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„Mir geht es ein bisschen zu gut“

OP-Buchtipp: Martin Walser: „Statt etwas...“ „Mir geht es ein bisschen zu gut“

Kurz vor seinem 90. Geburtstag im März wirft Martin Walser in seinem neuen Buch „Statt etwas oder Der letzte Rank“ einige Fragen auf.

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Das Foto zeigt den Schriftsteller Martin Walser am 19. Dezember 2016 vor der Wallfahrtskirche ­Birnau am Bodensee. Der Südwestrundfunk dreht anlässlich des 90. Geburtstags von Martin Walser eine Dokumentation über sein Leben.

Quelle: Felix Kästle

Den Anfang macht der Satz: „Mir geht es ein bisschen zu gut.“ Dann kommt: „Zu träumen genügt.“ Und weiter: „Unfassbar sein, wie die Wolke, die schwebt.“

Wer diese Sätze spricht? Schwer zu sagen. Der Protagonist – ein Mann, soviel errät man immerhin, schreibt in Ich-Form. Manchmal spricht er aber auch vom Er, redet ein Du an oder bleibt beim Wir. Martin Walsers neuer Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“ wirft Fragen auf, die beim Lesen nur langsam leiser werden.

Besonders dick ist das Buch nicht, knapp 170 Seiten füllt es aus. Doch in sie hineinzukommen, ist nicht leicht: Die Frage­ nach dem Wer ist zu drängend, man will im Kopf ein Bild haben, von dem, der da spricht. Auch die anderen Figuren helfen nicht weiter: Seine Frau nennt er Elvira, wenn sie ein bestimmtes, grünes und silbernes Kleid trägt. „Und immer, wenn sie Elvira heißt, heiße ich Otto.“ Andere Namen, die sich das Paar gibt: Memle und Müsch, Caro und Elfe, Bert und Chriss. Wer sind sie wirklich? Einen kleinen Hinweis gibt lediglich der Bucheinband: „Hier schreibt einer, der auf sein Leben zurückblickt, und begreift.“

Was man im Buch ( Rowohlt Verlag) herausfindet: Walsers Protagonist will einiges hinter sich lassen. Theorien zum Beispiel, Gegner auch und Feinde. Sein Wesenswunsch sei es, zu verstummen, heißt es zu ­Beginn. Stattdessen wirft er sich selbst Geschwätzigkeit und Haltlosigkeit vor, ein andauerndes Plappern. „Immer erst nachher merkte er, dass er ununterbrochen geredet hatte.­ Und ­alles, was er ausgeplaudert hat, war peinlich. Er konnte nichts für sich behalten. ­
Ihm fehlte eine Schranke.“

Als Leser lässt man sich schließlich mittragen von dem Gedankenfluss, in dem – wie Streiflichter – Erlebnisse und ­Erlebtes vorbeiziehen. Ein Traum über einen Zug, vollbesetzt mit Verstorbenen, die Affäre, die an ihrem Erbrochenen erstickt. Zugleich sagt der Erzählende: „Dass alles, was ich tat und dachte, einer Beobachtung, sprich: Beurteilung ausgesetzt ist, spürte ich bei allem, was ich tat und dachte.“

Die Frage, wie viel Walser in dem Protagonisten steckt, lässt sich beim Lesen nur schwer unterdrücken. Der Autor, der im März 90 Jahre alt wird, würde sich vielleicht über eine solche Frage ärgern: „Es ist ewig dasselbe. Ganz egal, was ich publiziere, es kommt immer die Frage nach der Wirklichkeit“, sagte er vor noch nicht allzu langer Zeit. „Obwohl ich doch deswegen publiziere.“

Und doch: Walser hadert wohl mitunter mit seinem Sich-Äußern-Müssen. „Das mag falsch sein oder lächerlich, aber es gibt immer wieder Themen – um es ein bisschen metaphorisch zu sagen – da kann ich nicht schlafen, wenn ich mich nicht dazu verhalten habe“, sagte er einmal. Und: „Wenn ich mich ganz weit von mir entferne, denke ich manchmal: Ich hätte mich beherrschen müssen. Ich hätte mich nie um etwas Politisches kümmern sollen, sondern einfach Romane schreiben. Schluss, Schluss, Schluss. Aber das habe ich nie gemacht. Ich hätte vielleicht ein Medikament nehmen sollen, irgendetwas ­
Beruhigendes.“

  • Martin Walser: „Statt etwas oder Der letzte Rank“, Rowohlt, 176 Seiten, 16,95 Euro.

von Kathrin Drinkuth

Steckbrief: Martin Walser

Martin Walser ist einer der ­bedeutendsten deutschen Gegenwartsschriftsteller.

Geboren wurde Martin Walser am 24. März 1927 als Sohn eines katholischen Gastwirts im bayerischen Wasserburg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Regensburg und Tübingen.

1955 veröffentlicht Walser seinen ersten Erzählband „Ein Flugzeug über dem Haus“.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Novelle „Ein fliehendes Pferd“ (1978) sowie die Romane „Seelenarbeit“ (1979), „Das Schwanenhaus“ (1980) und „Angstblüte“ (2006). 2008 landet er einen Erfolg mit dem Goethe-Roman „Ein liebender Mann“.

Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Preis (1957) und dem Georg-Büchner-Preis (1981).

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998: Walser löst mit seiner Kritik an einer „Instrumentalisierung“ von Auschwitz eine monatelange Kontroverse aus.

2002 erscheint der Roman „Tod eines Kritikers“. In dem Protagonisten wollen viele den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki erkennen, mit dem er im Streit lag.

Seit 1950 mit seiner Frau Käthe verheiratet, das Ehepaar hat vier Töchter.

 
 
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