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Marburg Nachbarn: Drogen ließen Täter abstumpfen
Marburg Nachbarn: Drogen ließen Täter abstumpfen
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11:01 26.05.2018
Ein junger Mann ist wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Marburg angeklagt. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Dreimal stach er angeblich mit der 20 Zentimeter langen Klinge zu, bevor er das damals 19-jährige Opfer schwerverletzt in seinem Bett zurückließ (die OP berichtete). Der 25 Jahre alte Angeklagte schweigt weiterhin zu den Vorwürfen. Er verfolgt die Hauptverhandlung vor dem Schwurgericht still und unauffällig, verzieht kaum eine Miene. Er ist seit der Bluttat in einer Psychiatrie untergebracht, soll an einer seelischen Störung leiden.

Mehrere frühere Nachbarn berichteten gestern am dritten Verhandlungstag vor Gericht von einem merkwürdigen Wandel im Verhalten des jungen Mannes. Dieser lebte seit Anfang vergangenen Jahres noch gemeinsam mit seiner Mutter in dem ruhigen Marburger Stadtteil in einem Mehrparteienhaus, war als unauffälliger Typ bekannt, der „nur wenig redete, ruhig und verschlossen war“. Manchen Nachbarn sei er nicht negativ aufgefallen.

Andere beschrieben ihn als „abweisend und sehr unzugänglich – man hat mitbekommen, dass er getrunken hat und eher prekär lebte“. Ein Zeuge traf ihn mehrfach auch in der ­Innenstadt, „an der Peripherie der Drogenszene“, wo er Cannabis und Alkohol konsumiert haben soll.

Er wirkte zu dieser Zeit generell psychisch instabil, „ich bin davon ausgegangen, er ist krank und es stimmt etwas nicht mit ihm“, sagte ein ehemaliger Nachbar.

„Da war nie Streit – das ist ja das Merkwürdige“

Nachdem die Mutter für mehrere Monate aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und ins Ausland gegangen war, verschlechterte sich der Zustand des Sohnes angeblich weiter.
Er verhielt sich zunehmend introvertiert, grüßte nicht einmal mehr und wirkte lethargisch, dabei jedoch nicht aggressiv. „Er war nur noch wie eine leere Hülle – von ihm war nichts mehr übrig“, befand ein weiterer Ex-Nachbar.

Offenbar kam er mit dem selbstständigen Leben nicht zurecht und konsumierte immer mehr Suchtmittel, zog sich zunehmend zurück. Dies zeigte auch der Zustand der Wohnung, die ein Zeuge als „beengt, voller Flaschen und sehr vermüllt“ beschrieb.
Weshalb der mutmaßliche Täter versucht haben soll, plötzlich den neuen Nachbarn zu ermorden, das konnte sich kein Zeuge erklären. „Sie kannten sich kaum, da war nie Streit oder sonst etwas – das ist ja das Merkwürdige“. Das Opfer, ein als freundlich geltender junger Student, war erst drei Wochen vor der Bluttat in die freie Wohnung eingezogen, war „das erste Mal von zu Hause weg, ­etwas schüchtern, höflich und sehr sympathisch“, erinnerte­ sich ein Zeuge.

Nach der Attacke und einem langen Klinikaufenthalt zog der Geschädigte­ umgehend wieder aus. Einem der Nachbarn hatte er noch im Krankenhaus berichtet, dass ihn eindeutig der Angeklagte angegriffen hatte. „Er war davon aufgewacht, dass der mit einem Messer auf ihn einstach.“ Einen möglichen Grund konnte er nicht nennen.

In der Tatnacht drangen acht Polizeibeamte samt Diensthund in die Wohnung ein und nahmen den Beschuldigten fest, der sich widerstandslos mitnehmen ließ.

Über längere Zeit Amphetamine konsumiert

Auf die Polizisten wirkte der Mann dabei „sehr aufgebracht, aufgewühlt und sehr nervös – er zitterte und zeigte verzögerte Reaktionen“, berichtete ein Polizist vor Gericht.

Ein erster Alkoholtest ergab einen Alkoholwert von null Promille, obwohl der Mann als ­alkoholsüchtig gilt. Laut eines ärztlichen Attestes soll er damals allerdings über einen längeren Zeitraum Amphetamine konsumiert haben.
Auch in der Zelle zeigte der Mann ein wechselhaftes Verhalten, war mal ruhig, schrie laut herum oder fiel durch „zuckende Bewegungen“ auf und schlug sich selbst. Einem hinzugezogenen Arzt gegenüber hatte er berichtet, er trage einen Chip im Kopf, der geröntgt werden müsste. Er gab damals zu, durch den Drogenmissbrauch unter Halluzinationen zu leiden.

Am Montag, 28. Mai, soll eine psychiatrische Sachverständige gehört werden, dann wird auch das Urteil erwartet.

von Ina Tannert