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Marburg Ärzte müssen Obdachlose überzeugen
Marburg Ärzte müssen Obdachlose überzeugen
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18:51 22.05.2018
Die Ärztin Anne-Marie Krehbiel im Gespräch mit einem Wohnungslosen in der Tagesaufenthaltsstätte des Diakonischen Werks in Marburg. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Die Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose in der Gisselberger Straße in Marburg bietet Betroffenen einen geschützten und anonymen Aufenthaltsraum. Ein Team von Fachleuten aus verschiedenen Berufsfeldern ist bestrebt, die mit der Wohnungslosigkeit einhergehenden Probleme zu mildern.

Dazu zählen Sozialarbeiter, Hauswirtschaftskräfte, Sozialhelfer, pflegerisches Personal und ehrenamtlich tätige Ärzte. Seit rund zehn Jahren kommt die Allgemeinmedizinerin Anne-Marie Krehbiel in die Einrichtung des Diakonischen Werks. Jeden ersten Mittwoch im Monat steht sie dort den Menschen mit Rat und Tat zur Seite.

Auf Auschreibung meldeten sich zwei Frauen

Den gleichen ehrenamtlichen Dienst versieht Dr. Monika Stützer. Die pensionierte und mittlerweile in Marburg lebende Ärztin war in Gemünden als Allgemeinmedizin tätig. Sie ist Nachfolgerin der früher in Cappel niedergelassenen Ärztin Dr. Gerda Nassauer. Mit der Cappeler Kollegin bot Anne-Marie Krehbiel vor rund zehn Jahren erstmals die ärztliche Beratung in der Tagesaufenthaltsstätte an.

„Damals wurde bei allen Ärzten aus der Region nachgefragt. Es fanden sich genau zwei Frauen“, erinnert sich Krehbiel und betont, dass sonst niemand Interesse an dem ehrenamtlichen Dienst zeigte. Möglich war diese Beratung durch eine finanzielle Zuwendung des Vereins „Gemeinsam gegen Kälte“, einer bundesweiten Bewegung für hilfsbedürftige und obdachlose Menschen.

Dieser medizinische Dienst für Wohnungslose an in der Regel jedem ersten und dritten Mittwoch im Monat hat sich etabliert und wird mittlerweile mithilfe von Einzelspenden finanziert, auf die das Diakonische Werk nach wie vor angewiesen ist. Und was treibt sie dazu, sich in ihrer Freizeit derart zu engagieren? „Bei mir war es das pure Interesse.

Ich wusste absolut nicht, was auf mich zukommt“, berichtete Anne-Marie Krehbiel und erklärt: „Ich bin halt neugierig.“ Rückblickend stellt sie fest: „Die Leute hier haben Krankheiten, die ich nicht vermutet hätte.“

Das Leben auf der Straße ist für Wohnungslose eine große gesundheitliche Belastung. Nicht selten sind schwerwiegende körperliche Erkrankungen die Folge. Obdachlose sind oft ungeschützt der Witterung ausgesetzt, haben kaum eine Möglichkeit für die Körperhygiene.

Ärztin spielt oft 
eine Vermittlerrolle

Selbst die scheinbar unbedeutendste Verletzung kann ohne Behandlung lebensbedrohlich werden. Hinzu kommen Probleme wegen des Konsums von Alkohol oder Drogen.

Die Ärztin berichtet auch über Psychosen, von denen Wohnungssuchende geplagt werden. Oftmals hört sie einfach nur zu. Ergibt sich aus dem Gespräch, dass weitere Hilfe nötig ist, dann übernimmt die Ärztin eine Vermittlerrolle, muss zuweilen viel Überzeugungsarbeit leisten.

„Wir haben das Glück, dass die meisten der Leute, die zu uns kommen, in hausärztlicher Betreuung und versichert sind“, sagt sie. Und der Empfehlung, sich beim Kollegen vorzustellen, würden die meisten Folge leisten. Aber sie berichtet auch von anderen Fällen. Etwa von dem eines Drogenabhängigen, den sie aufsuchte.

Er hatte ein stark entzündetes „schwarzes Bein“, und er war versichert. Der Mann hätte sofort in die Klinik gemusst. Er wollte nicht. Wenig später sei er verstorben, bedauert die Ärztin. Aber auch für solche traurigen Fälle gelte: „Man kann niemanden zur Behandlung zwingen.“

Sie berichtet auch von einem Obdachlosen, der an der Leiste operiert wurde und wenige Tage nach der OP wieder auf der Straße leben musste.

Sind solche Schicksale nicht deprimierend? „Nein. Krankheit und Tod gehören zu meinem Beruf“, sagt sie. „Was ich machen kann, das mache ich.“ Anne-Marie Krehbiel hat seit 35 Jahren ihre Praxis in Stadtallendorf. „Zu mir kommen Patienten aus rund 50 Nationen. Das ist ein gutes Training, ein Training fürs Leben“, sagt sie.

Für die selteneren Fälle, bei denen sie in der Sprechstunde für Wohnungslose in Marburg schnell und sofort Hand anlegen muss, hat sie ihre Notfalltasche dabei.

Wunden kontrollieren, Verbände wechseln, Fäden ziehen oder dem Patienten ein Schmerzmittel oder eine Salbe in die Hand drücken, all das gehört in der Einrichtung zum Tagesgeschäft.

Nicht in laufende Behandlungen einmischen

Was sie ehrenamtlich leiste, sei keine konsequente hausärztliche Betreuung. „Ich will den Hausärzten nichts wegnehmen und mische mich auch nicht in laufende Behandlungen ein“, betont sie.

Ist ein Patient nicht versichert und braucht dringend weitere ärztliche Hilfe, dann hat Anne-Marie Krehbiel Mitstreiter in der Einrichtung, die alle weiteren Schritte einleiten und etwa das Sozialamt einschalten.

Den Entschluss, die medizinische Beratung zu leisten, habe sie nie bereut, sagt die Ärztin und freut sich, dass den Wohnungslosen in der Gisselberger Straße vieles angeboten wird, das ihnen das Leben etwas erleichtert.

Ein wenig neidisch ist sie auf eine Krankenschwester, die vom Ambulanten Pflegedienst zwei-, dreimal in der Woche in der Tagesaufenthaltsstätte ihre Dienste anbietet und offenbar sehr leicht Zugang zu den Obdachlosen bekommt. „Sie kommt mit dem Motorrad und hat eine Rockerjacke an. Dagegen kommen wir nicht an“, sagt Anne-Marie Krehbiel mit einem Augenzwinkern.

von Hartmut Berge

Hintergrund

Weil es keine bundeseinheitliche Wohnungsnotfall-Statistik gibt, legt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) jährlich eine Schätzung fürs Vorjahr vor. Nach der Definition der BAG W ist eine Person wohnungslos, wenn sie nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt.

Das sind nicht nur Menschen, die auf der Straße leben, sondern auch Bewohner von Heimen, Anstalten, Notübernachtungen, Asylen, Frauenhäusern, Aussiedler- und Asylbewerberunterkünften, sowie Personen, die bei Verwandten, Freunden und Bekannten untergekommen sind.

Demnach schätzt die BAG W die Zahl der Wohnungslosen für 2016 auf 860 000 Menschen, davon 440 000 anerkannte Flüchtlinge, und die Zahl der Personen, die auf der Straße leben, auf 52 000 Menschen.

Ursachen für die steigende Zahl der Wohnungslosen sind Mietschulden, Verarmung, Entscheidungen von Behörden, Alkoholismus, häusliche Gewalt, Scheidungen, Trennungen und Verlassen der Herkunftsfamilie.