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Marburg Zeuge: Übergriffe waren „allgemein bekannt“
Marburg Zeuge: Übergriffe waren „allgemein bekannt“
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00:16 16.10.2018
Erinnerungslücken mancher Zeugen erschweren den Prozess vor dem Landgericht wegen sexueller Nötigung. Quelle: Archiv
Marburg

Zweiter Prozesstag gegen einen Marburger Physiotherapeuten vor dem Landgericht. Dem Mann wird vorgeworfen, eine Kollegin in der gemeinsamen Physiotherapie-Praxis sexuell genötigt zu haben (wir berichteten). Im Jahr 2007 soll er sie während einer gemeinsamen Trainingseinheit zum Oralverkehr gezwungen haben. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen. Sein Opfer, eine 40 Jahre alte Physiotherapeutin, sagte bereits am Dienstag als Zeugin aus und nimmt als Nebenklägerin am Prozess teil.

Am zweiten Verhandlungstag wurden mehrere Zeugen vernommen, die Hinweise auf frühere sexuelle Belästigungen durch den Angeklagten liefern sollten.

Allerdings führten die Zeugenaussagen zu keinen neuen Erkenntnissen oder klaren Aussagen. Viel eher habe es in der Vergangenheit wohl nur Gerüchte gegeben: „Man erzählte, dass es Physiotherapeuten gibt, die ihre Hände nicht bei sich behalten“, deutete etwa ein ehemaliger Sportmediziner an. Konkrete Vorwürfe gegen den Angeklagten konnte er nicht nennen.

Es gab schon länger Gerüchte

Angeblich wurde zwar auch über den Beschuldigten gesprochen, es habe Bemerkungen über sein Verhalten Frauen gegenüber gegeben. Wie und auf welcher Grundlage die Gerüchte angeblich entstanden waren, konnte er jedoch nicht sagen. Dennoch habe er Frauen wegen der kursierenden Vorwürfe vorsichtshalber davon abgeraten, in die Praxis des Angeklagten zu gehen. Schließlich seien die Anschuldigungen, die er auch der Geschädigten gegenüber erwähnt haben soll, „allgemein bekannt“ gewesen.

Als Zeugen vor Gericht sagten außerdem zwei frühere Mitarbeiterinnen des ehemaligen Sportmediziners aus, die sich jedoch an den ehemaligen Chef angeblich nicht erinnern konnten. Die weiteren Aussagen der Zeuginnen waren derart dürftig, dass die Verteidigung gar mutmaßte, sie „wollten sich an nichts erinnern“.

Mutmaßliches Opfer fühlte sich unter Druck gesetzt

Als weitere Zeugin sagte die leitende Ermittlerin der Polizei aus. Die 48-Jährige, die sich seit 16 Jahren mit Sexualverbrechen beschäftigt, bestätigte, was die Zeugen bei der Polizei gesagt hatten und berichtete von ihrer ersten Begegnung mit dem mutmaßlichen Opfer. Demnach sei sie „überrascht“ über die damalige Aussage der Geschädigten gewesen – schließlich ging es um einen anderen Fall.

Denn die Physiotherapeutin sollte wegen eines Belästigungsvorwurfs gegen den heutigen Angeklagten bei der Polizei vernommen werden, berichtete schließlich von dem aktuellen Vorwurf und ihren eigenen Erlebnissen. Dabei habe sie gewirkt, „als würde sie nicht realisieren, dass es sich dabei um eine Vergewaltigung handelte“, sagte die Kriminalpolizistin.

Dass das Opfer schließlich so lange, mehr als zehn Jahre, geschwiegen hatte, erklärt sie durch die komplizierte Situation in der Praxisgemeinschaft, in der sich die Krankengymnastin zu dem Zeitpunkt befand: Sie habe damals gerade erst die Praxisanteile des Angeklagten gekauft, sei auf die Zusammenarbeit, seine Hilfe angewiesen gewesen und musste sich darauf verlassen, dass er ihr seine Patienten weitervermittelt.

von Melchior Bonacker