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Marburg Leidet die Lehre unter UKGM-Privatisierung?
Marburg Leidet die Lehre unter UKGM-Privatisierung?
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00:16 26.02.2019
Im Pohl-Zentrum für Medizinische Lehre auf den Lahnbergen lernen Medizinstudenten an Simulationspuppen das Einmaleins des Arztseins. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Im Herbst 2018 hat an der Marburger Philipps-Universität jeder achte Teilnehmer den schriftlichen Teil des ersten Abschnitts der ärztlichen Prüfung, also des Physikums, nicht bestanden (43 von 340, damit 12,6 Prozent). An der Gießener Justus-Liebig-Universität war es sogar mehr als jeder fünfte (37 von 180, 20,6 Prozent). Im Bundesschnitt ist nach den Zahlen des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen nur etwa jeder elfte Medizinstudent (9,3 Prozent) bei der überwiegend aus Multiple-Choice-Fragen bestehenden Prüfung durchgefallen. Sind Medizinstudenten in Marburg im Schnitt ein bisschen weniger schlau als an anderen deutschen Hochschulen, aber doch deutlich intelligenter als an der Gießener Universität? Wohl kaum. Woran liegt die Diskrepanz tatsächlich?

Die Bürgerinitiative „Notruf 113“, die sich kritisch mit dem System und den Strukturen privatisierter Krankenhäuser auseinandersetzt (siehe „Hintergrund“), sieht die Ursache für die erhöhten Misserfolgsquoten an den mittelhessischen Universitäten im Zusammenschluss der ehemals eigenständigen Universitätskliniken in Marburg und Gießen Mitte 2005 und der Privatisierung Anfang 2006. Seitdem werde nicht mehr ausreichend in die Lehre investiert. Ähnlich hatte sich in der Vergangenheit bereits der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) der Marburger Universität geäußert. Eine Referentin beklagte im Januar 2016 eine „unverantwortlich hohe Arbeitszeitverdichtung bei den beschäftigten Ärztinnen und Ärzten“.

Hochschullehrer und Mitarbeiter des Fachbereichs Medizin sind zugleich Angestellte des Rhön-Konzerns, der das Universitätsklinikum betreibt. Folge: „Lehrende treffen verspätet zu Lehrveranstaltungen ein, weil sie noch Aufgaben in der Krankenversorgung zu erledigen haben, oder sie müssen den Hörsaal früher verlassen.“

Hintergrund

„Notruf 113“ ist nach eigener Beschreibung eine Bürgerinitiative, die sich 2009 „aus Sorge um die medizinische Versorgung der Bevölkerung in Marburg und Gießen, aus Unzufriedenheit mit den Entwicklungen im Gesundheitssystem und aufgrund eigener schlechter Erfahrungen mit dem privatisierten Uniklinikum Gießen und Marburg“ gegründet hat. Der Initiative, die ausdrücklich kein Verein und auch keine Ärztegenossenschaft ist, gehören niedergelassene und angestellte Ärzte, Pflegekräfte, 
interessierte Bürger und Juristen an. Sie setze sich kritisch mit dem System und der Struktur privatisierter Krankenhäuser auseinander.

Der Wissenschaftsrat ist ein wissenschaftspolitisches Beratungsgremium. Der 1957 gegründete Rat berät die Bundesregierung und die Regierungen der Länder in Fragen der inhaltlichen und strukturellen Entwicklung der Hochschulen, der Wissenschaft und der Forschung. Dafür erarbeitet er Empfehlungen, die stets auch veröffentlicht werden.

Auch in Gießen hätten Studierende und Ärzte mehrfach mangelnde Zeit für Forschung und Lehre beklagt, berichtet die „Gießener Allgemeine“ (GAZ). Die Justus-Liebig-Universität, an der die Prüfungsergebnisse auch in den vorherigen Jahren meist unterdurchschnittlich waren, finanziert ihren Medizinstudenten inzwischen Kurse beim externen Dienstleister „Medi-Learn“, der erste begann vor rund einem Monat. Das Marburger Unternehmen ist spezialisiert auf medizinische Repetitorien – also: Nachhilfe für angehende Ärzte. Studenten zahlen dafür regulär Beträge zwischen 1.600 und 2.400 Euro.

Einige Universitäten, etwa in Mainz und in Tübingen, subventionieren „Medi-Learn“-Kurse, eine komplette Kostenübernahme bietet jedoch nur die Gießener Universität an. Studiendekan Professor Dieter Körholz bezeichnet dies gegenüber der GAZ als „eine Frage der sozialen Chancengleichheit“. Es gehe dabei um eine gezielte Prüfungsvorbereitung. Letztlich würde das Abschneiden bei Multiple-Choice-Tests nicht viel über die Qualität der Lehre aussagen: „Wer die Fragen richtig ankreuzt, wird deshalb nicht ein Arzt, der mit Patienten richtig umgehen kann.“

Marburger Ärztin spricht von "Versagen der Lehre"

Die Sichtweise der Initiative „Notruf 113“ ist eine andere: Mitglied Dr. Ulrike Kretschmann spricht von einem „einmalig unrühmlichen Vorgang“ an der Justus-Liebig-Universität: „Da wird doch den Studierenden indirekt gesagt, ‚wir haben keine Zeit, euch vernünftig auszubilden und auf die Prüfung vorzubereiten, also geht zu Medi-Learn‘. Bezahlt wird das mit Steuergeldern, also von uns allen.“ Für die Marburger Allgemeinärztin ist dies ein „Versagen der Lehre“. Sie erinnert sich zurück: „Früher haben mir meine Professoren gesagt: ‚Wenn Sie bei mir in die Vorlesungen gehen und aufpassen, dann sind Sie so gut, dass Sie keine Nachhilfe mehr brauchen.‘ Heute wird das Gegenteil vermittelt. Jedenfalls“, schränkt sie ein, „in Gießen.“

In Marburg wird nicht mit „Medi-Learn“ oder ähnlichen Dienstleistern zusammengearbeitet, wie die Pressestelle mitteilt. Die Philipps-Universität gebe ihr „Bestes, den Marburger Medizinstudierenden eine gute Ausbildung zukommen zu lassen“, es werde „kontinuierlich an der Qualitätsverbesserung der Lehre“ gearbeitet, heißt es auf OP-Anfrage zur leicht überdurchschnittlichen Misserfolgsquote bei der schriftlichen Prüfung im Herbst 2018. Zum Vergleich mit der Quote in Gießen könne die Marburger Universität keine Einschätzung abgeben. Kretschmann hat für die in Marburg im Vergleich zu Gießen deutlich geringere Quote an erfolglosen Prüfungen auch keine spontane Erklärung. „Fakt ist aber, dass auch in Marburg überdurchschnittlich viele Studierende durchfallen.“

Kretschmann: "Da wird nur geredet statt gehandelt" 

Die „Notruf 113“-Angehörige fordert eine erneute Bestellung des Wissenschaftsrats durch die hessische Landesregierung. Das wissenschaftspolitische Beratungsgremium (siehe „Hintergrund“) hat das Universitätsklinikum Gießen und Marburg zuletzt vor rund zehn Jahren begutachtet und in seinem damaligen Bericht, veröffentlicht im Jahr 2010, unter anderem aufgeführt, dass Arbeitszeitmodelle „nach Angaben der Betroffenen“ mit negativen Auswirkungen auf Forschungszeiten „nicht verlässlich umgesetzt werden“. Der Rat regte eine erneute Begutachtung frühestens fünf Jahre später an – die seitdem nicht erfolgt ist. „Warum geschieht nichts?“, fragt Kretschmann.

Die neue Wissenschaftsministerin Angela Dorn-Rancke (Grüne) schließt eine künftige Bestellung des Wissenschaftsrats nicht aus. Aktuell sei diese jedoch nicht geplant, wie die Marburgerin jüngst im Landtag deutlich machte: Sie sprach im Bezug auf die mittelhessische Universitätsmedizin von einem „konstruktiven Entwicklungsprozess“, den das Ministerium ebenso wie „die Kooperation der beteiligten Fachbereiche und Universitäten zunächst weiter aktiv fördern“ wolle. Es solle besprochen werden, wie das Land die Hochschulmedizin unterstützen könnte – „gegebenenfalls unter Einbeziehung des Wissenschaftsrats“.

Für Kretschmann ist dies nicht zufriedenstellend. „Da wird nur geredet statt gehandelt“, sagt sie und fragt sich: „Hat die Landesregierung Angst, dass gravierende Missstände festgestellt werden, nicht nur, aber auch im Bereich Forschung und Lehre?“

von Stefan Weisbrod