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Marburg Für die Ärzte ist es reiner Hohn
Marburg Für die Ärzte ist es reiner Hohn
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08:10 25.03.2018
Wollen ihre Patienten weiterhin so gut wie möglich medizinisch versorgen: Die Ärzte Nils Wagner-Praus und Marei Schoeller aus der Hochlandpraxis in Gilserberg. Quelle: Sandra Rose
Gilserberg

Zu diesem Schluss kommt die Allgemeinmedizinerin nach ihren Erfahrungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung. „Es gab noch kein Jahr ohne Regressforderungen, seit ich hier bin“, erklärt sie. Vor vier Jahren stieg sie in die von Dr. Joachim Klug gegründete Praxis mit ein. Kollege Nils Wagner-Praus ist seit 18 Jahren in Gilserberg tätig. Seit Längerem sei die Hochlandpraxis auffällig, wenn es um die Abrechnung der Hausbesuche gehe, berichtet Wagner-Praus.

Für 2012 bis 2014 müssen die Ärzte nun einen hohen fünfstelligen Betrag an die Kassenärztliche Vereinigung zurückzahlen. „Es geht nicht um die Summe, die wir bezahlen müssen. Unser Anliegen ist vielmehr auf die Ursache des Verfahrens hinzuweisen“, erklären die Ärzte, denen „offensichtliche Unwirtschaftlichkeit“ vorgeworfen wird.

Ärzte verweisen auf besondere Struktur der Klientel

Infrage stellen die Mediziner die Strukturen, die eine solche Verfahrenseröffnung möglich machen: „Sie sollten überdacht werden und bei entsprechender Einsicht, dass sie der Überarbeitung und Veränderung bedürfen, der Realität angepasst werden.“ Wem wirklich ein Hausbesuch zusteht, diese These klaffe in Theorie und Praxis weit auseinander, sind die Ärzte überzeugt.

Im Hochland beispielsweise gebe es keinen öffentlichen Personennahverkehr. Es sei älteren Menschen schwer möglich, überhaupt in die Praxis zu kommen. Auch haben Wagner-Praus und Schoeller auf die besondere Situation der Patientenversorgung in den Seniorenheimen verwiesen – in Gilserberg gibt es neben dem Seniorenheim die Paritätische Nachsorgeeinrichtung sowie das Hospiz.

„Aufforderung, medizinische Qualität herunterzuschrauben“

„Im Hospiz werden Menschen aus dem gesamten Kreis betreut, die hausärztliche Zuständigkeit liegt zum Großteil in unserer Praxis“, erläutert Wagner-Praus. Zudem gehöre es für einen Hausarzt dazu, das Umfeld seiner Patienten in die Behandlung miteinzubeziehen: „Und die Situation zu Hause sehe ich erst beim Besuch“, sagt Schoeller. Knapp 2100 Menschen versorgt die mittelgroße Landarztpraxis im Quartal.

Den Rat, Leistungen zu reduzieren, empfinden die Ärzte als Hohn: „Das ist nichts anderes als die Aufforderung, unsere medizinische Qualität herunterzuschrauben.“ Solche Verfahren schreckten in Zeiten von Hausärztemangel angehende Kollegen ab, sich auf dem Land niederzulassen. Es gelte, Rahmenbedingungen auf politischer Ebene zu überdenken und den Menschen in Stadt und Land die Sicherheit zu geben, medizinisch gut versorgt zu werden. Schoeller und Wagner-Praus wollen ihre Patienten weiter so gut wie möglich versorgen: „Das ist ein Versprechen“, sagen sie.

Die KV erklärt: 
Rückzahlung ist keine Strafe

Die Kassenärztliche Vereinigung teilte auf Anfrage der Autorin mit, dass sie aus Gründen des Datenschutzes keine konkreten Informationen zu dem Fall geben könne. Pressesprecherin Petra Bendrich stellte dar, dass es sich bei der Rückzahlung nicht um eine Strafe handele, sondern um ein Honorar, das ein Arzt bekommen hat, ohne dass es ihm zustand. Bei Kürzungen würden in der Regel die Praxen nie auf den Fachgruppendurchschnitt gekürzt, heißt es in der Stellungnahme weiter.

Den Praxen verbleibe – trotz Honorarkürzung – immer deutlich mehr Honorar als den anderen Praxen der Fachgruppe. Es gebe für alle niedergelassenen Ärzte eine generelle Verpflichtung zur korrekten Abrechnung. Abrechnungen von Ärzten würden daher regelmäßig überprüft. Dies diene nicht zuletzt dem Schutz der großen Mehrheit der ordnungsgemäß abrechnenden niedergelassenen Ärzte und dem Schutz des für die Honorarabrechnung geltenden Vertrauensprinzips. Für Hausbesuche gibt es laut KV keine soziale Indikation.

von Sandra Rose

Hintergrund

Sind Menschen schwer erkrankt oder nicht mobil und bettlägerig, haben sie Anspruch auf einen Hausbesuch durch einen Arzt. Liegt ein ­Behandlungsvertrag vor, sind sowohl Hausärzte als auch Fachärzte zu einem Hausbesuch verpflichtet. Hausbesuche sind nicht für Unfälle und lebensgefährliche Zustände vorgesehen. Dann muss der Notdienst gerufen werden. Hat der Arzt keine Möglichkeit, einen Hausbesuch zu machen, muss er für Ersatz sorgen. Eine Ferndiagnose per Telefon ist nicht zulässig. Gesetzliche Krankenversicherungen übernehmen alle anfallenden Kosten.