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Marburg Streit eskaliert: 23-Jährige sticht zu
Marburg Streit eskaliert: 23-Jährige sticht zu
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10:00 26.03.2018
Die Auseinandersetzung erreichte ihren Höhepunkt in einem Bus am Südbahnhof. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Eines ist sicher: Es war viel Alkohol im Spiel. Und eines bestätigte auch die Rechtsmedizinerin aus Gießen: Ohne schnelle ärztliche Behandlung hätte der Geschädigte wohl nicht überlebt.

Neben Verteidiger Sascha Marks saß eine 23-jährige Marburgerin auf der Anklagebank, der „körperliche Misshandlung mittels eines gefährlichen Werkzeugs und einer gefährlichen Behandlung dessen“ vorgeworfen wurde. Genauer: Sie soll im November 2016 dem heute 36-Jährigen gezielt ein Messer in den Rücken gestochen haben. Es soll sich nachts am Südbahnhof zugetragen haben.

Die Angeklagte soll mit zwei männlichen Begleitern unterwegs in Richtung Stadtbüro gewesen sein, als der Gruppe zwei Männer, darunter der später Geschädigte, aus der anderen Richtung entgegenkamen. Alle fünf Beteiligten waren wohl nach je eigener Aussage erheblich alkoholisiert. Zwischen der Angeklagten und einem der Begleiter bestand ein verbaler Streit, wie dieser als Zeuge bestätigte. „Ich wollte helfen“, erklärte dann der Geschädigte.

Dabei soll er einer anderen Zeugenaussage zufolge „schlimme Worte“ gerufen haben, das Ganze sei eskaliert.

In dem Moment hielt ein Bus in Höhe des Südbahnhofs, die Angeklagte stieg mit den zwei Begleitern sofort ein. „Machen Sie die Türen zu und fahren Sie los, ich muss hier weg“, soll sie von dem als Zeugen vernommenen Busfahrer gefordert haben. Ihre Jacke war zerrissen.  Der Busfahrer allerdings hatte Feierabend, „ich fahr‘ nicht mehr weiter, alle aussteigen“, sagte er. Der Geschädigte sagte aus: „Dann haben wir sie ein bisschen durch den Bus gejagt.“ Dabei soll es Faustschläge gegeben haben.

Einer der drei sah ein Taxi und forderte die Angeklagte und den anderen Begleiter auf, damit zu flüchten. Von dem Messer hat kaum einer etwas gehört, geschweige denn es gesehen. Niemand konnte sich umfassend an die Tat erinnern.

Doch der Zeuge, der mit der Angeklagten in der Nacht unterwegs war, schien etwas zu wissen: „Im Taxi sagte jemand was über das Messer“, und nach einer kurzen Pause: „Ich will niemanden belasten.“

Nach drei Rechtsgesprächen spricht Gericht das Urteil

„Das müssen Sie jetzt schon sagen“, forderte Richter Thomas Rohner. „Nein, das muss er nicht, er gilt als Beschuldigter“, erwiderte Verteidiger Marks mit Bezug auf die Strafprozess­ordnung und dem in diesem Fall vermeintlich geltenden Aussageverweigerungsrecht.

Denn die beiden Begleiter der Angeklagten waren zuvor wegen versuchten Totschlags beschuldigt worden, doch die Verfahren wurden eingestellt. Nach einem Rechtsgespräch zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung verkündete das Gericht, es sehe keinen Anlass, von einem generellen Aussageverweigerungsrecht des Zeugen auszugehen. „Sie sagte mir im Taxi sehr aufgebracht, dass sie zugestochen hätte“, ließ sich nach längerem Hin und Her der Zeuge auf eine Aussage ein, „ich denke, dass sie aus Notwehr gehandelt hat“.

Dann erfuhr die Verhandlung eine weitere Unterbrechung. Nach einem abermaligen Rechtsgespräch um einen Antrag des Verteidigers Marks, die Aussage nicht zu verwerten, was das Gericht auch ablehnte, wurde ein weiterer Beteiligter in den Zeugenstand gerufen.

Im dritten darauffolgenden Rechtsgespräch waren sich Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Gericht einig. Das Urteil konnte verkündet werden, einige Zeugen konnten frühzeitig entlassen werden.

„Die Angeklagte wird auf Staatskosten freigesprochen“, verkündete Richter Rohner. „Selbst wenn man von einem Zustechen seitens der Angeklagten ausgeht, muss man auch von Notwehr oder zumindest Nothilfe ausgehen“, hieß es weiter.

Offenbar sei der Geschädigte aufgrund seiner Alkoholisierung nicht anders unter Kontrolle zu bringen gewesen, vielleicht habe er auch Streit gesucht, als er die verbale Auseinandersetzung bemerkte. „Da hat man nicht einzugreifen“, meinte der Richter.

von Beatrix Achinger