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Marburg Mit dem Pinsel die Tradition bewahrt
Marburg Mit dem Pinsel die Tradition bewahrt
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18:54 24.10.2010
Leny Schellenberg-de Kreij: „Mit ein paar Strichen die Menschen porträtieren, das konnte ich schon immer gut.“ Quelle: Marie Schulz

Treisbach. Skurril muss sie auf die Dorfbewohner gewirkt haben. Skurril und vielleicht sogar ein bisschen verrückt.

„Darf ich sie malen?“ – diese Frage stellte Leny Schellenberg-de Kreij 1978 zum ersten Mal einer älteren Nachbarin. Ihr holländischer Akzent verriet: Die ist neu hier. Ihr Skizzenblock in der Hand machte deutlich: Und sie meint es ernst. Und Leny Schellenberg-de Kreij durfte zeichnen. Durfte die Bewegungen der alten Dame bei den Mäharbeiten auf dem Feld einfangen. Blauer Rock, weißes Kopftuch, ein kraftvoller Sensen-Schwung.

„Um mich rum trugen die älteren Frauen alle Trachten, das war absolut neu für mich“, erklärt die aus Holland stammende Künstlerin. Irgendwann, da gehörte sie und ihr Skizzenbuch einfach dazu. „Die haben sich an mich gewöhnt“, erinnert sich Leny Schellenberg-de Kreij zurück. In ihrem Buch, „Vom Rabenfrauchen und anderen Geschichten“, hat sie die zahlreichen Zeichnungen zu einer Geschichte verflochten.

Holzhackende Damen in feinen Trachten, ältere Herren beim Kirchgang. „Ich fand das alles faszinierend“, bekennt die Künstlerin. Wenn Leni Schellenberg-de Kreij mit ihrem Block um die Ecke bog, wurde sich die Schürze noch einmal glatt gestrichen, die Haare noch einmal gerichtet. „Da kommt sie wieder, die Schellenberg“, hat sie die älteren Menschen oft sagen hören.

Erst war es Zurückhaltung, dann Neugier, später dann enge Freundschaften, die sich zwischen der holländischen Künstlerin und den alten Dorfbewohnern entwickelt haben. Irgendwann aber, so Leny Schellenberg-de Kreji, seien die älteren Menschen und die Trachtentradition verschwunden. „Ich hatte nichts mehr zu malen.“ Stattdessen verpackte sie ihre Erinnerungen und Eindrücke in ihrem Buch.

Auf Deutsch zu schreiben? Eine Herausforderung für die Holländerin. „Ich habe noch Zeichnungen für mindestens drei weitere Bücher zu Hause“, erklärt Leny Schellenberg-de Kreij. Ohnehin stapeln sich in ihrem Atelier Skizzen und Aquarelle aus mehr als 60 Jahren Künstlerdasein.

1950, da sei Papier Mangelware gewesen, weiß die Künstlerin noch heute. Aber der Drang zu zeichnen, Menschen, Tiere, Landschaften mit nur wenigen Strichen festzuhalten, den konnte Leny Schnellenberg-de Kreij auch damals schon nicht unterdrücken. „Ich habe auf Zuckertüten gemalt“, sagt sie. Heute malt Leny Schellenberg-de Kreij keine älteren Menschen mehr, dafür aber ihre Enkelkinder. „Früher hatte ich dazu keine Geduld. Bei Kindern kann man nicht lange pinseln, sonst geht die Lebendigkeit verloren.“ Einen Wunsch zu ihrem 70. Geburtstag hat die Künstlerin noch: „Ich würde gerne noch einmal ein wildes Kornfeld sehen. Das würde ich dann auch wild malen.“

von Marie Lisa Schulz