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Marburg Vielfältig, digital – und preiswürdig?
Marburg Vielfältig, digital – und preiswürdig?
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11:02 20.02.2019
Die Mosaikschule Marburg bewirbt sich um den Deutschen Schulpreis. Im Bild: eine jahrgangsübergreifende Mathe-Gruppe mit Objekten, die für den Unterricht genutzt werden. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Schülervertretung um Sprecher Sebastian Kühn macht sich Gedanken. Die Kinder und Jugendlichen würden in den Pausen gern die Turnhalle nutzen können, wenn Fußballspielen draußen witterungsbedingt nicht möglich ist. Die Versammlung der Klassensprecher, unterstützt von Vertrauenslehrer Dr. Nils Euker, hat deshalb Christina Czech zu ihrer wöchentlichen Sitzung eingeladen.

Die Schulleiterin hört aufmerksam zu, verspricht, die Anregungen mit ihren Kollegen zu besprechen. Damit es nicht zu voll wird, lautete eine der Ideen, könnte die Halle in Gruppen genutzt werden. Zu bedenken, sagt einer der Schüler, sei auch, dass Mitschüler im Rollstuhl durch das Fußballspielen nicht gestört werden sollten.

Sechs „Qualitätsbereiche“

Die Kinder und Jugendlichen denken an das Wohl der anderen, leben die Gemeinschaft. „Bei uns wird darauf großen Wert gelegt“, erklärt Czech. Die Schule, so steht es weit oben in ihrem Programm, will nicht nur Lern-, sondern auch Lebensraum sein. Unter anderem damit will die Mosaikschule bei den Mitgliedern der Jury des Deutschen Schulpreises 2019 punkten. Rund 80 Schulen hatten ihre Bewerbungsunterlagen eingereicht, lediglich 20 davon werden von der Jury besucht. Am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche sind die fünf Frauen und Männer zu Gast in Marburg, werden sich ein genaues Bild der Schule machen, dafür Unterricht und andere Aktivitäten besuchen sowie Gespräche sowohl mit Lehrkräften als auch mit Schülern und Eltern führen.

„Verantwortung“ und „Schulleben“ sind zwei der insgesamt sechs „Qualitätsbereiche“, die von der Jury bewertet werden (siehe Infokasten). Verantwortung, das wird beim Besuch der OP in der Schule deutlich, übernehmen die Lehrer, die Erzieher, die weiteren Mitarbeiter, aber eben die Mädchen und Jungen auch füreinander. Das wirkt sich positiv auf das Schulleben aus. Gemeinsames Frühstücken und Mittagessen sind fest im Stundenplan verankert, zubereitet wird in einer schuleigenen Küche.

Deutscher Schulpreis

Der Deutsche Schulpreis, der mit insgesamt 270 000 Euro dotiert ist, wird durch die Robert-Bosch-Stiftung und die Heidehof-Stiftung vergeben. Nach Auswertung der Bewerbungsunterlagen aller Teilnehmer besucht eine Jury 20 Schulen, bei der Entscheidung über die Preisträger bewerten die Mitglieder aus Praktikern und Bildungswissenschaftlern sechs sogenannte „Qualitätsbereiche“: „Leistung“, „Umgang mit Vielfalt“, „Unterrichtsqualität“, „Verantwortung“, „Schule als lernende Institution“ und „Schulleben“.

Bis zu 15 Schulen werden anschließend nominiert, unter ihnen werden sechs ausgezeichnet, weitere erhalten Entwicklungspreise. Bundeskanzlerin Angela Merkel überreicht den mit 100000 Euro dotierte Hauptpreis am 5. Juni.

Nachmittags stehen verschiedene Projekte – von Klettern und Fußballspielen über Yoga und Tanzen bis zum Umgang mit dem Schulhund – auf dem Programm. Dabei kooperiert die Mosaikschule teilweise mit Regelschulen, aber etwa auch mit der Musikschule Marburg und der Kletterhalle an der Waggonhalle. Ein Waldgrundstück bei Ginseldorf wird regelmäßig genutzt, einmal im Jahr findet eine jahrgangsübergreifende Reise zu einer polnischen Partnerschule statt. „Wo es möglich und sinnvoll ist, nutzen wir außerschulische Lernorte. Das ist sehr durchdacht, basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und eigenen Erfahrungen. Es wird nicht nur gemacht, um nur mal rauszukommen“, betont Czech, auch im Hinblick auf einen weiteren „Qualitätsbereich“ der Schulpreis-Jury: „Schule als lernende Institution“.

Interaktive Tafeln, Tablets und digitales Unterrichtsmaterial

Ein anderer: „Vielfalt“. Mädchen und Jungen vom Erstklässler bis zum jungen Erwachsenen, mit verschiedener ethnischer und sozialer Herkunft, mit geistigen und mit körperlichen Beeinträchtigungen, „vom hochintelligenten Autisten bis zu Schülern, die beinahe im Wachkoma liegen“, wie Czech berichtet, werden an der Mosaikschule unterrichtet. Für sie alle geht es darum – Stichworte „Unterrichtsqualität“ und „Leistung“ –, bestmögliche Lernbedingungen zu bieten.

„Lesen, Schreiben und Rechnen sind wichtige Voraussetzungen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können“, erklärt die stellvertretende Schulleiterin Susanne Geller, Deutsch und Mathematik stehen daher täglich in den ersten beiden Schulstunden auf dem Plan. Unterrichtet wird – stets in einem Team mit Förderschullehrern und Erziehern, teilweise auch Referendaren oder Teilhabeassistenten, derzeit zudem Praktikanten aus Schottland – im sogenannten „Förderband“: Die Schüler lernen in jahrgangsübergreifenden Gruppen, je nach ihrem individuellen Leistungsstand.

Der Unterricht in anderen Fächern findet hingegen im klassischen Klassenverband, nach Jahrgangsstufen getrennt statt. „Der Stundenplan richtet sich nach dem an allgemeinen Schulen, um einen Wechsel in die Inklusion zu ermöglichen“, erläutert Czech. Allgegenwärtig: interaktive Tafeln, Tablets, digitales Unterrichtsmaterial. Die Digitalisierung, die an vielen Regelschulen nicht so recht vorankommen will, hat an der Mosaikschule mit ihren 80 Schülern längst Einzug gehalten.

Dass die Mosaikschule – als einzige hessische Schule und überhaupt als erste Förderschule – in die Top-20-Vorauswahl gekommen ist, sei „bereits eine Auszeichnung“, sagt Czech. Was die Schule mit einem möglichen Preisgeld machen würde, kann die Schulleiterin noch nicht sagen: „Damit befassen wir uns, wenn es tatsächlich dazu kommt.“

von Stefan Weisbrod