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Marburg „Gleis X“-Leute bangen um den Wagenplatz
Marburg „Gleis X“-Leute bangen um den Wagenplatz
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20:14 26.04.2018
Das „Büro zur Rettung des Wagenplatzes“ ist ein überdachter Sitzbereich, der umgeben ist von alten Bau- und Baustellenwagen, die sich die Mitglieder des Vereins „Gleis X“ hergerichtet haben. Quelle: Simone Schwalm
Marburg

Es liegt versteckt, von der Alten Kasseler Straße beim Vorbeifahren nicht zu sehen. Doch wer weiß, wo er suchen muss, wird fündig: Hinter der Hausnummer 25 auf einem ehemaligen Bahngelände befindet sich „Gleis X“, Marburgs Wagenplatz.

Zehn in die Jahre gekommene Bau- und Baustellenwagen finden sich dort. Auf den ersten Blick wirkt es, als seien sie einfach abgestellt und vergessen worden, doch dann sind Stimmen zu hören.

Miri und Michl, die aus Gründen des Datenschutzes ihre­ Nachnamen nicht öffentlich machen wollen, sitzen in ihrem „Büro zur Rettung des Wagenplatzes“ – einem überdachten Bereich, der mit Sofas und Tischen ausgestattet ist.

„Gleis X“-Leute wollen nicht weg

Die beiden gehören zum „Wagenplatzverein“, einer Gruppe zwischen 10 und 15 Leuten zwischen 23 und 39 Jahren. Und sie machen sich Sorgen, wie es mit ihnen weitergehen soll.

Sie haben vor einigen Wochen ein Kündigungsschreiben zum 30. Juni 2018 erhalten. Vor fast fünf Jahren hatte die Stadt die Fläche dem Verein „als vorübergehende Zwischennutzung überlassen, das war vertraglich auch so vereinbart“, teilte die Pressestelle auf OP-Nachfrage­ mit.

„Um einer Verfestigung als dauerhaftem Zustand entgegenzuwirken“ sei diese Zwischennutzung nun gekündigt worden. Weiter heißt es: „Unabhängig davon ging es darum, über eine nachhaltige Nutzung der Fläche entscheiden zu können.“

Die „Gleis X“-Leute wollen jedoch nicht weg und können die Kündigung nicht nachvollziehen. Daher möchten sie „Gespräche mit den Bürgermeistern führen“ und ihr Konzept vorstellen.

Denn sie sind der Ansicht, dass es auch im Interesse der Stadt sein könnte, dass sie als „Bereicherung der kulturpolitischen Szene Marburgs“ bestehen bleiben.

Gemeinschaftlich werkeln und voneinander lernen

Es sei wichtig, dass eine Stadt mehrere soziale Räume im Angebot habe, die Begegnungen möglich machen. So haben die Vereinsmitglieder in den vergangenen Jahren zu kleineren Veranstaltungen geladen wie „Open-Air-Kino“, Konzerte oder Sommerfeste.

Mit „Kuchenklatsch und Wagentratsch“ haben sie beispielsweise am Sonntag die Saison eröffnet. Wichtig sind ihnen auch ihre Bauprojekte, vor allem das Herumwerkeln an den Wagen. Dabei gehöre zu ihrem Konzept, dass sie sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen, berichtet Miri.

„Als ich hier angefangen habe, konnte­ ich vielleicht gerade mal ein Brett durchsägen. Ich hätte nie gedacht, dass ich zum Beispiel einmal schweißen würde“, sagt die 28-Jährige.

Mitglieder wollen dort gerne legal wohnen

Gemeinschaftlich entstanden ist so im Laufe der Jahre etwa der acht Meter lange Gemeinschaftswagen mit Herd, Sitzecke und „Werkstatt-Bereich“. Fast fertig ist inzwischen auch der Saunawagen, der im Winter bereits zum Einsatz kam.

Ein Lehmofen wurde gebaut und darin Pizza gebacken, Gemüse­ in Hochbeeten angepflanzt, die Theke „Zur faulen Ente” mit Sitzbereich im Freien lädt zum Verweilen ein.

Etwas zu tun gebe es immer: „Es ist wie bei einem alten Haus, man ist ständig am Rumwerkeln“, sagt Michl. Die einzelnen Wagen seien dabei so gestaltet, dass man darin wohnen könnte – denn das ist der größte Wunsch der Vereinsmitglieder. „Wir würden gern legal hier wohnen dürfen“, sagt Miri.

Denn das sei der Ursprungsgedanke gewesen, als die Mitglieder 2012 nach einem Grundstück suchten: Die Vision eines Wagenplatzes als Wohnort und sozialem Raum in der Stadt Marburg.

von Simone Schwalm