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Marburg Medizinstudentin träumt von eigener Landarztpraxis
Marburg Medizinstudentin träumt von eigener Landarztpraxis
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00:17 11.10.2018
Nora Schilke, Medizinstudentin aus Marburg, hat sich bewusst entschieden, sich später als Landärztin niederzulassen. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) spricht von „Wildwuchs“ in der kommunalen Ansiedlungspolitik für ärztlichen Nachwuchs. Bürgermeister kleinerer Gemeinden buhlen um die Gunst junger Ärzte. Eine teils schlechte Infrastruktur und fehlende honorarpolitische Anreize behindern nach Meinung der KV Hessen die Erfüllung des ärztlichen Sicherstellungsauftrags in ländlichen Regionen.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD)  will mit einem Drei-Punkte-Programm dem Ärztemangel im ländlichen Raum entgegensteuern. Das Programm sieht vor, Medizinstudenten mit einer Prämie von monatlich mindestens 500 Euro nach Brandenburg zu locken, wie Woidke mitteilte. Daneben sollen Weiterbildungsprogramme für Fachärzte und mehr Werbung für das Praktische Jahr in Brandenburger Kliniken betrieben werden. Für das Programm sind für 2019 insgesamt bis zu zwei Millionen Euro vorgesehen. Über die Mittel muss jedoch noch das Parlament entscheiden.

"Ärzte können sich die Rosinen rauspicken"

In Hessen gibt es so ein Programm nicht und auch keine politische Initiative, Ärzte bei einem Wiedereinstieg zu unterstützen, um dem drohenden Mangel entgegenzuwirken. Tausende zugelassene Mediziner arbeiten derzeit nämlich nicht als Ärzte in einer Praxis oder sind in einer Klinik tätig. Das geht aus der aktuellen Mitgliederstatistik der Landesärztekammer Hessen hervor.

Die Zahl der nicht aktiven Mediziner in Hessen steigt kontinuierlich an. Vor zehn Jahren waren es der Landesärztekammer zufolge knapp 6 500 – rund 1 850 weniger als heute. Das liegt vor allem an der höheren Zahl der Ärzte im Ruhestand.

Die Arbeitsagentur Marburg hat zwei Fachärzte in ihrer Statistik, die sich im Landkreis als arbeitssuchend gemeldet haben. Bei den Assistenzärzten sind es 13, wobei fünf von ihnen aus dem Ausland kommen und hier ihre deutsche Approbation erlangt haben. „Ärzte können sich derzeit die Rosinen rauspicken. Die Erfolgsquote, selbst bei Initiativbewerbungen, ist sehr hoch“, berichtet Arbeitsvermittlerin Lisa Aßhauer-Sack und ihr Teamleiter Ulrich Schmittdiel ergänzt: „Es gibt schon seit 35 Jahren keine Ärzteschwemme mehr. Nach Einführung des Numerus clausus begann der Ärztemangel.“

Am liebsten Landärztin

Nora Schilke hat sich schon jetzt genau gegen den Trend entschieden. Sie hat das zweite Staatsexamen in der Tasche, das praktischen Jahr in der Dermatologie hat bereits begonnen. „Aber alles im Hinblick auf Allgemeinmedizin“, erklärt die Medizinstudentin. Denn sie will Hausärztin werden, am liebsten richtige Landärztin mit einer eigenen Praxis. „Das ist mein Traum“, sagt die 25-jährige, gebürtige Niedersächsin, die fürs Studium nach Marburg gekommen ist. Sie könnte sich durchaus vorstellen, ihren Traum auch in Nordhessen zu verwirklichen. Aber wenns in ihrer Heimat Uslar klappt, dann wäre alles perfekt.

Medizin hat sie schon immer interessiert, vielleicht sind es auch die Gene vom Vater. Der ist nämlich Kinderarzt an einer Klinik. Geprägt hat sie allerdings ein anderer Arzt: Dr. Thomas Reitemeier aus Uslar – Nora Schilkes Hausarzt.  „Ich habe mich bei ihm immer sehr wohl und ernst genommen gefühlt“, erzählt sie.  „Begleiten, unterstützen, reden“, beschreibt Nora Schilke, was für sie einen guten Hausarzt ausmacht. Ihr gefällt, dass sie kein Experte in einer bestimmten Fachrichtung wird, sondern sich in vielen Bereichen auskennt. Das dauert allerdings noch fünf Jahre. Nach dem Praxisjahr in der Dermatologie muss sie noch zwei Jahre in der Inneren und zwei Jahre in einer Praxis arbeiten. Sie hat sich kleinere Kliniken ausgesucht – in Holzminden und Höxter.

Einser-Abi fast überall Pflicht

Die Hierarchien in Krankenhäusern „sind nicht so mein Ding“, gibt Nora Schilke zu. Daher auch der Wunsch alleinverantwortlich zu sein oder eben als angestellter Arzt in einer kleinen Praxis auf dem Land. Für sie sowieso die familienfreundlichere Variante. Die Schichten im Krankenhaus, die Hektik und „dass ich die Patienten ja nie wieder sehe“, sind für sie weitere Gründe, warum sie sich für den anderen Weg entschieden hat. Die eigene Praxis zusammen mit einem Kollegen würde auch bedeuten, dass man Verantwortung teilen kann, dass immer eine Vertretung im Urlaubs- oder Krankheitsfall da wäre.

Das Argument der schlechten finanziellen Perspektive lässt Nora Schilke nicht gelten: „Klar wird es monatlich nicht so viel werden wie bei einem Top-Radiologen an einer Klinik. Aber es bleibt trotzdem mehr als genug übrig.“ Ebenso kritisiert sie das derzeitige Auswahlverfahren und den hohen Numerus clausus (NC). Ein Einser-Abi ist in fast allen Bundesländern Pflicht. Nur Schleswig-Holstein und Niedersachsen fordern 1,1. So hart wie im Wintersemester 2017 / 2018 war der NC Medizin noch nie. „Aber nicht das 1,0-Abitur macht einen guten Arzt“, sagt Nora Schilke. „Empathie, Menschenverstand, Einfühlungsvermögen“, zählt sie Kernkompetenzen auf, die weitaus wichtiger sind.

von Katja Peters
und unserer Agentur