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Mit Musik der Seele Nahrung geben

Konzertverein startete in die Saison Mit Musik der Seele Nahrung geben

Die kurzfristige Absage der Geigerin Tianwa Yang, eine Musik liebende Fledermaus und das phänomenale Spiel des Orchesters bestimmten am Sonntagabend die Pausengespräche beim Auftakt der Konzertverein-Saison.

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Lavard Skou Larsen leitet das Georgische Kammerorchester Ingolstadt. Die Exil-Musiker aus Georgien begeisterten das Publikum auch ohne die erkrankte Solistin.Foto:Thomas Breme

Marburg. Wenn der Vorsitzende des Marburger Konzertvereins die Stadthallenbühne betritt, dann hat er meist eine Programmänderung mitzuteilen. Am Sonntag allerdings musste Dr. Friedemann Nassauer sogar die kurzfristige Absage der Solistin verkünden: Tianwa Yang könne aufgrund eines Infektes ihr Hotelzimmer nicht verlassen. Und der Chefdirigent des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt, Lavard Skou Larsen, ergänzte: Sie sei sogar zu schwach, die Geige auszupacken. Ein Ersatz für die chinesische Violinvirtuosin war auf die Schnelle nicht aufzutreiben. Deshalb mussten die selten gespielten ersten beiden Mozart-Violinkonzerte entfallen.

Das Orchester begann den Abend vor 550 Zuhörern, wie vorgesehen, mit der Ouvertüre zu Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „La finta giardiniera“ (Die Gärtnerin aus Liebe) - in der vom Komponisten um einen dritten Satz ergänzten Konzertversion. Schon dort zeigte sich, dass Larsen scharfe Kontraste in Dynamik und Tempo bevorzugt, ohne den musikalischen Feinschliff zu vernachlässigen.

Das setzte sich nahtlos fort in der neu ins Programm genommenen d-Moll-Sinfonie von Johann Christoph Friedrich Bach. Der zweitjüngste Sohn des großen Johann Sebastian hat in diesem Werk der Vorliebe seines Dienstherrn, des Grafen von Bückeburg, für den italienischen Stil gehuldigt: In den dramatisch zugespitzten Ecksätzen scheinen Szenentypen der neapolitanischen Oper genauso auf wie im naiv-sentimentalen Tonfall des Andante-amoroso-Mittelsatzes. Das feurige Musizieren der in Ingolstadt beheimateten 22 Elitestreicher beflügelte auch eine Fledermaus, die sich in die Stadthalle verflogen hatte und nun über der Bühne ihre Kreise zog.

Deshalb war es gut, dass Larsen und die georgischen Exilmusiker meditative Musik folgen ließen. Sie beruhigte zwar die Fledermaus, dass Publikum allerdings ließ sich davon nicht einlullen - im Gegenteil: So viel Applaus und während der Pause in Worte gefasste Begeisterung hat es nach einem zeitgenössischen Werk beim Konzertverein schon lange nicht gegeben. Der 1946 geborene lettische Komponist Peteris Vasks hat mit seinem vor elf Jahren uraufgeführten „Viatore“ (Wanderer) eine Art „musikalisches Mantra“ geschaffen, erläuterte Dirigent Larsen.

Im unaufhaltsam flimmernden Streicherklang des farbenreichen Werkes, das alle Instrumentengruppen gebührend zur Geltung bringt, klingt immer wieder ein wohl aus der russisch-orthodoxen Liturgie entlehntes Motiv auf. „Die meisten Menschen haben heute keinen Glauben, keine Liebe und keine Ideale mehr. Die geistige Dimension geht verloren. Ich will der Seele Nahrung geben. Das predige ich in meinen Werken“, hat Vasks gesagt. Genau das brachte „Viatore“ in der kongenialen Wiedergabe durch das Georgische Kammerorchester Ingolstadt zum Ausdruck.

Auch Franz Schubert hat in all seinen Werken der Seele Nahrung gegeben. Seine mozartnahe fünfte Sinfonie beschloss, wie geplant, den Auftakt der Konzertverein-Saison: temperamentvoll zugespitzt in den schnellen Sätzen und von warmer Leuchtkraft durchdrungen dort, wo der größte aller Liedkomponisten sich leidenschaftlich aussingt.

Beglückt und beschwingt ging das Publikum nach Hause. Bleibt zu hoffen, dass auch die Fledermaus den Weg hinaus aus der Stadthalle gefunden hat.

von Michael Arndt

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