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Mari Boine: Schamanin der Stimme

Konzert Mari Boine: Schamanin der Stimme

Mari Boine zeigte sich im KFZ am Mittwochabend als unerschöpflicher Quell der Sangeskunst.

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Mari Boine thematisiert in ihren Texten die Rolle der Frau in der samischen Kultur, aber auch immer wieder die Kostbarkeit der Natur.

Quelle: Christoph Spieker

Marburg. Eine Küstenseeschwalbe ist nicht nur ein besonders ausdauernder Flieger, sondern auch ein mitunter temperamentvoller Zeitgenosse. Und wenn schon Mari Boine persönlich diesen Vogel als Seelenverwandten nennt, dann darf man sie auch daran messen.

Gleich dem Namenspaten ist Boine weit gereist, um ihr aktuelles Album „Sterna paradisea“, mit dem sie auf gutem Weg zum zweiten Dutzend Langspielplatten ist, aufzunehmen. Genug war es mit der nordpolaren Kälte Nordnorwegens, Zeit für die Sonne Südafrikas. Barrieren scheinen sie genauso wenig zu interessieren wie den Zugvogel, und so setzte sie ihrem Folkrock auch exotische Elemente hinzu.

Die Samin kommt aus einem Gebiet, in dem Ländergrenzen ohnehin kaum relevant sind. Und so begibt sie sich in ihren Songs auf die Suche nach der historischen Identität des heuten Nordnorwegens, -schwedens, -finnlands und-russlands, deren Traditionen mit der Christianisierung im 16. Jahrhundert marginalisiert wurden.

Am Mittwochabend brachte sie vor zirka 150 Zuschauern ihre mit Sehnsucht getränkte Musik ansteckend auf die Bühne. Dazu musste man nicht ihre Texte, in denen sie die Rolle der Frau in der samischen Kultur und vor allem die Kostbarkeit der Natur thematisiert, verstehen. Der Wechsel zwischen ihrer Muttersprache, Norwegisch und Englisch war natürlich nur in Teilen nachvollziehbar. Es reichten die Klänge, ein Gefühl von heilsamer Wohligkeit grassieren zu lassen.

In einigen Momenten mischte sich die samische Volksmusik auch mit afrikanischen Klängen und Rhythmen. Die Titel des neuen Albums brachten sanfte, leichtherzig beschwingte Melodien, die einen erfrischenden Kontrast zu den klassischen düstereren Stücken boten.

Aber ohne das unglaublich feinfühlige, per se beschwörende Spiel der Percussions wäre die von Boine perfektionierte Gesangstradition des Joik nur halb so betörend gewesen. Mit präzisen Tempi-Wechseln goss das Schlagzeug das Fundament für einen musikalischen Ritus, der schamanische Kräfte entfaltete. Die Bandbreite der Gitarre setzte dazu die Akzente, die die 53-jährige Samin mit ihrer schier unerschöpflichen Stimme aufnahm und verstärkte.

Die zuverlässige musikalische Begleitung der Trompete, des Basses, des Schlagzeugs und anderer Saiteninstrumente schien beinah naturgewachsen. Mari Boine konnte zumindest schwerelos über die Bühne segeln. Sie könnte sich mit ihrer Erfahrung mittlerweile wohl auch problemlos als Autorin eines Gotteslobs der Naturreligion verdingen. Anhänger hat sie in Marburg immerhin reichlich gefunden.

von Christoph Spieker

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