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Sänger lässt die Saalmauern erbeben

Michael Nagy Sänger lässt die Saalmauern erbeben

Mit Michael Nagy hatte der Konzertverein für das Saisonfinale einen der international gefragtesten Baritone gewonnen und mit dem Pianisten Gerold Huber einen weltweit geschätzten Liedbegleiter.

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Gerold Huber begleitete am Klavier den Bariton Michael Nagy.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Welch eine Stimme! Als Michael Nagy zu singen begann, schienen die Mauern des Erwin-Piscator-Hauses zu beben – ob dieser mühelosen Klanggewalt, die sein dunkel timbrierter Bariton in den, leider nur mit 350 Zuhörern besetzten, großen Saal katapultierte. Kaum mochte man glauben, dass dieser Sänger von Haus aus ein lyrischer Bariton ist mit einem Schwerpunkt bei Mozarts großen Opernpartien wie Papageno in der „Zauberflöte“ oder Graf Almaviva in „Figaros Hochzeit“. Deutlich wurde bei seinem Marburger Auftritt, dass er zunehmend in die dramatischen Partien hineinwächst – wie kürzlich in Wien als Titelheld in Marschners selten gespielter romantischer Oper „Hans Heiling“ oder in Baden-Baden als Kurwenal in Wagners „Tristan und Isolde“, begleitet von den Berliner Philharmonikern unter ihrem Noch-Chef Simon Rattle.

Für sein Konzertverein-Gastspiel hatte Nagy gemeinsam mit dem Pianisten Gerold Huber ein anspruchsvoll-sperriges Programm zusammengestellt, das gänzlich auf die romantischen Liedklassiker wie Schubert und Schumann verzichtete. Zudem erklangen mit zwei Ausnahmen ausschließlich russische Lieder, gesungen in der Originalsprache. Vielleicht waren beides Gründe für die vergleichsweise schlechten Besucherzahlen des Liederabends, der als Ersatz für das im März ausgefallene Konzert mit dem Tenor Dominik Wortig angesetzt worden war.

Sänger und Pianist bauen elektrisierende Spannung auf

Der Abend begann mit einem Werk des Abschieds: den elf Sonetten von Michelangelo Buonarroti, die Dmitri Schostakowitsch in der russischen Übersetzung vom Abram Efros vertont hat – 1974, kurz nachdem ihm die Diagnose Lungenkrebs klar gemacht hatte, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Gestorben ist er ein Jahr später, ohne seine letzten Lieder im Konzert gehört zu haben. Die ersten zehn gleichen, wie der Komponist selbst gesagt hat, einem verdorrten Baum, kreisen um Themen wie Wahrheit, Liebe, Schaffen, aber auch Tod. Erst das elfte und letzte Lied, das „letzte Blatt“ am abgestorbenen Baum, stößt in lichte Höhen vor; sein Titel „Unsterblichkeit“. Nagy schaffte es, durch seine immense stimmliche Gestaltungskraft, den Stimmungsgehalt jedes einzelnen Liedes deutlich zu machen, sodass die Kenntnis der dankenswerterweise im Programmheft abgedruckten deutschen Übersetzungen nicht zwingend notwendig war. Und Huber unterstützte ihn dabei ideal mit seiner zwischen orchestraler Klangfülle und kammermusikalischer Feinzeichnung hin und her wandernden Klavierbegleitung.

Dass Nagy die große Theatergeste liegt, bewies er auch zu Beginn des zweiten Teils im Opus 1 von Arnold Schönberg, das aus zwei Liedern besteht: „Dank“ und „Abschied“. Jeweils verhalten beginnend, bauten der Sänger und sein Klavierpartner elektrisierende Spannung auf, die geradezu explosiv kulminierte.

Nur zwei Sinfoniekonzerte

Aber Nagy versteht sich auch weiterhin aufs lyrische Schwärmen, wie er in sechs ausgewählten Romanzen von Peter Tschaikowsky zeigte – eine Musik, die stark an den Meister des „Eugen Onegin“ erinnert, dessen Titelpartie Nagy bereits an der Bayerischen Staatsoper München gesungen hat.
Zugaben hatte das Duo nicht vorbereitet. Aber das Marburger Publikum ruhte nicht, bis es noch einmal das verinnerlichte „Mein Genius, mein Engel, mein Freund“ hören durfte.

In der kommenden Saison ist der Termin für einen Liederabend noch nicht vergeben. Nagy und Huber dafür zu gewinnen, dürfte sicher der Wunsch all derjenigen sein, die den Bariton und den Pianisten bei ihrem Marburg-Debüt hören durften.

Die kommende Spielzeit beginnt am Sonntag, 29. Oktober, mit dem Blechbläser-Ensemble des Bundesjugendorchesters „Brassonanz“. Von den weiteren neun Konzerten sind bereits sieben terminiert: zwei Sinfoniekonzerte (statt vier in der abgelaufenen Spielzeit), zwei Klavier- und drei Kammermusikabende. Neu ist, dass die Preise für die Schüler- und Studentenkarten von fünf auf immer noch sehr günstige acht Euro angehoben werden.

Weitere Informationen finden Sie hier.

von Michael Arndt

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