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Marburg Mit dem Wodka kommt das Koma
Marburg Mit dem Wodka kommt das Koma
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17:29 31.08.2017
Erst Party, dann Krankenhaus:Das Projekt „Halt“ hilft Jugendlichen in Marburg. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Es war der Schock seines Lebens. Als Gustav (Name von der Redaktion geändert) die Augen öffnet, sieht er weiße Wände vor sich. Ein Krankenhauszimmer. Eine Infusionsnadel steckt in der Vene seiner Hand. Er hat keine Ahnung, was passiert ist, wie er dort hingekommen ist. „Ich hatte eine Heidenangst. Habe an mir hinunter geschaut, ob ich mir vielleicht was gebrochen habe. Oder ob noch alles an mir dran ist“, erinnert sich der heute 18-Jährige.

Silvester vor zwei Jahren. Gustav ist 16 Jahre alt und trifft sich mit Freunden, um ins neue Jahr hinein zu feiern. „Wir haben bei einem Kumpel zu Hause ein paar Bier getrunken und sind dann losgezogen, um am Schloss das Feuerwerk anzuschauen.“ Der Fußmarsch wird mit Hochprozentigem verkürzt. Die fünf Jugendlichen leeren eine Whiskey- und eine Wodkaflasche. „Das hat eklig geschmeckt, aber wenn man vorher genug getrunken hat, fällt das einem nicht so auf“, sagt Gustav rückblickend.

Zwanzig Minuten vor Mitternacht endet der Abend für den jungen Gymnasiasten. Er hat einen Filmriss. Bis heute kann er sich an nichts mehr erinnern. Stunden sind einfach ausgelöscht. Schlimme Stunden.

„Ich habe großen Mist gebaut“, sagt Gustav und knetet nervös seine Hände. Nur mit Hilfe seiner Freunde kann er im Nachhinein den Abend rekonstruieren, der folgendermaßen ablief: Irgendwann kann er nicht mehr laufen, fällt mehrmals hin - was auch die Platzwunde an seiner Lippe erklärt, die er am nächsten Tag entdeckt. Er muss sich erbrechen. Kotzt sich voll - was er auch erst am Morgen danach im Krankenhaus auf seiner Kleidung sieht und riecht, die ihm eine Krankenschwester ausgezogen hat. Er muss pinkeln, schafft es aber nicht mehr alleine. Heute, zwei Jahre später, schämt er sich noch immer abgrundtief für seinen Absturz.

Was Gustav erzählt ähnelt den Geschichten vieler anderer Jugendlicher. Von 2006 bis 2012 wurden jährlich zwischen 32 und 79 Kinder und Jugendliche mit Alkoholvergiftung in die Marburger Kinderklinik eingeliefert. Dort kommt es zunächst auf medizinische Hilfe an - und am nächsten Tag kommen die Sozialpädagogen des Diakonischen Werks Oberhessen ans Krankenbett. Wenn Patient und Eltern einverstanden sind, bieten sie ein Beratungsgespräch an, das helfen soll, das Erlebte einzuordnen und zu verarbeiten - das Angebot wird meistens gern angenommen.

60 Einsätze hatte das Halt-Team im vergangenen Jahr

„Gustav kann von Glück sagen, dass seine Kumpels so gut reagiert und einen Krankenwagen gerufen haben“, sagt Mike Wilhelm, Mitarbeiter im Projekt „Halt - Hart am Limit“. Einer vom „Halt“-Team steht immer auf Abruf bereit, wenn ein Jugendlicher mit Alkoholvergiftung im Klinikum behandelt wird. Die Mitarbeiter rückten im vergangenen Jahr 60-mal aus - so viele Jugendliche wurden wegen einer Alkoholvergiftung stationär in Marburg behandelt. Der Jüngste war 13, der Älteste 17 Jahre, der Großteil war männlich. Drei Promille war der höchste dabei festgestellte Blutalkoholwert.

„Saufen, bis der Arzt kommt“ oder „Komasaufen“ - Begriffe, die in den vergangenen Jahren medial geprägt wurden und die nach Einschätzung von Thomas Graf, Diplom-Sozialpädagoge und „Halt“-Mitarbeiter, nicht viel mit der Welt von Kindern und Jugendlichen zu tun haben. „Kaum ein Jugendlicher will sich ins Koma trinken“, erklärt er, „im Gegenteil, das ist das Schlimmste, was passieren kann.“ Alkoholkonsum und das Austesten davon, wer wie viel verträgt, seien ein typisches Experiment von Heranwachsenden, die sich mit Kulturgewohnheiten wie Alkoholgenuss auseinandersetzen müssten, weiß Graf: „Und wenn einer umfällt, dann ist er der Verlierer, der, der‘s nicht geschafft hat und der, dessen Eltern angerufen werden müssen.“ Von daher seien fast alle Fälle von Komatrinken bei Kindern und Jugendlichen reine Unfälle.

Vor allem Jugendliche aus gehobener Mittelschicht

Wie bei Gustav. „Er ist ein Paradebeispiel“, sagt Sozialarbeiter Mike Wilhelm. Seiner Erfahrung nach sind es vor allem Jugendliche aus der gehobenen Mittelschicht, oft Gymnasiasten, die die Grenze überschreiten und sich ins Delirium trinken. Wie Gustav, der vor seinem Absturz „vielleicht mal einen Schnaps getrunken hat“, sind die meisten von ihnen keine Gewohnheitstrinker.

„Sie können ganz schlecht einschätzen, wie viel sie vertragen und wie viel nicht“, erklärt Wilhelm. Welche medizinisch gravierende Auswirkungen solch ein Vollrausch haben kann, weiß Professor Rolf Maier, Direktor der Marburger Kinderklinik, die zusammen mit dem Diakonischen Werk, der Stadt Marburg, dem Landkreis Marburg-Biedenkopf sowie weiteren Akteuren das Projekt „Halt“ trägt. „Bei einer Alkoholvergiftung werden die Gehirnfunktionen massiv gestört“, erklärt der Mediziner und erläutert die vielfältigen Gefahren, die mit einem Vollrausch einhergehen. „Es kommt zu Wahrnehmungsstörungen, die Schutzreflexe fallen weg. Das kann bis zu einer tiefen Bewusstlosigkeit führen.“ Als lebensbedrohlich bewertet Maier die Erstickungsgefahr, die mit dem unkontrollierten Erbrechen einhergeht. Erbrochenes gelangt in die Luftröhre, Atmen ist nicht mehr möglich.

Je jünger, desto schlechter

„Eine Alkoholvergiftung kann lebensbedrohlich sein“, betont der Arzt. Der Alkohol weitet die Blutgefäße, der Körper kühlt schnell aus. „Die meisten Jugendlichen, die mit einer Alkoholvergiftung zu uns gebracht werden, sind stark unterkühlt.“ Zudem ist das Gehirn unterzuckert, der Elektrolyt-Haushalt im Körper entgleist. Ein zu hoher Blutalkoholspiegel sei bei Jugendlichen besonders gefährlich, sagt Maier. „Je jünger der Betroffene, desto schlechter kann der Alkohol verstoffwechselt werden.“ Außerdem schade der Alkohol der Entwicklung des jugendlichen Gehirns. „Gehirnzellen sterben ab und da reicht bei jungen Menschen schon eine geringe Menge an Alkohol“, erklärt Maier.

Gustav wundert sich noch heute, warum gerade bei ihm der Totalausfall kam. „Ich habe eigentlich nicht mehr getrunken als die anderen“, sagt der heute 18-Jährige. Sein Erlebnis war ihm eine Lehre. „Sechs Monate habe ich gar keinen Alkohol mehr angerührt“, bekennt er. „Ich bin zwar kein Moralapostel geworden, aber meiner jüngeren Schwester habe ich mehrfach gesagt, dass sie bloß vorsichtig sein soll mit Alkohol“, sagt Gustav, der hofft, dass seine Geschichte anderen Jugendlichen ein abschreckendes Beispiel ist.

War das Koma ein Ausrutscher?

Für die Sucht- und Drogenberatung beim Diakonischen Werk ist die Betreuung von Kindern und Jugendlichen, die eine Alkoholvergiftung erlitten haben, ein Zweig ihrer Aufklärungsarbeit. Bei „Halt-reaktiv“ stehen die Gespräche am Krankenhausbett im Zentrum, dazu gehört noch ein weiteres Beratungsgespräch, das einige Zeit nach dem Vorfall außerhalb des Krankenhauses erfolgt. Dabei wird unter anderem geklärt, ob bereits eine weitreichendere Alkoholproblematik bei dem Jugendlichen besteht oder ob das Koma ein Ausrutscher war. So klären die Suchtberater ab, ob sie für ihre jungen Klienten eine weiterführende Betreuung anbieten sollten.

Bei „Halt-proaktiv“ geht es ums Vorbeugen: „Jugendliche müssen erst lernen, Gefahren einzuschätzen“, erklärt Sozialpädagoge Graf, der für das Diakonische Werk beispielsweise Beratung in Schulen anbietet. „Entscheidend ist die Art und Weise, wie der Konsumeinstieg passiert“, weiß Graf und erklärt, dass Jugendliche in Deutschland heutzutage in den meisten Fällen im Alter von 14 oder 15 Jahren mit dem Trinken von Alkohol beginnen. Im Zentrum stehe dann die Frage: Wie viel kann ich vertragen?

Der Schnapstrend ist gefährlich

„Das wurde früher, in den 70er- und 80er-Jahren, mit Bier oder Wein ausgetestet - und mit diesen Getränken war es auch möglich, die langsame Rauschentwicklung nachzuvollziehen“, sagt Graf. Dann kam der Schnapstrend - Hochprozentiges wurde zum Einstiegsgetränk für Jugendliche. Eine gefährliche Entwicklung, die Graf mit der Öffnung in Richtung der osteuropäischen Länder in Zusammenhang bringt. „Von dort kam beispielsweise die Wodka-Trinkkultur - und das entsprechende Marketing kam auch“, erklärt er. In der Jugendkultur sei Wodka zum großen Trendgetränk geworden. „Das hat damit zu tun, dass er nicht so stark brennt und vor allem für Mädchen leichter zu trinken ist, gerade gemischt mit süßen Getränken wie Saft oder Limonade, wobei man dann gar nicht mehr so richtig merkt, dass man Alkohol trinkt“, berichtet Graf aus der Erlebenswelt der Jugendlichen.

Doch wie kommen Jugendliche eigentlich an die hochprozentigen Getränke, die nur an Volljährige verkauft werden dürfen? Die Älteren kaufen ihn mitunter für die Jüngeren. Oder die Kontrolle an der Supermarktkasse greift nicht. Ein Trick bei Jugendlichen, den Gustav verrät: „Manche marschieren mit dem Schnaps in der Hand einfach ganz selbstbewusst an die Kasse, halten den Ausweis hin und das Kassenpersonal kontrolliert dann gar nicht genau, ob der Käufer überhaupt schon volljährig ist“, erzählt der 18-Jährige und appelliert an dieser Stelle an das Verkaufspersonal, genau auf die Ausweise und das Alter zu schauen.

Erwachsene sind Schuld, wenn Minderjährige Schnaps bekommen

Dass Jugendliche überhaupt an die Spirituosen kommen, müssen sich die Erwachsenen zuschreiben, stellt Präventionsfachmann Graf klar. „Sie sollten mehr auf die Kinder und Jugendlichen achten“, sagt er und verweist darauf, dass alle Menschen in der Jugendarbeit und immer auch „ein ganzes Dorf“ die Verantwortung für die Heranwachsenden mittragen müssten - zum Beispiel auf der Kirmesveranstaltung am Ausschank oder auch draußen auf dem Gelände, wo Schnapsflaschen mitunter auch aus der Hecke gesammelt werden müssten, um Schlimmeres abzuwenden.

„Wenn auffällt, dass ein Jugendlicher genug hat, sollte man ihn dann auch nach Hause schicken und ihm keinen weiteren Alkohol mehr geben“, appelliert Graf an das Verantwortungsbewusstsein von Veranstaltern. Eltern rät er, den Schnaps wegzustellen, „wenn Kinder in die Pubertät kommen.“ Und natürlich sei die Aufklärung wichtig: Jugendliche müssen wissen, welche Auswirkungen der Konsum von hochprozentigen Getränken haben kann. „Schon kleine Mengen können bei einem Körper, der noch keine Toleranz entwickelt hat, den Zusammenbruch auslösen“, sagt Graf und erklärt so auch Fälle von Alkoholvergiftung in der Kinderklinik, wo mitunter bereits bei einem Pegel von 1,5 Promille komatöse Effekte festgestellt wurden.

Seit 2009 läuft "Halt"

Wenn dieser Fall dann tatsächlich eintritt, greift im Landkreis Marburg-Biedenkopf das „Halt“-Projekt. Erste Überlegungen dazu stellte die Sucht- und Drogenberatung vom Diakonischen Werk bereits im Jahr 2008 an - die Zahl der eingelieferten Jugendlichen mit Alkoholvergiftung war sprunghaft angestiegen (siehe Grafik). Kinderklinik, Stadt Marburg und Landkreis Marburg-Biedenkopf wurden zu Partnern der Beratungsstelle.

Seit 2009 läuft „Halt“ - zunächst auf der Basis einer Vereinbarung mit der Stadt und dem Kreis. Seit April 2011 ist es ein Projekt, das zudem von vom Land Hessen, der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) und verschiedenen Krankenkassen mitgetragen wird. Andere Städte und Kreise haben 2011 auch mit „Halt“ begonnen. Der reaktive Teil des Projekts, also die Besuche in der Klinik und die anschließenden Beratungsgespräche, schlagen mit jährlichen Kosten von rund 15000 Euro zu Buche. Eine Investition, die sich lohnt, wie Gustav bestätigt. Nach der Aufklärung durch das „Halt“-Projekt konnte er einschätzen, was mit ihm passiert ist - und diese Erkenntnis kann er nun weitertragen.

von Nadine Weigel und Carina Becker

Hintergrund: Suchtprävention

In der Suchtpräventionsarbeit werden zwei Trends beobachtet, auf die Thomas Graf von der Fachstelle für Suchtprävention beim Dia-konischen Werk hinweist. So verzeichnet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bei Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren seit einigen Jahren insgesamt einen rückläufigen Alkoholkonsum.

Doch es gibt auch ei-nen gegenläufigen Trend, dem das „Halt“-Projekt begegnen will: Die Zahl der Jugend-lichen, die mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kommen, nimmt zu: Bei den 15- bis 20-Jährigen waren es im Jahr 2000 bundesweit 7 300 Fälle, im Jahr 2010 waren es 21 900 Fälle, wie Thomas Graf berichtet. Bei den 10- bis 15-Jährigen stieg die Zahl im gleichen Zeit-raum von 2 200 auf 4 100.