden. Ergebnis sei eine negative Beeinflussung der Tram-Prognose.
  • Im Gegensatz zur Annahme in der Untersuchung müsste sich eine Straßenbahn die Streckenführung nicht komplett, sondern nur teilweise mit anderen Fahrzeugen teilen. So stünde ab der Ecke Großseelheimer Straße/Hölderlinstraße bis zum Ziel „ausreichend Platz für eine selbstständige Trassenführung zur Verfügung“. Ein Weg durch den Wald, etwa. Mit jedem Meter, den sich eine Tram mit anderen Fahrzeugen teilt, beeinflusse das die Wirtschaftlichkeitsrechnung negativ, auch die grundsätzliche Förderfähigkeit sei mit dem Aspekt verknüpft, dass der überwiegende Teil des Fahrwegs auf einer eigenständigen Tram-Strecke erfolge.
  • Das Potenzial einer Straßenbahn solle nicht, wie jetzt geschehen auf Grundlage von standardisierten Schätzformeln des Auto-Verkehrs, sondern durch Zählungen erfolgen. „Nur so kann man ermitteln, für wie viele Menschen es tatsächlich attraktiv wäre, statt mit dem Auto mit der Tram zu fahren“, sagt Spies.
  • Die Baukosten seien seitens der Gutachter zu hoch angesetzt, sie geht von rund zehn Millionen Euro pro Kilometer aus. Vergleichbar lange Projekte wie etwa in Nordhessen sind real billiger (OP berichtete).
  • Die Buslinie 7 müsse entgegen den Studien-Aussagen angesichts vieler weiterer dort verkehrender Linien nicht betrieben werden, um eine ÖPNV-Verbindung vom Südbahnhof zur Innenstadt zu sichern.

Fahrgastaufkommen auf Lahnberge: 10 500 pro Tag

Eine neue, ergänzende Prüfung könne solche Problempunkte „zurechtrücken“ und würde somit „die Kennzahlen, die ganze Wirtschaftlichkeitsbewertung und somit die ­Gesamtaussage elementar verändern“, sagt Spies. Eine Machbarkeitsstudie hatte im Vorfeld der nun veröffentlichten Analyse bereits eine technische ­Umsetzbarkeit auf der Strecke, die hauptsächlich über die Großseelheimer Straße führen soll, bejaht.

Es gehe laut Stadtwerke-Geschäftsführer Rainer Kühne angesichts perspektivisch weiter steigender Studenten- und Uni-Mitarbeiterzahlen um eine Lösung für das Problem, jeden Tag rund 10 500 Menschen auf die Lahnberge und zurück zu bringen – „und zwar fast alle zeitgleich zu den Stoßzeiten“. Auch Kühne hält wesentliche Aspekte in der Analyse für „nicht richtig abgebildet“.

Der Plan des Magistrats ist es, im März die parlamentarischen Gremien, die Stadtverordneten einzuschalten. Das Ziel laut OB: Gelder im Haushalt freigegeben zu bekommen, um eine weitere Analyse in Auftrag geben zu können. Ob diese dann erneut vom aktuellen Gutachter, der Karlsruher Firma PTV Group erstellt wird, oder „wir eine zweite Meinung holen, wird sich zeigen“, so Spies.

von Björn Wisker