Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Die Protokolle des Grauens
Marburg Die Protokolle des Grauens
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:01 30.04.2018
Ein 1555 im niedersächsischen Derneburg verteiltes Flugblatt zeigt eine Hexenverbrennung. Quelle: Archiv
Marburg

Sie holt einen Ordner aus dem Schrank, blättert in den Aufzeichnungen und findet eine Passage. Aus einer Prozessakte liest sie vor, es ist das Martyrium einer 72-Jährigen: „Gleich nachdem der Scharfrichter Hand an sie gelegt hatte, versicherte sie, der Teufel habe mit ihr nichts zutun, und wollte man sie auch sogleich umbringen, könnte sie doch nichts anderes sagen; sie sei keine Zauberin.

Beim Ansetzen der ersten Schraube rief sie unter lautem Winseln: ich bin keine Zauberin, weiß nichts als vom lieben Gott; und nach wiederholten Zuschrauben: ich weiß nichts, was soll ich dann sagen, ich kann nichts, weiß nichts, kann nichts sagen. Die andere Schraube ward angesetzt: o weh! o weh! macht auf, macht auf, ich will doch alles sagen, aber keine Zauberin bin ich, ach nein, nein, daß Gott erbarme, der Teufel hat nichts mit mir zu tun.“

Die Marburger Kunsthistorikerin Dr. Ilina Fach weiß beim Vorlesen dieser Zeilen, dass Katharina Staudinger irgendwann unter den Folterqualen zusammenbrach, vor dem zuständigen Gericht in Marburg ein ­Hexen-Geständnis ablegte und am 14. Juli 1655 ­verbrannt wurde. Die Witwe eines Söldners ist eines von dutzenden Opfern der Hexenverfolgung in der Universitätsstadt.

Mindestens 1.390 Fälle

Für den Zeitraum zwischen 1513 bis 1710 sind im Staatsarchiv im Südviertel noch 110 Prozessakten erhalten, für das von Marburg aus ­betreute Gesamtgebiet der Landgrafschaft Hessen-Kassel sind insgesamt 1.390 Vorgänge registriert. Da die Dunkelziffer Forschern zufolge deutlich höher liegt, geht man von rund 7 000 Prozessen am sogenannten Samthofgericht aus – und Ilina Fach hat viele der dokumentierten Fälle, Prozessverläufe, Befragungen und Verurteilungen ausgewertet.

„Die Akten zeigen, wie selbst wirrste Anschuldigungen speziell für Frauen zu Verdächtigungen, schlimmstenfalls zu Folter und Tod führen konnten“, sagt sie. Oft sei die Strafverfolgung über „ein Stille-Post-Prinzip – jemand hat über ­jemand anderes etwas gehört – ausgelöst“ worden und habe für Prozesse ausgereicht. Hexenprozesse fanden vor weltlichen Gerichten statt, das Ziel war Bestrafung von Schuldigen.

Mehr als 75 Prozent Frauen

Strafanzeigen ­erstatteten damals Kinder ab acht Jahren, Mägde, Nachbarn, bisweilen auch Verwandte, da sie von Personen glaubten, diese praktizierten Zauberei und stünden mit dem Teufel im Bunde. Mehr als 75 Prozent der von den sogenannten Denunzianten angezeigten Personen waren Frauen. Aus Marburg und dem Umland wurden Witwen, Wirtinnen, Hebammen, Ehe- und Hausfrauen, zehn- bis 17-jährige Mädchen beschuldigt.

Die Kirche, die ­Inquisition, strebte im Gegensatz zur Praxis der weltlichen ­Gerichte eher eine Heilung, ­eine Umkehr Beschuldigter an – im Gegensatz zum gewaltsamen Vorgehen bei der Verfolgung von Ketzern. Wissenschaftlich belegt ist, dass es in Ländern, wo die Inquisition durchgesetzt wurde, etwa in Spanien oder in Italien, kaum Hexenhinrichtungen gab.

Ertranken sie, waren sie schuldlos

Die in Marburg Verurteilten wurden im Hexenturm am Schloss untergebracht, nach dem Urteilsspruch auf dem Markt in einem Karren über die Weidenhäuser Brücke gefahren, dort für die sogenannte Wasserprobe in die Lahn getunkt – ertranken sie, waren sie schuldlos, starben sie nicht, wurden sie als Hexen verbannt – und danach entweder zur Richtstätte auf dem Seips Küppel am Ortenberg oder über die Scheppe Gewissegasse zum Rabenstein gebracht. Dort wurden sie enthauptet, gehängt oder – wie Staudinger – verbrannt.

Das erste Hexenverfolgungs-Opfer in Marburg ist eine Soldatenwitwe, eine Frau Wirwetzen. Ihr wurde 1513 am Samthofgericht der Prozess gemacht, doch weil sie drei männliche Entlastungszeugen hatte, ­wurde sie freigesprochen. Vier Jahre später, da es diesmal keine drei männlichen Bürgen gab, ­wurde sie schuldig gesprochen und verbrannt. 1596 wurde erst Elisabeth Kempferin des Landes verwiesen und dann Elisabeth Leutherin verbrannt.

Schneidersknecht begegnete dem "Teufel"

Eine Welle der Hexenverfolgung erfasste Mittelhessen im 17. Jahrhundert – der auf ihrer Höhe auch Katharina Staudinger zum Opfer fiel. So gestand der 15-jährige Hans Sang, der Teufel in Gestalt einer schönen Jungfrau habe ihn in die Liebeskunst eingeführt. Der Schneidersknecht wurde 1631 enthauptet und sein Körper verbrannt. Hingerichtet wurden auch Christine Morgen im Jahr 1652, Anna Zimmermann und Elisabeth George jeweils 1654, Maria Katharina Weicker starb zudem 1692 in Haft.

Aus Betziesdorf wurden 1674 Elsa Möller wegen Hexerei hingerichtet und Katharina Lips des Landes verwiesen. Auszüge aus Lips’ Prozessprotokoll: „Die Zehen sind angeseilet worden hat gerufen: ihre Arme brechen ihr. Die spanischen Stiefel sind ihr aufgesetzet, die Schraube auf dem rechten Bein ist zugeschraubet (…) und da sie wiederholt in Starrkrampf verfiel, so wurde ihr mehrmals mit Werkzeugen der Mund aufgebrochen, damit sie bekennen sollte.“

Beschuldigte Männer konnten sich freikaufen

Fach zufolge deute grundsätzlich vieles auf „einen Mix aus der Suche nach Sündenböcken und weit verbreitetem Aberglauben“ hin, was vor allem auf den in der Frühen Neuzeit grassierenden Agrarkrisen, Seuchen, Kriegen sowie ökonomischen Interessen speziell der Fürsten fuße.

Längst nicht alle Verdächtigten, Ankläger und Angeklagten, Verurteilten und Hingerichteten sind namentlich bekannt. Und nicht ­jeder wurde mit dem Tod bestraft; manche – vor allem in den Fokus geratene Männer – erhielten eine Geldbuße oder konnten sich grundsätzlich freikaufen.

Nach der Folter zu Krüppeln geworden

Die Flucht vor Prozessbeginn, am ­besten nach Osteuropa, sei oft die ­einzige Rettung gewesen. Oder aber Männer, die Frauen verteidigten und die nächste Gerichtsinstanz anriefen. Denn entweder habe die nächste juristische Ebene ein anderes Urteil gefällt, oder – was wahrscheinlicher war – dem privaten Kläger ging das Geld für die Prozesskosten aus.

Und auch der zunächst gnädig wirkende ­Landesverweis wie ­etwa bei ­Katharina Lips ist laut Fach keinesfalls als ein mildes Urteil zu werten. „Nach der Folter waren die Menschen Krüppel, körperlich und seelisch zerstört. Sie waren mittellos, auf ihren Familien lastete wegen der Hexenverdächtigungen ein enormer sozialer Druck; und lange Reisen, zumal für Frauen und ­alleine, waren damals ebenso ­beschwerlich wie gefährlich“, sagt Fach.

Stadtverordnete wollen Gedenktafel

Allen Marburgern, die solche Qualen erlitten haben, soll der Magistrat nun Aufmerksamkeit widmen. Die Stadtverordnetenversammlung hat entschieden, eine
Gedenktafel für die Mordopfer aufstellen und eine Veranstaltungsreihe mit Kirchen, Universität und Stadtgesellschaft organisieren zu lassen.

Mit dem geplanten Gedenken folgt die Universitätsstadt anderen hessischen Städten wie Büdingen, Hofheim, Bad Homburg, Bad Wildungen, Gelnhausen und Hattersheim, wo es bereits Gedenktafeln gibt.

  • Zur Person: Seit 1973 lebt die promovierte Kunsthistorikerin Dr. Ilina Fach, die auch Politikwissenschaft studierte, in Marburg. Die Nachforschungen zur Hexenverfolgung in Mittelhessen stellte sie an, weil sie sich für Vorurteilsbildung und die Enstehung von Rassismus interessiert. Krisen, ökonomische Interessen, Ängste vor Fremden oder Veränderung: „Viele Denk- und Handlungsmuster sind geblieben, sind auch heute noch erkennbar“, sagt die gebürtige Münchnerin, die einen Aufsatz zum Thema in dem Buch „Frauen in Marburg“ veröffentlicht hat.

Zahlen, Daten, Fakten

Die alte Hexenforschung, die noch von mehreren Millionen Opfern ausgegangen war, ist von Forschern mittlerweile stark nach unten korrigiert worden: Neuere Schätzungen gehen für Europa von 70 000 bis 100 000, für das Deutsche Reich von etwa 15 000 bis höchstens 100 000 Opfern aus. In fast allen Regionen gibt es eine zeitliche Konzentration: Im Deutschen Reich gibt es Verfolgungs-Wellen am häufigsten um 1590, um 1630 und um 1660. In Deutschland waren Schwerpunkt-Zonen vor allem Westfalen, Minden, Schaumburg, die anhaltischen Fürstentümer, die sächsischen Herzogtümer und die Bistümer Bamberg, Eichstätt, Augsburg bis in die Schweiz.
Die meisten Hexenverbrennungen gab es in Europa aber nicht im Mittelalter, sondern in der Frühen Neuzeit – der Höhepunkt der Verfolgungswelle in Europa liegt zwischen den Jahren 1550 und 1650. Die letzte Hexe wurde in Deutschland 1775 verbrannt.

von Björn Wisker