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Marburg Marburgerin wird Chefin von Europa-Uni
Marburg Marburgerin wird Chefin von Europa-Uni
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00:17 06.10.2018
Professorin Julia von Blumenthal wechselt von Berliner Humboldt-Universität an die Viadrina in Frankfurt (Oder). Quelle: Heide Fest
Marburg

Viel zu tun in dieser Zeit: Julia von Blumenthal bereitet sich auf ihre neue Rolle vor. Ab 1. Oktober steht sie als Uni-Präsidentin an der Spitze der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Termin reiht sich an Termin. Sie pendelt von ihrer alten Wirkungsstätte in Berlin die Ein-Stunden-Strecke nach Frankfurt – zur neuen Zweitwohnung und zum neuen Amt. Am Telefon ist die agile 48-jährige Politikwissenschaftlerin konzentriert und schnell. Gerade eben hat sie noch ihre Berufungsurkunde erhalten, bald steht die Antrittsrede als Präsidentin bevor.

Darin hat sich Blumenthal vorgenommen, der Viadrina wieder zu Glanz zu verhelfen. Bislang assoziiert man die 1991 neu gegründete Uni immer noch mit Gesine Schwan, ebenfalls Politikwissenschaftlerin und ehemalige Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin. Die Universitätsstadt an der Oder sei prädestiniert dafür, für den europäischen Gedanken zu werben. Auf der Agenda der designierten Uni-Präsidentin steht das dann auch ganz oben: Austausch und Verständigung zwischen Ost und West, enge Kooperation mit der polnischen Partner-Universität in Posen.

Auch die Eltern arbeiteten für die Uni

Und auch das sogenannte Weimarer Dreieck zwischen Deutschland, Polen und Frankreich hat sie auf Uni-Ebene schon zu knüpfen angefangen. Gespräche fanden statt mit der Universität Paris 1, der Sorbonne. Die Viadrina hat 6.500 Studierende, ausschließlich in den Fächern der Kultur-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Frankfurt (Oder) ist mit rund 60.000 Einwohnern nicht ganz so groß wie Marburg. Die dortige Uni prägt nicht so stark das Stadtgeschehen wie im Lahnstädtchen mit rund 27.000 Studierenden. Doch der Campus der Viadrina liegt mittendrin im Zentrum der Stadt am Europaplatz.

Die enge Verknüpfung von Stadt und Uni in Marburg hat Blumenthal geprägt, wie sie selbst sagt. Vater und Mutter waren an Schulen und Philipps-Universität beschäftigt. Sie selbst besuchte das Gymnasium Philippinum, Abiturjahrgang 1989, Leistungskurs Altgriechisch. Dort hat sie auch Aristoteles im Original gelesen. „Ich bin ein politischer Mensch“, berichtet die 48-Jährige über sich selbst in Anspielung an die griechischen Urväter der Staats- und Politiktheorie. „Politik bedeutet für mich das Herstellen von verbindlichen Regeln für die Gesellschaft.“

Mehrmals im Jahr auf Familienbesuch in Marburg

Blumenthal studierte in Hamburg und Heidelberg und wäre nach einer Lehrstuhlvertretung in der Nachbarstadt Gießen (Wohnung aber in Marburg) fast in Mittelhessen geblieben. Die Wege im akademischen Betrieb sind jedoch oft nicht vorgezeichnet. So kam im Jahr 2009 der Ruf an die Humboldt-Universität in Berlin, „und da sagt man nicht nein“, berichtet Blumenthal. Dort lehrte und forschte sie ihren Schwerpunkt, die Innenpolitik der Bundesrepublik Deutschland, und war bis zuletzt Dekanin der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät.
Aus ihrer Marburger Zeit bleiben Erinnerungen wie etwa die ruhigen Bahnen, die sie für den Marburger Schwimmverein im Europabad und Luisabad dereinst zog. Beides perdu.

Nach Marburg führen sie noch mehrmals im Jahr Familienbesuche. Zudem liegt Marburg mitten in Deutschland, da ist eine Stippvisite immer möglich. Ansonsten ist die Politikwissenschaftlerin und Bildungsmanagerin auf ihre neue Aufgabe fokussiert, dürfte allerdings in Zukunft häufiger in Diskussions- und Talkrunden zu sehen sein.

Ziel: Zusammenarbeit mit Polen vertiefen

Wichtig für unsere Gesellschaft ist ihrer Auffassung nach eine gute Bildung. Und daher sieht Blumenthal es als folgerichtig, jetzt an die Spitze der Bildungseinrichtung Viadrina zu wechseln. Polen ist der Politikwissenschaftlerin nicht unbekannt. Seit ihrer Berliner Zeit besuchte sie das Nachbarland häufig mit ihrem Ehemann. Sie studierte zum Magister in Heidelberg auch Slawistik: Seither hat sie sich immer wieder mit Osteuropa beschäftigt.

In Zukunft kann sie die politischen Realitäten und Herausforderungen beider Länder in der Doppelstadt Frankfurt (Oder) und Slubice hautnah miterleben und gestalten – das Trennende symbolisiert durch den Fluss, das Verbindende durch die zentrale Oderbrücke. Gleich dahinter liegt neben dem ersten Verkehrskreisel das Collegium Polonicum, eine gemeinsame Wissenschaftseinrichtung von Viadrina und ihrer Partneruniversität Posen.

Dort strebt von Blumenthal die Vertiefung der lebendigen Zusammenarbeit mit Polen an. „Auf der großen politischen Ebene gibt es viele Schwierigkeiten“, sagt von Blumenthal. Als Präsidentin möchte sie die Viadrina als Ort der Debatte um Werte und Ziele in Europa nun deutlich sichtbarer machen.

von Martin Schäfer