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Marburg Musik mit stürmischer Leidenschaft
Marburg Musik mit stürmischer Leidenschaft
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17:58 07.05.2012
Das Stadtallendorfer Collegium musicum begleitet die Akkordeonistin Veronika Todorova, die in Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ mit ihrem Instrument den Part der Sologeige übernommen hatte.Foto: Helmut Rottmann
Stadtallendorf

Somogyi warb für die inzwischen 20. Kulturreihe, die rund vier Wochen bis zum 2. Juni dauert. Sie wird von 10 Vereinen und Organisationen getragen und vom Magistrat der Stadt veranstaltet.

Wie passend zur Jahreszeit: „Der Frühling ist gekommen“ ist der Titel des „Sonetto dimonstrativo“ des ersten Satzes von Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Treffender als mit „La Primavera“ hätte das Collegium musicum den Konzertabend nicht einleiten und nach der Pause mit „L’Estate“ fortsetzen können.

Als Kenner der Raumakustik hatte sich das Orchester vor der Bühne positioniert, was dem Klang zugute kam. Den Part der Violine principale übernahm die Akkordeonistin Veronika Todorova. Das Collegium musicum spielte durchweg freudig, konzentriert, mit frischem Ton und transparentem Klang. Es bereitete mustergültig die Soli vor und war der kongeniale Partner im Wechselspiel mit Veronika Todorova. Die Akkordeonistin hatte ein zartes Register ausgewählt, das phasenweise dem Klang der Prinzipalvioline nahe kam. Tudovora glänzte mit präzisem und prägnantem sowie empfindsamen Spiel.

Im „Sommer“ wurde der zarte Wind zum unheilvollen Sturm mit Zweiunddreißigstelkaskaden; klagender Melos wandelte sich zu virtuosem Passagenwerk der Solistin. Musik wurde mit stürmischer Leidenschaft interpretiert.

Bei Bachs Cembalokonzert d-Moll, BWV 1052, war Orchester-Mitglied Volkmar Krafft der Solist am Flügel. Kraftvoller Beginn mit transparentem Figurenwerk und filigranen Verzierungen, ein empfindsamer Mittelteil sowie ein Finale voller spielerischer Leichtigkeit zeichneten sein Spiel aus.

Orchesterleiter beweist Mut zu Experimenten

Mit hoher Klang- und Musizierqualität sowie mit Liebe zum Detail kontrastierte das Collegium musicum Stadtallendorf Volkmar Kraffts Soli, die sich durch ungewöhnlich fein zisiliertem Tastenanschlag auszeichneten.

Das Chanson de Matin für Orchester op. 15 von Edward Elgar, konnte seinen elegischen Klang im feinen Stimmenfluss der Streicher des Collegium musicum Stadtallendorf und einer Bläsergruppe des Stadttheaters Gießen entfalten. Das Publikum schwelgte in bezaubernder Melodie in den Violinen zum Pizzikato-Pochen des Kontrabasses - auch bei der Wiederholung als Zugabe.

Von den 12 für London komponierten Sinfonien Haydns ist die letzte mit dem Beinamen „Salomon“ der krönende Abschluss seines sinfonischen Schaffens - und genau richtig für ein glanzvolles Finale. Das Collegium musicum und ein Bläserensemble des Stadttheaters Gießen mit je zwei Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotten, Hörnern und Trompeten, vermittelten die kontrastreichen Wechsel von frohem Treiben und düsterer Stimmung, von Resignation, Trost und Hoffnung.

Zwei Anmerkungen: Ein Solist gehört in die Mitte vor das Orchester. So wie die Akkordeonistin Veronika Todorova. Da hat das Collegium musicum in Volkmar Krafft schon einen tollen Pianisten in den eigenen Reihen, „würdigt“ ihn aber nur mit einer Platzierung fast am Saalrand.

Gratulation an Georgi Kalaidjiev auch für den Mut zu Ungewöhnlichem. Das Experiment „Akkordeon-Solo“ ist gelungen. Kalaidjiev und Collegium musicum sollten den Mut haben, diesen Weg konsequent weiter zu gehen. Zumal sich zeigte: Das Stadtallendorfer Publikum ist offen für Überraschungen.

von Helmut Rottmann