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Marburg Auf den Spuren Tucholskys
Marburg Auf den Spuren Tucholskys
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14:25 08.06.2017
Peter Böthig, Direktor des Tucholsky-Museums, hält eine Original-Ausgabe des Tucholsky-Werks „Rheinsberger Buch für Verliebte“ in den Händen. Quelle: Jörg Carstensen

„Seinen eigentlichen Anfang nahm das Abenteuer erst, als sie in Löwenberg ausstiegen. Der D-Zug ruhte lange und dunkel in der Halle unter dem Holzdach – sie durchschritten einen Tunnel, oben, im hellen Sonnenlicht, stand die Kleinbahn nach Rheinsberg … Der Zug ruckte und ruckelte sich gemächlich durch Salatgärten, Hofmauern. Der Horizont flimmerte blendend weiß … War es eine Schönheit, diese Landschaft? … Man freute sich im Grunde, dass alles da war.“

Mit diesen Worten beschrieb Kurt Tucholsky in seiner kurzen Erzählung „Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte“ die Ausfahrt der frisch verliebten Wolfgang (Wölfchen) und Claire zu ihrer Landpartie von Berlin in die Mark im Jahr 1911. Rund 100 Jahre später machte sich Marc Kayser ebenfalls zu dieser Reise auf. Kayser, Journalist und Autor wie Tucholsky, war 2013 für einige Monate Stadtschreiber in Rheinsberg und hat sich offensichtlich auch in das Städtchen verliebt. Nun legt er seine eigene „Liebeserklärung an Rheinsberg“ vor: „Ein Wochenende mit Tucholsky“.

Man kann das durchaus ein gewagtes Unterfangen nennen. Denn Tucholsky hatte mit seinem Klassiker für Liebespaare Maßstäbe gesetzt. Das Büchlein hatte in der wilhelminischen Zeit schon allein dadurch für Spannung gesorgt, dass die beiden unschicklicherweise unverheiratet waren. Hinzu kam eine für damalige Verhältnisse emanzipierte junge Frau mit recht 
losem Mundwerk.

Nettes, zuweilen kurzweiliges Büchlein

Von daher galt es, sich vom großen Vorgänger abzusetzen. Und das versucht Kayser auch. Er verweist zwar immer wieder auf das Vorbild. Schon im Prolog macht er deutlich, dass das Büchlein Tucholskys den Anstoß zu dem Wochenendausflug seiner Protagonisten Gilbert und Linn gibt. Doch diese 
reisen natürlich mit dem Auto 
an, und „das Städtchen von heute ist nicht mehr das Städtchen von einst“, obwohl hie und da Tucholskys Rheinsberg wieder aufblitzt.

Zudem sind Gilbert und Linn – er ist Bahn-Manager, sie Künstlerin – in einer anderen Lebens- und Liebesphase als Wölfchen und Claire. „Der Herr heißt Gilbert und fühlt sich seiner Linn – beide nähern sich der Vierzig – seit zehn Jahren eng verbunden. Und doch: seit Wochen schwelt die Liebe von einst nur noch auf kleiner Flamme.“ Es ist sicherlich schwierig, in einer Stadt Stadtschreiber zu sein, die so sehr mit dem großen Tucholsky verbunden ist. Dennoch ist Kayser ein nettes, zuweilen kurzweiliges Büchlein gelungen.

  • Marc Kayser: „Ein Wochenende mit Tucholsky. Liebeserklärung an Rheinsberg“, Bild und Heimat Verlag, 118 Seiten, 14,99 Euro.

von Ruppert Mayr