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Marburg Mittler zwischen Generationen
Marburg Mittler zwischen Generationen
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13:38 11.03.2018
Professor Siegfried Keil war Gründungsvorsitzender der Aktiven Bürger Cappel. Am 14. Februar ist er gestorben. Quelle: Anna Ntemiris
Cappel

Siegfried Keil wurde am 24. April 1934 in Kiel geboren. Von der evangelischen Jugendarbeit geprägt, studierte er in Tübingen und seiner Heimatstadt Evangelische Theologie. 1959 wurde er in Kiel mit einer Arbeit zur Anthropologie Friedrich Schleiermachers und Rudolf Bultmanns promoviert. In den Folgejahren absolvierte er ein Studium der Soziologie und Sozialpädagogik, das er 1961 mit einer soziologischen Dissertation über den Gruppenzusammenhalt in der Christlichen Pfadfinderschaft abschloss.

In seiner Arbeit als Gemeindepastor in Preetz wurden Jugendarbeit und Diakonie zu zentralen Aufgaben, heißt es im Nachruf des Marburger Fachbereichs Theologie. Vor allem der Aufbau und die Entwicklung einer psychologischen Beratungsstelle für Fragen von Erziehung, Partnerschaft und Familie war eine wichtige Wurzel seiner künftigen Tätigkeit als Sozialethiker.

Zum Wintersemester 1964/65 folgte Keil dem Angebot, als wissenschaftlicher Assistent von Dietrich von Oppen zu arbeiten. Während dieser Marburger Jahre verfasste er seine Habilitationsschrift über Mensch und Gesellschaft in der Christlichen Sittenlehre Friedrich Schleiermachers, daneben bildeten die sexual- und familienethischen Themen den Schwerpunkt seiner sozialethischen Interessen. Keils Arbeiten führten dazu, dass er in die Kommission der EKD zu sexualethischen Fragen berufen und 1968 zum Direktor der Evangelischen Hauptstelle für Familien- und Lebensberatung im Rheinland ernannt wurde. Von 1973 bis 1985 war er Professor für Sozialpädagogik an der Universität Dortmund.

1986 folgte er dem Ruf als Professor für Sozialethik der Philipps-Universität Marburg. Neben der Lehr- und Forschungstätigkeit wirkte Keil ehrenamtlich in zahlreichen Kommissionen mit, so zum Beispiel als Mitglied der vom Bundestag eingesetzten Kommission zur Auswertung der Erfahrungen mit dem reformierte Paragrafen 218. Keil war auch Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen beim Bundesfamilienministerium seit dessen Neukonstitution im Jahr 1970, von 1989 bis 1993 war er dessen Vorsitzender. 2010 schied er altersbedingt als ordentliches Mitglied aus. Dem Beirat blieb er als Gast bis zu seinem Tod erhalten.

„Er strahlte Offenheit für andere aus“

In seinem Nachruf hebt der Beirat hervor, Keil sei ein bewundernswerter „Mittler“ zwischen den Generationen gewesen: „In den Jahrzehnten seiner Mitgliedschaft im Beirat hat er stets jüngere, neue Beiratsmitglieder mit herzlicher Kollegialität willkommen geheißen und es ihnen immer leicht gemacht, sich mit Engagement und Kompetenz für die Ziele des Beirats einzusetzen. Er strahlte Offenheit für andere aus und vermittelte ihnen Wertschätzung – dies war Ausdruck seiner zutiefst humanistischen Haltung.“

In den Marburger Jahren hat Keil seine Arbeitsschwerpunkte in der Sexual- und Familienethik weiter vertieft. Unter anderem hat er sich sehr früh für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften engagiert.

Über seine Zeit als Hochschullehrer, die 2002 endete, hinaus hat Keil in dem von ihm gegründeten Marburger Institut für interdisziplinäre Gerontologie und angewandte Sozialethik der Deutung der späten Lebensphase Aufmerksamkeit geschenkt. Das von ihm mitherausgegebene Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfamilienministerium mit dem Titel „Generationenbeziehungen – Herausforderungen und Potentiale“ erschien 2012.

Von 2012 bis 2016 war Keil Gründungsvorsitzender der Aktiven Bürger Cappel (ABC), einer Initiative, die das Zusammenleben der Generationen und die Möglichkeiten des Älterwerdens im Stadtteil verbessern will.
„Bei den ABC hat Siegfried Keil seine theoretischen Grundlagen aus langjähriger wissenschaftlicher Arbeit in die Praxis umgesetzt“, sagt Cappels Ortsvorsteher Heinz Wahlers.