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Marburg Von Todesangst und Kinderlachen in Kenia
Marburg Von Todesangst und Kinderlachen in Kenia
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18:00 25.12.2018
Foto mit den Kindern des Miro-Heims. OP-Redakteurin Nadine Weigel war bis Anfang Dezember in Kenia. Dort erlebte sie nicht nur Schönes. Quelle: Nadine Weigel
Mombasa

Todesangst. Wir sind angegriffen worden. Zusammen mit unserem Koch Felix und den drei ältesten Jungs sind wir mit zwei Motorrad-Taxis zu unserem Land gefahren, das wir im Begriff sind zu kaufen. Plötzlich kamen aus den Büschen Männer mit Stöcken, die uns attackierten. Die Jungs sind mit den fliehenden Motorradtaxis abgehauen. Ungefähr sechs, sieben Männer schlugen auf unseren Koch ein und traten ihn.

Mich haben sie nicht angerührt. Deshalb habe ich versucht, den stark am Kopf blutenden Felix so gut es ging abzuschirmen und wegzuzerren. Wir sind dann um unser Leben gerannt und konnten schließlich entkommen. Felix hat zwei Platzwunden am Kopf und Rippenprellungen erlitten. Er wurde im Krankenhaus versorgt und hat glücklicherweise keine­ schwereren Verletzungen davon­getragen. Der Schock sitzt allerdings bei uns allen tief. 

Hintergrund: Seit zwei Jahren versuchen wir Land zu erwerben, um für die 42 Kinder des Miro-Waisenhauses nachhaltig­ eine Perspektive zu schaffen. Denn das jetzige Haus ist zu klein für so viele Kinder und kostet monatlich 500 Euro Miete. Doch seit einiger Zeit hatten sogenannte Squatters das Land besetzt. Laut unserem Anwalt ein großes Problem an der Küste. Hier herrscht ein regelrechter Krieg um Land. „Sobald Interessenten Land besichtigen, besetzen Kriminelle die Grundstücke, um sie dann illegal an Dritte zu verkaufen“, erklärt er. Ursachen dafür sind zum Teil ethnische Rivalitäten.

Gewalt ist in Kenia an der Tagesordnung

Vor einigen Tagen hat die Immobilienfirma mithilfe der Polizei das Land geräumt und erklärt, man könne nun anfangen eine Mauer zu bauen. Sie forderten das von uns noch nicht bezahlte Geld für das Grundstück. Deshalb sind wir hingefahren, um zu dokumentieren, ob die Squatters unsere Grenzsteine entfernt haben. Dass dann so etwas passiert, damit hätte wirklich keiner gerechnet.

Es hat uns zwei Jahre gekostet, um das Land offiziell auf den deutschen Verein im Grundbuch eintragen zu lassen. Das Mietshaus, in dem wir leben, ist zu klein. Immer wieder sind wir der Willkür unseres Vermieters ausgeliefert. Und nun verhindern auch noch Kriminelle mit Gewalt, dass wir den Kindern, die schon so viel durchmachen mussten, ein Zuhause bauen können. Einfach unfassbar.

Dass Kenia ein gefährliches Land ist, war mir bewusst. Erst Anfang November ist die Mitarbeiterin einer italienischen Hilfsorganisation ganz in der Nähe gekidnappt worden. Die Gangster stürmten die Einrichtung mit Maschinenpistolen und schossen um sich. Mehrere Menschen wurden verletzt. So etwas liest man. Wenn man die Gewalt dann aber hautnah miterlebt, dann fragt man sich zum ersten Mal, warum man sich das alles antut. Ehrenamt geht ja auch ungefährlicher.

Aber dann kommt so ein kleiner Knirps des Miro-Heims drei Tage nach dem Überfall zu mir und fragt mich, wann ich denn wieder „geheilt“ sei. Er mag mich nicht mehr so traurig sehen. Der Vierjährige nimmt meine Hand und lacht. Also ­zusammenreißen und weitermachen. Für eben solch ein Kinderlachen.

Das einzige Heim an der Küste, das Babys aufnimmt

Denn ohne unsere Hilfe hätten diese Kinder leider überhaupt keine Zukunft. Es gibt vom ­kenianischen Staat keinerlei Unterstützung. „Auch wenn die Sache mit dem Land wirklich anstrengend ist, müssen wir uns vor Augen halten, was wir alles geschafft haben“, sagt Dr. Vera Fleig, mit der ich den Verein zur Unterstützung des Miro-Heims vor ­einigen Jahren gegründet habe.­ Zusammen mit ihrem Mann Dr. Stefan Blaser verbrachte die Ärztin dieses Jahr drei Monate in Kenia und erlebte hautnah mit, mit welchen Schwierigkeiten Miro-Heimleiterin Josephine Mutisya Tag für Tag zu kämpfen hat.

„Im April hatten wir plötzlich Ratten im Haus“, erinnert sich Vera mit Grauen zurück. „Sie sind nachts von draußen durch die Fenster gekommen. Auf dem Nachbargrundstück hatte­ jemand eine Müllkippe­ hinterlassen samt Geflügelzucht. Das hat die Nager angelockt.“ Über zweitausend Euro investierte unser Verein in Kammerjäger und neue Fenstergitter, um das Heim rattenfrei zu bekommen. Es glückte.

Einmal im Jahr feiern alle Miro-Kinder gemeinsam Geburtstag. Gemeinsames Singen gehört dazu. Quelle: Nadine Weigel

Während meines Aufenthaltes einige Monate­ später war das Haus tip top in Ordnung. Doch für ­Vera und Stefan bahnten sich nach erfolgreich bekämpfter Rattenplage neue Dramen an: „Das Jugendamt brachte uns vor ­einigen Monaten, obwohl das Heim ohnehin aus allen Nähten platzt, zwei frühgeborene, schwer kranke Babys“, erinnert sich die Notärztin. Das Miro-Heim ist eines der wenigen Heime an der Küste, das Babys aufnimmt. Da Säuglinge intensive medizinische Betreuung brauchen und Babynahrung in Kenia unheimlich teuer ist, weigern sich die meisten Heime, Säuglinge aufzunehmen.

Wochenlang kämpften die beiden Ärzte und das Miro-Team um die Leben der beiden Frühchen. Bei einem leider vergeblich. Der immunschwache Säugling starb auf der Intensivstation eines Privatkrankenhauses in Mombasa an einer Infektionskrankheit. „Das war für uns alle ein sehr schlimmer Schock. Sieben Monate lang wurde das Kind, das mit nur 900 Gramm zur Welt kam, im Miro-Heim gepflegt und aufgepeppelt. Immer wieder waren Krankenhausaufenthalte und Antibiotikatherapien notwendig. Doch dann hat sein Immunsystem versagt und es starb trotz teurer Intensivbehandlung“, erklärt Vera traurig.

Miro hat schon 120 Kindern helfen können

Nach diesem dramatischen Verlust versucht die gesamte­ Miro-Familie Kraft darin zu schöpfen, dass es immerhin Baby Zoe gepackt hat. Der Säugling kam mehr tot als lebendig im Heim an und war ebenfalls mehrmals schwerkrank. Heute,­ Anfang Dezember, strahlt mich das Mädchen gesund und munter an. Ein Wunder! Ihr Überleben ist eine­ der Erfolgsgeschichten, die Hoffnung geben.

Zoe hat überlebt: Im Mai kämpfte sie noch mit Infusionen um ihr Leben. Bis November hat sie sich gut entwickelt. Quelle: Vera Fleig / Nadine Weigel

Zusammen mit Heimleiterin Josephine habe­ ich überschlagen, wie vielen Kindern wir in den vergangenen acht Jahren helfen konnten. Es waren mehr als 120 Kinder: Babies, die nach der Geburt zum Sterben auf den Müll geworfen wurden. Kinder, deren Eltern gestorben sind, die sich jahrelang auf den Straßen der Slums durchschlagen mussten. Kinder, die missbraucht wurden. Gehungert haben. Sie alle haben nun ein Zuhause.

Einige Kinder waren nur kurz im Heim und können nun bei ihren Verwandten leben, für manche konnten wir eine Pflegefamilie finden und für mehr als 40 Kinder ist das Miro-Heim nun ihr dauerhaftes Zuhause. Sie sind gut versorgt. Erhalten eine gute Schulbildung. Dafür lohnt es sich, weiterzukämpfen.

von Nadine Weigel

Hintergrund

Seit 2010 unterstützen OP-Redakteurin Nadine Weigel­ und Ärztin Dr. Vera Fleig das Mighty Redeemer Orphanage (Miro-Kinderheim) in ­Kenia. 2014 gründeten sie den gemeinnützigen Verein Help for Miro, der Spenden sammelt. Die finanzielle Hilfe­ zahlreicher Menschen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf und darüber hinaus ­garantiert die Versorgung von mittlerweile 42 Kindern im Alter von einigen Monaten bis 18 Jahren. Mithilfe von 3 500 Euro im Monat werden die Miete für das Haus, vier Hausmütter, ein Koch, ein Wachmann bezahlt sowie die ­medizinische Versorgung und die Schulausbildung finanziert. 100 Prozent der Spenden kommen direkt den Kindern zugute. Fleig und Weigel reisen mehrmals im Jahr unangemeldet und auf eigene Kosten nach Kenia, um sich vom Wohlbefinden der Kinder zu überzeugen. Fleig und ihr Mann Dr. Stefan Blaser verbrachten 2018 drei Monate in Kenia. Weigel war zuletzt drei Wochen im November und Dezember vor Ort.

Mehr ­Infos zum Projekt gibt es auf: www.help-for-miro.de