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Marburg Magistrat lehnt Gratis-Nahverkehr ab
Marburg Magistrat lehnt Gratis-Nahverkehr ab
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00:19 24.09.2018
Fahren Marburger Stadtbusse bald auch vermehrt in das Umland? Quelle: Ina Tannert
Marburg

Die nun angesichts der massiven Gewerbesteuereinnahmen bevorstehenden ÖPNV-Veränderungen – etwa die Tarifvereinheitlichung und die Einrichtung von Shuttlebussen – sorgt laut Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) für Mehrkosten von rund einer Million Euro.

Henning Köster (Linke) spricht im Verkehrsausschuss von „guten ersten Schritten in Richtung kostenlosem ÖPNV“, Hans-Werner Seitz (Grüne) sieht das ähnlich, plädiert für künftige Gratisfahrten auf der Innenstadtachse zwischen Haupt- und Südbahnhof.

Anstatt die Stadtbusse für alle­ Kunden gratis zur Verfügung zu stellen, wolle man schrittweise Millionenbeträge inattraktive Linien- und Streckenführung, in Taktverbesserungen und die Modernisierung der Busflotte stecken, entgegnet OB Spies. Der Kostenlos-Nahverkehr, und sei es örtlich zwischen den Bahnhöfen oder zeitlich auf Wochenenden begrenzt, sei die „falsche Strategie“, da es auf Kosten der Qualität gehen würde.

Ein Gratis-ÖPNV in Marburg kostet Magistratskalkulationen zufolge rund zehn Millionen Euro pro Jahr – Geld, das zum einen nur in fetten Gewerbesteuerjahren wie dem laufenden vorhanden sei und zum anderen dann grundsätzlich für bauliche, personelle oder strukturelle Investitionen fehlen würde. Käme es angesichts der bestehenden infrastrukturellen Voraussetzungen – zu der auch Fahrer- und Personalmangel zählten – zu einer deutlichen Steigerung der Fahrgastzahlen, würde der städtische Nahverkehr „zusammenbrechen“.

Spies will Umland besser anbinden

Die grundsätzlichen Bedingungen für einen Kostenlos-Nahverkehr seien nicht gegeben und ließen sich „auch perspektivisch nicht schaffen“, sagt Spies.

Laut OB solle trotzdem ein Ausbau auch des Streckennetzes schrittweise vorangetrieben­ werden. Buslinien aus Marburg,­ dem Zentrum und Anziehungspunkt der Region, dürften nicht an den städtischen Gemarkungsgrenzen oder maximal in Sterzhausen enden. „Wir müssen über weitere Punkte sprechen. Die Nahverkehrs-Verschränkung mit dem Landkreis ist in alle Richtungen stark entwicklungsfähig.“

Goßfelden, der dortige Bahnhof als geplanter Behringwerke-Pendlerpunkt, sei für die Stadt und die Entspannung der innerstädtischen Verkehrsbelastung zwar „ein zentraler Aspekt“, aber gleichsam auch „nur ein erster Schritt“ in das Umland.

Doch an den Kosten für solch einen Netzausbau, ausgehend von und in das regionale Zentrum, „müssen sich auch andere – nicht nur die Stadt und Steuerzahler in Marburg – angemessen beteiligen“, sagt Spies mit Blick etwa auf den Landkreis Marburg-Biedenkopf und Genehmigungs-Probleme­ beim Regierungspräsidium ­Gießen, das speziell die geplante Marburg-Goßfelden-Anbindung wegen Schaffung von ­Parallelverkehr als unzulässig ­einstuft (OP berichtete).

Pirat regt Mini-ÖPNV-Pauschale an

Dr. Michael Weber (Piraten) beklagt indes „Mutlosigkeit“ des Magistrats und der ZIMT-Regierung, grundlegende Dinge „komplett neu anzugehen“. Er verweist auf eine vor Jahren gestartete Piraten-Initiative zur mindestens testweisen Einführung eines umlagefinanzierten Kostenlos-ÖPNV. Demnach solle jeder Wahlberechtigte Marburger eine Mini-Pauschale zahlen und könne dann gratis Bus fahren.

„Es tut sich aber nichts, es sind immer nur kleinste Veränderungen über noch kleinere Stellschrauben.“ Fabio Longo (SPD) verweist hingegen auf die „sehr eingeschränkte Handlungsfähigkeit“ einer Kommune und die in Hessen fehlende Rechtsgrundlage für ein beitragsfinanziertes Nahverkehrssystem.

von Björn Wisker