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Marburg „Mit vielen Leckerlis und Leberwurst“
Marburg „Mit vielen Leckerlis und Leberwurst“
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20:55 22.04.2018
Tierpflegerin Fortuna Gathmann mit einem geretteten Chihuahua.  Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Tierpflegerin Fortuna Gathmann öffnet das Tor zum Außenzwinger im Tierheim Cappel. Schwanzwedelnd kommen fünf bis sechs Chihuahuas angelaufen, begrüßen sie, wuseln um sie herum und fordern Streicheleinheiten. Vor rund vier Wochen wäre dieses Bild noch völlig undenkbar gewesen.

„Die Tiere mussten erst lernen, dass Menschen gar nicht immer böse sind und Vertrauen aufbauen“, erklärt Gathmann. Die Tiere lassen sich kraulen, andere genießen die Sonne oder toben herum. So viel Platz wie die 14 ­Tiere jetzt im Außengelände haben, hatten sie vermutlich ihr ganzes Leben noch nicht.

Die Tiere stammen aus einem Fall von sogenanntem „Animalhoarding“. Ein Ehepaar in ­einem Marburger Stadtteil hat laut Angaben eines Gießener Tierschutzvereins rund 80 Hunde in ihrer 100-Quadratmeter-Wohnung gehalten. Vor gut ­einem Monat gaben die ­Halter den Großteil der Tiere an den Tierschutzverein ab.

Die Tiere waren keine Außengeräusche gewohnt

Im Voraus habe es Hinweise­ auf die Haltung „einer größeren Anzahl von Hunden im ­betroffenen Haus“ gegeben, teilt Kreispressesprecher Stephan Schienbein mit. Eine tierschutzrechtliche Überprüfung hätten die Halter selbst verweigert.

Schließlich habe das zuständige Amtsgericht einen Antrag auf Hausdurchsuchung bewilligt und einen entsprechenden Beschluss ausgestellt. Die Veterinärbehörde ermittelt, ob ein Bußgeld- beziehungsweise­ Straftatbestand vorliegt. Weitere Auskünfte könne man wegen der laufenden Ermittlungen nicht treffen.

Als 24 der Hunde nach Cappel kamen, waren die Tiere abgemagert, dreckig und völlig verängstigt. Anfassen ließen sich die Tiere kaum. „Mit Leckerlis und Leberwurst ging es immer besser“, sagt Gathmann.

Die Tiere­ waren keine Außengeräusche gewohnt, nicht stubenrein und man habe gemerkt, dass sie sehr wenig bis gar keinen Kontakt zu Menschen gewohnt waren. Zwei ganz besonders scheue Hunde hat das Tierheim in Pflegefamilien untergebracht. Ebenso zwei trächtige Chihuahuas. „Da haben sie einfach die Ruhe, die sie brauchen“, sagt Gathmann.

Zu Beginn habe es auch noch Reibereien unter den Tieren gegeben. „Es hat eine Weile gedauert, bis sie gemerkt haben, dass sie sich nicht mehr gegeneinander bekämpfen und ums Futter streiten müssen“, sagt Gathmann. Mittlerweile gehen die Tiere wieder liebevoll miteinander um.

Cooper hat ein neues Zuhause gefunden

Ein Chihuahua musste eingeschläfert werden, sein Zustand war zu schlecht. Die ­übrigen Tiere seien gesundheitlich soweit wieder fit. Nach und nach werden die Tiere jetzt kastriert. Einige müssen sich von den Umständen ihres bisherigen Lebens noch eine Weile erholen. Eine Handvoll Chihuahuas sei bereits vermittelt. Vier Rüden und eine Hündin sind aktuell weit genug, dass sie nun vermittelt werden können. Unter ihnen auch Lulu, die einzige Langhaar-Chihuahua unter den Tieren in Cappel.

Das Schicksal der Tiere löste große Anteilnahme aus. Die Frage „wie können Menschen Tieren so etwas antun?“, hörten die Mitarbeiter im Tierheim besonders häufig. Beantworten können sie sie nicht.

„Wir haben sehr viel Rückmeldung bekommen, viele Geld- und Futterspenden erhalten“, sagt Gathmann. Die konnte das Tierheim auch gut gebrauchen. Schließlich kamen mit einem Schlag jede Menge Kosten hinzu. Die Tiere brauchen Futter und Platz. Weil die Chihuahuas in einer schlechten Verfassung waren, fiel auch die Tierarztrechnung hoch aus. „Es wurden Blutbilder gemacht, ­jedes Tier musste abgehört werden, Herz und Lungen untersucht werden.“

Der kleine Cooper hat bereits seit drei Wochen ein neues Zuhause gefunden. Bei Familie Jüngel in Mörfelden-Walldorf. „Die Geschichte­ der Tiere hat uns berührt. Es war uns bewusst, dass es vielleicht nicht ganz einfach wird. Umso mehr bin ich überrascht, wie gut sich Cooper macht“, sagt Tanja Jüngel.

Gassigehen und fremde Menschen lösen immer noch Panik bei dem geschätzt drei Jahre alten Hund aus. In der großen Familie fühle er sich jedoch „pudelwohl“. Dort lebt er mit zwei weiteren Hunden: Polly (Chihuahua) und Nanook, einem weißen Schäferhund-Husky-Mix. „Sie müssen ihre Rollen noch verteilen, aber sie verstehen sich gut“, sagt Tanja Jüngel.

Wer einen der Chihuahuas aufnehmen möchte, kann die Tiere zu den Öffnungszeiten des Tierheims von Freitag bis Sonntag, jeweils von 15 bis 17 Uhr, kennenlernen. Die Mitarbeiter machen sich im Gespräch ein Bild von den Interessenten, die auch eine Selbstauskunft ausfüllen müssen. Eine Voranmeldung kann sinnvoll sein, rät Tierpflegerin Fortuna Gathmann.

  • Der Landkreis empfiehlt, Hinweise auf vernachlässigte Tiere der Veterinärbehörde zu melden, mit möglichst detaillierten Angaben zu den Beobachtungen. „Die Veterinärbehörde des Kreises wird hier natürlich auch beratend tätig,­ bis hin zur Hilfestellung bei der freiwilligen Abgabe der Tiere, beispielsweise an das Tierheim“, sagt Schienbein. Gleichzeitig zeige man aber auch Konsequenzen bei weiterer tierschutzwidriger Haltung auf, zum Beispiel Bußgelder oder ein Haltungsverbot.

von Philipp Lauer