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Marburg Ehrenamtliche Streitschlichter
Marburg Ehrenamtliche Streitschlichter
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00:17 03.10.2018
In William Goldings „Herr der Fliegen“ war es eine Seemuschel, für die Mediatoren Brigitte Uhr-Gorsky und Volker Klein ist es der ­sogenannte Redestein: In Streitgesprächen darf bei der Mediation nur reden, wer den Stein hält. Quelle: Dominic Heitz
Marburg

An Schulen gehören Konflikte zur Tagesordnung. Wenn ein Streit zwischen Kindern eskaliert, fallen manchmal Worte, die sich nicht so einfach wiedergutmachen lassen. Nicht selten kommt es auch zu Handgreiflichkeiten oder Mobbing.
In den vergangenen Jahren wurde in Deutschland schon einiges dafür getan, um die Atmosphäre an Schulen zu entschärfen. Sozialarbeiter wurden eingestellt und helfen den Kindern, wenn es mal Stress mit den Mitschülern gibt. Doch der Bedarf nach Schlichtung scheint größer zu sein.

Den Eindruck haben jedenfalls Volker Klein und Brigitte Uhr-Gorski vom Verein Seniorpartner in School (SIS). Die beiden engagieren sich als Schlichter an Schulen im Landkreis. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagt Volker Klein. Heute gebe es mehr Gewalt an Schulen als früher, sowohl psychisch als auch physisch. Und das ­Cyber-Mobbing sei auch noch hinzu gekommen.

Verein bildet aus

SIS ist ein internationales Projekt, das ältere Menschen zu ehrenamtlichen Schulmediatoren ausbildet. Die sogenannten ­Seniorpartner wie Uhr-Gorski oder Klein haben sich von einer Psychologin ausbilden lassen. Insgesamt drei Wochen lang, ­eine Woche pro ­Monat, haben sich die beiden das nötige­ Wissen angeeignet, um in den Schulen Konflikte einvernehmlich zu lösen. Und sie lernen weiter: Auch nach der Qualifizierung werden die Mediatoren vom SIS-Verein durch Supervision und Fortbildungen begleitet.

In Hessen engagieren sich 60 SIS-Mediatoren ein- bis zweimal in der Woche an Schulen in Marburg, Gießen, Felsberg und den zugehörigen Landkreisen. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf bringen sie sich etwa an der Gesamtschule Ebsdorfergrund in Heskem, an der Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf oder der Richtsberg-Gesamtschule in Marburg ein. Auch an einigen Grundschulen arbeiten sie. Besonders heftig verliefen Mobbing und andere Konflikte aber eher an weiterführenden Schulen, wenn die Kinder in die Pubertät kommen, sagt Brigitte Uhr-Gorski. „Ab der siebten Klasse wird Mobbing ernst.“

Kinder sollen Streit selbst lösen

Um gegen Mobbing, Gewalt und Konflikte anzugehen, benutzen die Mediatoren ein Konzept, das auf der Basis von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung ruht. „Die Kinder sollen lernen, gewaltfrei zu kommunizieren und Konflikte zu lösen“, erklärt Uhr-Gorski. Die Schüler sollen selbst aus dem Streit herausfinden, ohne das unausgesprochener Groll zurückbleibt.

Dazu gibt es in den Schlichtgesprächen gewisse Regeln, gleiches Recht für alle zum Beispiel. Das impliziert, dass sich die Beteiligten gegenseitig ausreden lassen und die gleiche ­Redezeit bekommen. „Sprich für dich selbst!“ sei eine weitere Regel, sagt Volker Klein. Manchmal bringe er auch den Redestein zum Einsatz. Wer den Stein hält, darf reden. Die anderen müssen zuhören.

Mit ihrer Arbeit wollen Klein und Uhr-Gorski aber nicht nur Streitigkeiten schlichten, sondern auch die Kinder und deren Selbstbewusstsein stärken, damit diese zukünftig besser mit Konflikten umgehen. „Wir wollen die Stärken der Kinder herausstellen“, sagt Brigitte Uhr-Gorski. Die Mediatoren seien Ansprechpartner für die Alltagssorgen der Mädchen und Jungen und unterstützten die Schüler dabei, eigene Lösungswege zu finden. „Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Uhr-Gorski.

„No blame approach“

In akuten Mobbing-Situationen wenden die Seniorpartner mit dem „No blame approach“ (deutsch etwa: Kein-Vorwurf-Ansatz) eine Interventionsmethode ohne Schuldzuweisungen an. Hier werden alle Beteiligten – also Opfer, Täter und Mitläufer – in einen Gruppenprozess einbezogen, der zum Ziel hat, das Mobbing sofort zu stoppen. In dem Prozess spielen die Frage nach Schuld und Strafe keine Rolle. Und zu guter Letzt werde auch die Vertraulichkeit gewahrt. „Aus den Gesprächen dringt nichts nach draußen“, sagt Klein.

„Die Kinder nehmen unsere­ Angebote dankbar an“, sagt er. Und auch für die ehrenamtlichen Seniorpartner springt ­etwas dabei heraus: „Ich wollte ihm Ruhestand noch etwas Sinnvolles tun“, sagt Brigitte­ Uhr-Gorski. Die Mediatoren bieten ihre Dienste den Schulen an, manchmal werden sie gefragt, ob sie helfen können – auch als Ergänzung zur Sozialarbeit. Das Problem ist: Zurzeit sind keine Mediatoren mehr frei. Deshalb sollen im November wieder neue ausgebildet werden – wenn gewollt auch in Seminaren an Wochenenden. Der Verein sucht Interessenten.

  • Weitere Informationen gibt es bei Dr. Anne Traulich unter 0 64 09 / 96 37 oder im Internet unter www.sis-hessen.de

von Dominic Heitz