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Meisterwerke treffen auf flinke Finger

Cello-Konzert von Isang Ender Meisterwerke treffen auf flinke Finger

Am Wochenende begeisterte Isang Enders noch in Gießen und Wetzlar mit den Gulda-Konzerten. Am Dienstag war er zu Gast in der Marburg mit Bachs berühmten Cellosuiten.

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Ein großes Talent: Isang Enders spielte vor mehr als 300 begeisterten Zuhörern in der Matthäuskirche Ockershausen.Privatfoto

Marburg. Mehr als 300 Zuschauer zog es in die Matthäuskirche. Ein hervorragendes Programm mit einem herausragenden Künstler wie Isang Enders - das konnte man sich nicht entgehen lassen.

Als Isang Enders das Angebot machte Bachs Cellosuiten in Marburg zu spielen, schlug der Chorleiter der Matthäusgemeinde Dr. Helmut Hering sofort zu. Er ist mit dem Cellisten seit Jahren befreundet, sein Sohn hat schon oft mit Enders zusammen gespielt. Ein richtiger Glücksfall wie sich herausstellte.

Hört man die Cellosuiten, ist es unglaublich, dass sie erst ab dem Anfang des 20. Jahrhunderts in Konzerten aufgeführt wurden. Spätestens bei der sechsten Suite ist aber auch klar, warum sie jahrelang als Übungsstücke benutzt wurden.

Gerade dieses Stück gilt als sehr schwer, da es ursprünglich für ein fünfsaitiges Cello komponiert wurde. Die heutigen Celli haben aber nur vier Saiten. Um dies zu kompensieren sind teilweise ungewöhnliche Grifftechniken nötig.

Isang Enders Hand wanderte auf dem Griffbrett seines Cellos munter auf und ab. Stellenweise griff er so tief, dass er gerade einmal eine Hand breit entfernt vom Bogen war. Die Entwicklung der Suiten in ihrem Verlauf machte der 24-jährige Cellist greifbar. Vom Prélude aus der ersten Suite, das oft in Filmen vorkommt wie "Der Pianist" oder "Master & Commander" über die elegante Allemande der dritten Suite bis zur tänzerischen Gigue der sechsten - Isang Enders ließ die fast 300 Jahre alte Musik des Großmeisters Bach aufblühen.

Den schönen und warmen Klang des Cellos genoss das Publikum ruhig und andächtig. Manche schienen ganz in sich gekehrt.

Viel davon wird Enders aber wohl nicht mitbekommen haben. Er selbst spielte auf sich und die Musik konzentriert mit meist geschlossenen Augen.

Den kräftigen und langen Applaus nach jeder Suite nahm er ganz freundlich und bescheiden wahr. Überhaupt: Ein theatralisches Spiel, wie man es oft bei bekannten Künstlern sieht, fehlt bei ihm auf eine sehr angenehme Weise.

Dafür begeistern seine flinken Finger, um die ihn jede Sekretärin beneiden dürfte, und seine Bogenführung. Mal führt er den Bogen fein akzentuiert und dann streicht er darauf los, als sei es Schwerstarbeit.

Da der Urtext der Suiten fehlt und man sich auf wenige Kopien beziehen muss, bei denen stellenweise Bögen und Verzierungen fehlen, ermöglicht dies den Künstlern heute eine große Freiheit. Diese Freiheit schätzt Enders sehr.

Am Ende der sechsten Suite waren alle in der Kirche geschafft. So schön die Cellosuiten sind, sie zu hören ist auch etwas anstrengend. Eine Zugabe war nach diesem Programm nicht nötig.

Auch Isang Enders schien erschöpft, aber gleichzeitig erleichtert. Mit diesem Konzert hatte dieses Meisterwerk zum ersten Mal öffentlich aufgeführt hat.

von Mareike Bader

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