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Mephisto und das Occupy-Camp

Frankfurter Faust-Marathon Mephisto und das Occupy-Camp

Wenn „Faust I“ und „Faust II“ zur gleichen Zeit auf die Bühne gelangen, schrauben sich die Erwartungen in die Höhe. Wenn dann eine der bedeutendsten deutschen Sprechbühnen, das Frankfurter Schauspiel, zur Spielzeiteröffnung einen Faust-Marathon und prominente Regisseure wie Stefan Pucher und Günter Krämer ankündigt, hofft man gar wie Goethes bekannteste Dramenfigur auf ein wenig Erkenntnisgewinn.

Frankfurt. Am ersten Premierenabend jedoch zeigt sich, dass sich des Pudels Kern nicht allein dadurch erfassen lässt, dass man einen leibhaftigen Pudel auf die Bühne zerrt. Jüngste Inszenierungen des Stoffes hatten die Verwandtschaft zwischen Faust und Mephistopheles betont, Nicolas Stemann machte bei den Salzburger Festspielen gar den ganzen ersten Teil zum Monolog, in dem wechselnde Geisteshaltungen um die Vorherrschaft kämpfen.

Dem kann Pucher in Frankfurt wenig entgegensetzen. Er zeigt einen biederen Gelehrten (Marc Oliver Schulze), um den ein hysterischer Teufel herumscharwenzelt. Alexander Scheer, bekannt als pickliger Ostjugendlicher aus dem Film „Sonnenallee“, versucht sich in die Tradition des diabolischen Verführers einzureihen. Allein, es fehlt das Charisma.

Nach dieser Erfahrung kann man tags darauf beim Anblick des Plakats von „Der Tragödie Zweiter Teil“ nur stöhnen. Doch was dann kommt, überrascht. „Ich habe es satt das ewige Wie und Wenn; / Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn“. Eine Aktivistin spricht diese Teufelsworte zu Beginn aus dem Zuschauerraum, Faust (gespielt von Wolfgang Michael) badet in den „Zauberblättern“.

Der Teufelspakt ist wertlos

Zwar liegt es nahe, die in Faust II beschriebene Erfindung des Papiergeldes auf die Finanzkrise zu übertragen - auch Stemann zog schon den Vergleich. Und doch entfaltet dieser Gedanke in Nachbarschaft des Frankfurter Bankenviertels und der kläglichen Überreste des Occupy-Camps besondere Wirkung. Nach der Pause steht das Zeltlager mit Slogans wie „Das Leben ist kein Bonihof“ tatsächlich auf der Bühne, Mephisto lässt es räumen.

Günter Krämer, ehemaliger Kölner Generalintendant und Regisseur dieses Abends, belässt es aber nicht bei der Analogie zur Gegenwart. Er konzentriert sich in seiner mit drei Stunden sehr komprimierten Version vielmehr auf das Ringen Fausts um Helena. Valery Tscheplanowa spielt sie als eine Frau, die das öffentliche Bild ihrer Person selbst zu formen sucht.

Erst als sie sich von Faust abwendet - Krämer inszeniert die Szene geheimnisvoll als Absturz des Ikarus - tritt an die Stelle des Eros die kaltberechnende Ökonomie. Krämer verwandelt die Bühne in eine Schneelandschaft, aus der nur der rote Mund der göttlichen Constanze Becker aufblitzt. Sie spielt an diesem Abend den Mephisto als Mischung aus Marlene Dietrich und verschrobenem Zirkusdirektor. Am Ende erscheint ausgerechnet sie als Opfer unlauterer Transaktionen: Denn der von Faust unterschriebene Teufelspakt ist wertlos ohne Seelenpfand.

Insgesamt aber vermag dieser Frankfurter Faust-Marathon nicht wirklich einen Meilenstein in der Faust-Rezeption zu setzen. Wäre der erste Teil auch nur annähernd von der Aussage- und Bildkraft von Faust II gewesen und eine Verbindung zwischen den beiden Teilen zu erkennen gewesen: Das Urteil fiele ganz anders aus.

von Nina May

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