Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Marburgerin sucht Zeitzeugen für Sexspielzeug-Studie
Marburg Marburgerin sucht Zeitzeugen für Sexspielzeug-Studie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 30.12.2018
Quelle: Björn Wisker
Marburg

Das Gerät, das für das ultimative Glücksgefühl sorgen soll, ist ein Ungetüm. Es ist silber, liegt schwer in der Hand und aus seinem Inneren baumelt ein Steckerkabel gen Boden. Würde Nadine Beck sich das sperrige Gerät an ihre blonden Haare halten, würde es wohl jeder Betrachter als Fön, als ein seltsam surrendes Technikteil, vielleicht gar einen rustikalen Revolver aus dem Antiquariat wahrnehmen. Aber als ein Sexspielzeug, als den letzten Schrei zur Selbstbefriedigung in einer Zeit, drei, vier Jahrzehnte bevor sich die freie Liebe in den späten 1960-Jahren Bahn brach?

Beck schmunzelt als sie den Vibrator, von der Firma Sanax alternativ in den 1930er-Jahren auch als Penetrator oder Vibrofix beworben, aus der Schachtel befreit. „Das ist schon echt ein grobes Ding. Eigentlich schwer vorstellbar, dass man das im Genitalbereich benutzte“, sagt die 42-Jährige. „Nicht nur, dass es klobig und wie ein Rührgerät aussieht, es läuft bei der Anwendung auch heiß und ist laut.“

Die Kulturwissenschaftlerin, die regelmäßig zwischen der Philipps-Universität und Hamburg pendelt, hat sich Vibratoren verschrieben und deren Weg zur Massentauglichkeit in Deutschland. Denn was heute als gängiges und in verschiedenen Formen und Farben erhältliches Sexspielzeug fungiert – laut aktueller Studien besitzen rund 60 Prozent aller Frauen „Sex-Toys“, meist Vibratoren – kam in der Bundesrepublik erst viel später auf den Markt als anderswo.

Vom Medizin-Gerät zum Orgasmus-Helfer

Im Jahr 1869 erfand der amerikanische Arzt George Taylor einen dampfbetriebenen Massage- und Vibrationsapparat, den „Manipulator“, mit dem kränkelnde Frauen im Genitalbereich massiert werden konnten. Wenige Jahre später ließ sich der britische Mediziner Joseph Mortimer Granville den ersten elektrischen Vibrator patentieren – der eigentlich zur Muskelentspannung dienen sollte.

Das Gerät, das wenig elegant „Hammer“ getauft wurde, machte eine seit Jahrhunderten praktizierte Therapieform überflüssig: Die manuelle Massage der Klitoris bei Patientinnen mit sogenannter Hysterie – was als ­eine Erkrankung bezeichnet wurde, die von der Gebärmutter ausgeht und die Frauen zu einem seltsamen Verhalten zwang. Zentraler Therapieansatz: Die Frau zum Orgasmus zu bringen, sie dadurch zu beruhigen. Das wurde von Ärzten lange mit manuellen Massagen des Genitalbereichs erledigt. Später entwickelten sich verschiedene Möglichkeiten, wie etwa die Wasserstrahlbehandlung, die wiederum durch den elektrischen Vibrator abgelöst wurde.

Auf der Pariser Weltausstellung 1900 wurden über ein Dutzend Modelle vorgestellt, etwa­ Standgeräte mit Rollen, einige baumelten von der Decke und erste sündhaft teure Modelle, die an die Steckdose angeschlossen werden konnten.
Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wurden Vibratoren in Deutschland als Massagegeräte – etwa „Sanax“, „Dixette“, „Supremo de Luxe“ und „Massan“ – vermarktet und von Firmen hergestellt, die auf Sanitär- oder Hygieneprodukte spezialisiert waren.

Nach sexueller Revolution und Porno-Produktionen ab den späten 1960er-Jahren gilt nicht zuletzt die US-Serie „Sex and the City“ Anfang der 2000er-Jahre als Auslöser dafür, dass auch das Schmuddel-Image des Sexspielzeugs verschwunden ist. Mittlerweile gehören Vibratoren auch zum Verkaufssortiment von ­Drogerieketten.

„Den Anfang machten ­alte Zeitungsanzeigen, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Ich sah die und dachte: Moment mal, da steht Vibrator, aber wieso sieht dieses Ding aus wie ein Rührgerät und wieso halten die Leute sich das an die Nasenspitze und an den Rücken, sowohl Frauen als auch Männer? Und das zu einer Zeit, in der hier puritanisch tote Hose war. Das weckte mein Interesse, zu all diesen Widersprüchen wollte ich mehr wissen.“

Denn Anzeigen in den USA lassen schon sehr früh durchblicken, das auch eine sexuelle Verwendung dieses Massagegeräte möglich ist. Und in Deutschland, Becks Forschungsfeld, waren die Menschen damals wirklich so unschuldig? Oder sprach man hinter vorgehaltener Hand über die Geräte? Wer kaufte die phallischen Vibratoren? Wie sprach und dachte man über sie? Wann und wie begann der Siegeszug des surrenden Sexspielzeugs in den Läden – etwa den „Fachgeschäften für Ehe­hygiene“ – und Betten?

„Der Messias der Masturbation oder doch ein slow-seller – ich bin auf Spurenlese in einer Zeit von gesellschaftlicher Doppelmoral und bevor die Sexwelle in der Mitte ankam“, sagt Beck mit Verweis auf den Zeitraum zwischen 1966 bis 1970, als Vibratoren auf den Markt kamen.

„Die sexuelle Komponente wurde verschleiert“

Ihre wissenschaftliche Hypothese, die es in den kommenden Monaten zu bestätigen oder zu widerlegen gilt: „Das Ding fiel vom Himmel und alle fanden es toll.“ Werbung für die Geräte habe es jedenfalls ab dem späten 19. Jahrhundert bis in die 1920er-Jahre regelmäßig gegeben, über die 1930er und zumal in der Weltkriegs-Zeit riss diese ab und wurde in der Nachkriegszeit – wenn auch oft verschleiert, etwa als Entspannungsapparat – stückweise salonfähig. So finden sich in Erotikmagazinen wie etwa den St.-Pauli-Nachrichten verstärkt Beweise für deren immer weitergehende Verbreitung.

„Schönheit durch Hautpflege, Durchblutungs-Förderung, Entspannung: Die sexuelle Komponente des Gerätes wurde lange verschleiert, weil tausend ungeschriebene Gesetze der Zeit dafür gesorgt haben, dass über das Eigentliche, geschweige denn über den Kauf und Einsatz von Sexutensilien nicht gesprochen wurde.“ In Zeiten des noch aus der Kaiserreichszeit stammenden Schmutz- und Schund-Paragrafen hätte man sich öffentlich lediglich knöchern wissenschaftlich, über Fachliteratur dem Thema Sex genähert – zumal der weiblichen Sexualität. Keuschheit, Prüderie, sexuelle Verklemmung: Das seien aber vor allem „Phänomene der bürgerlichen Oberschicht“ gewesen.

Die fallische Form – ein Auslaufmodell

Lustempfinden statt Liebesdienst, Orgasmus über klitorale Stimulation, Einsatz auch von Massagestäben beziehungsweise Vibratoren? Im Arbeitermilieu ist das nach Becks bisherigem wissenschaftlichen Kenntnisstand anders gewesen, „da wussten die Leute meist ganz genau wie was geht und mit welchem Gerät was anzufangen ist“.

Ihre fallische Form – also die Anlehnung der Vibratoren-Gestalt an den männlichen Penis – erhielten die Sex-Spielzeuge erst im Laufe der 1960er-Jahre; was heute bereits wieder als überkommenes Design gilt.

Marburg, der gesamte Landkreis Marburg-Biedenkopf sei angesichts der Mischung etwa der Bildungsschichten und Erwerbsbiografien grundsätzlich ein perfektes Forschungsfeld auch für diesen wortwörtlichen Intimbereich. Studenten und sowohl liberales als auch konservatives Bildungsbürgertum in der Universitätsstadt auf der einen Seite, das evangelisch geprägte Hinterland und der katholisch geprägte Ostkreis auf der anderen Seite, stellen laut Beck ein „ideales Untersuchungsgebiet“ dar.

Kontakt

Kontakt: beckn@students.uni-marburg.de
Interviews sind laut der Studienautorin persönlich oder anonym, telefonisch und sowohl per E-Mail als auch via Skype möglich. Teilnehmer erhalten von ihr nach eigenen Angaben einen Gutschein eines Erotikwaren-Herstellers.

Schon vor Jahren, bei ihren Recherchen zu dem unter Alt-Marburgern legendären Beatclub „Club-E“, sei sie mit ihren Fragen zu der Zeit, zum Zeitgeist – auch der sexuellen Revolution – in der Universitätsstadt auf offene Ohren, auf Hilfs- und Auskunftsbereitschaft gestoßen. Das erhofft sie sich auch diesmal, anlässlich des im kommenden Jahr bevorstehenden 150. Geburtstages des Sexspielzeugs, von den Bewohnern ihrer Heimatstadt. Sie wolle dabei mit Zeitzeugen aller sexuellen Neigungen, nicht nur mit heterosexuellen und sexuell aktiven Menschen reden – und vor allem mit jenen, die Vibratoren und Co. ablehnten. Einzige Voraussetzung: „Sie müssen sich erinnern, dass es diese Dinger gab.“

von Björn Wisker