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Marburg Ockershausens Ja hängt an Bedingungen
Marburg Ockershausens Ja hängt an Bedingungen
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00:17 12.11.2018
Der Ortsbeirat Ockershausen will der Entstehung eines neuen Wohngebiets am Hasenkopf nur unter mehreren Bedingungen zustimmen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die sich abzeichnende Wohngebiets-Entscheidung pro Stadtwald sorgt für Erleichterung bei den Pferde-Fans in der Marbach. „Das verschafft mir ab jetzt viel ruhigere Nächte, das ist der Hammer“, sagt Monika Kickartz, Betreiberin der Reitanlage „Rohan“. Trotzdem werde sie langfristig Ersatzflächen brauchen – angesichts der schwindenden Grünareale stehe „eine enorm schwierige Aufgabe“ bevor. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) hat sich für die Rettungsankündigung einen Bezug zum Fantasy-Roman „Herr der Ringe“ – wie er selbst zugab – zurechtgelegt: „Die Reiter von Rohan haben jetzt zehn Jahre Zeit, sich ein neues Helms Klamm zu suchen.“  

Angst, dass Tegut-Bau Türöffner für weitere Projekte wird

Kritik an der Magistrats-Empfehlung zu einem Tegut-Bau am Oberen Rotenberg kommt von der Bürgerinitiative Marbacher Nachbarn, sie bezeichnet den Schritt als „Türöffner für eine umfangreichere Bebauung, als derzeit offiziell geplant“. Die Verkehrsprobleme würden durch ein Einkaufszentrum ebenso zunehmen wie durch ein Wohngebiet. Ein Punkt, den die Stadt anders einschätzt: Einkaufsverkehr aus dem Westen würde künftig eher von „Fahrten ins Zentrum abgehalten“.

Die Magistrats-Empfehlung pro Hasenkopf sorgte auch im Ortsbeirat Ockershausen für einige Unruhe und trieb Renate Bastian (Linke) zu der Aussage, dass die Stadt wohl den „Weg des geringsten Widerstands“ folge. Der Ortsbeirat pocht daher bei einer Hasenkopf-Bebauung auf die Umsetzung aller Aspekte des am Dienstagabend einstimmig beschlossenen Forderungskatalogs. Das sind die Kernpunkte für eine Zustimmung des Gremiums zur Entstehung eines neuen Wohngebiets am Hasenkopf:

  •  Einführung von Spielstraßen beziehungsweise effektive Verkehrsberuhigungen in den Straßen: Zwetschenweg, Stiftsstraße, Bachweg, Hohe Leuchte, Herrmannstraße und Leopold-Lukas-Straße – also bauliche Veränderungen ohne zusätzliche finanzielle Belastung der Straßenanlieger
  •  Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h in der Graf-von-Stauffenberg-Straße Bau eines Kreisverkehrs im Kreuzungsbereich zur Südspange
  •  Nachhaltiger Schutz des Erholungsgebiets Weinstraße / Drei Linden / Heiliger Grund
  •  Berücksichtigung der Umwelt- und Naturschutzbelange, besonders Prüfung, ob das Gebiet zu weit westlich in sensible Bereiche ragt
  •  Unterschiedliche Bauformen und Baumaterialien, die der Topografie angepasst sind. Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäuser, Mehrgenerationenprojekte, energetische Bauweise
  •  Keine sozialen Brennpunkte schaffen: Geförderter Wohnungsbau in angepassten Wohnformen samt sozialer Durchmischung sowie Schaffung neuer Infrastruktur und öffentlicher Räume

Forderung: Spielstraßen für Alt-Ockershausen

  •  Bauliche und soziale Verzahnung beziehungsweise Verbindung von bestehendem zu neuem Wohngebiet
  •  Aktuelle Verkehrszählung und Erstellung eines überörtlichen Verkehrsführungskonzepts mit dem Ziel Verkehrsvermeidung. Zudem die Verbesserung des Busangebots samt Fahrradmitnahme. Eine Fahrradverbindung zu dem Gesamtquartier Stadtwald.
  • Kein Radwegebau durch den „Heiligen Grund“

Die Erfüllung anderer Ortsbeirats-Bedingungen wie die Einbindung des Gremiums zu allen Entscheidungen zum Baugebiet, ein aktuelles Klimagutachten samt Erforschung der Frischluftschneisen sowie eine Sozialwohnungsquote von 30 Prozent – all dies hat der Magistrat bereits bei seiner Pro-Hasenkopf-Empfehlung in dieser Woche angekündigt.

Besonders heikel könnte es werden, wenn der Ortsbeirat an der Radweg-Bedingung festhält und seine Zustimmung zum Hasenkopf verweigern würde. Denn der Magistrat kündigte schon im Sommer an, dass der „Heilige Grund“ die einzig mögliche Verbindung von Tal und Stadtwald und ein schmaler Radweg grundsätzlich „kein nennenswerter Eingriff in die Natur“ sei. Auch die Spielstraßen-Forderung für mehrere Strecken in Alt-Ockershausen – dem Bereich, aus dem am meisten Kritik an den Bebauungsplänen kommt – ist etwas, das die Stadtspitze seit geraumer Zeit ablehnt.

Besucher fürchteten um Naturschutz

Den größten zeitlichen Raum nahm während der Ortsbeiratssitzung die Diskussion mit Besuchern in Anspruch. Von denen waren einige der Meinung, dass sie sich nicht durch den Ortsbeirat vertreten sahen, da sie als Stadtteilbewohner doch absolut gegen eine Bebauung des Hasenkopfs seien. Sie warfen den Gremiumsmitgliedern vor, die Belange des Naturschutzes nicht hinreichend zu würdigen, was diese mit Verweis auf den Forderungskatalog nicht auf sich sitzen ließen.

Ein Besucher, Einwohner von Cyriaxweimar, brachte den Vorschlag der Westtangente ins Gespräch und unterstellte, die Ockershäuser Verkehrsprobleme auf andere Stadtteile zu verlagern, was für weitere Emotionen sorgte. Hintergrund dafür ist der aktuelle SPD-Vorstoß zum Bau einer Westumfahrung zwischen B 62 und B 255.

von Björn Wisker
und Heinz-Dieter Henkel