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Marburg Die Deutschen erben sich reich
Marburg Die Deutschen erben sich reich
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00:17 15.01.2019
Goldbarren auf einem Tisch. Auf der Liste der 1.001 reichsten Deutschen stehen auch zwei Namen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf. Quelle: Armin Weigel/dpa
Marburg

Nie mehr arbeiten müssen, ohne finanzielle Sorgen ans Alter denken, sich jederzeit alles leisten können – das bedeutet für die meisten Deutschen Reichtum, zumindest laut einer Studie* der Bundesregierung aus dem Jahr 2015.

Gibt es auch einen Kontostand, ab dem Reichtum beginnt? Machen 250.000 Euro reich? Oder doch erst eine Million Euro? Professor Marc Steffen Rapp von der Marburger School of Business and Economics verweist auf eine kürzlich veröffentlichte Umfrage. Demnach würden vier von fünf Deutsche zustimmen, dass reich ist, wer ein Vermögen von mindestens einer Million Euro sein Eigen nennen kann.

Anmerkung

*Auf die Studie “Wahrnehmung von Armut und Reichtum in Deutschland” des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales aus dem Jahr 2015 hat uns der Professor Tim Friehe von der Philipps-Universität Marburg hingewiesen.

Millionäre – davon gibt es in Deutschland jede Menge. Laut einer Studie des Unternehmens Capgemini verfügten 2017 rund 1,4 Millionen Deutsche über ein anlagefähiges Vermögen von mehr als einer Million Dollar. Und wer im Club der ­Millionäre die größte Kragenweite hat, das will die alljährliche Liste der reichsten Deutschen des “manager magazin” verraten, auf der auch zwei Namen aus dem Kreis Marburg-Biedenkopf ­stehen.

Da sind die Brüder Andreas und Reinfried Pohl junior. Mit einem Vermögen von 2,1 Milliarden Euro belegen sie Platz 83. Ihre Familie hält über die „Deutsche Vermögensberatung Holding” die Mehrheit der Deutschen Vermögensberatung AG. Weiter hinten auf der Liste, auf Rang 524 folgt die Unternehmer-Familie Winter, Eigentümer der Eisengießerei in Stadtallendorf. Ihr Vermögen beziffert das Magazin mit 300 Millionen Euro. Die reichsten Deutschen sind dem Magazin zufolge derzeit die BMW-Erben Susanne Klatten und Stefan Quandt. Ihr Vermögen: 34 Milliarden Euro.

Einschränkend muss erwähnt werden: Die Zahlen des “manager magazin” sind Schätzungen. Grundsätzlich ist Reichtum in Deutschland wenig erforschtes Terrain, was auch daran liegt, dass viele Reiche ungern Details über ihr Vermögen preisgeben. Und seit dem Aussetzen der Vermögenssteuer 1997 müssen sie das auch nicht mehr gegenüber dem Finanzamt.

Statussymbole haben noch nicht ausgedient

Dabei ist die Frage, wie Vermögen verteilt sind, durchaus relevant für die Politik. Vor einem Jahr wies das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) auf eine extreme Ballung von Reichtümern in Deutschland hin: 45 Superreichen gehört demnach genauso viel wie der gesamten ärmeren Hälfte der Bevölkerung.

Die Daten waren wackelig, der Befund umstritten. Und doch befeuerte er Debatten über Spitzensteuersatz und Erbschaftssteuer. Bleibt die Frage, wofür Vermögende ihr Geld ausgeben. Der aktuelle Milliardärsreport der Firmen UBS und PwC weist darauf hin, dass beim durchschnittlichen Milliardär West-Europas ein großer Teil des Vermögens in Firmen steckt. Ein Blick auf die Reichenliste des “manager magazin” bestätigt: Aufgeführt sind vor allem Unternehmerfamilien.

DIW-Forscher Stefan Bach sagte deshalb damals gegenüber dem Magazin Spiegel, dass zumindest ein Teil des Vermögens jener deutschen Superreichen der Allgemeinheit zugute komme, beispielsweise in Form von Arbeitsplätzen. Klassische Statussymbole haben allerdings auch nicht ausgedient.

Akzeptanzprobleme – besonders in Europa

Uhren, Reisen und Immobilien sind laut Wirtschaftsprofessor Rapp nach wie vor Klassiker, wobei der Trend weg von der Villa gehe hin zum Penthouse. Ein neueres Spielzeug für Superreiche sind Rapp zufolge Fußballclubs, insbesondere solche mit einer Chance auf den Champions-League-Pokal.

Wecken Villen und Weltraumreisen Neid? Nicht unbedingt. Die Akzeptanz von Reichtum hänge grundlegend davon ab, wie er erworben wurde, sagt Rapp. Es mache einen Unterschied, ob jemand durch beruflichen Erfolg wie Unternehmertum zu Vermögen kam oder durch Erbschaft.

Fakt ist, dass der Anteil der Reichen, die ihr Vermögen geerbt haben, in Deutschland vergleichsweise groß ist. “Während weltweit gesehen drei von vier Superreichen sich ihren Reichtum selbst erarbeitet haben, gilt dies in Europa und insbesondere in Deutschland nicht”, sagt Rapp. Und das produziere, wenig überraschend, Akzeptanzprobleme.

Aber auch erarbeiteter Reichtum wird Rapp zufolge nicht automatisch jedem zugestanden. “So wird das Gehalt eines DAX-Vorstandes, selbst wenn er die Geschicke eines Unternehmens mit mehreren hunderttausend Mitarbeitern erfolgreich leitet, vielfach kritischer beäugt als das Gehalt eines Fußball-Nationalspielers.”

von Friederike Heitz